Unsere Heldentat… die dann doch keine war

Ihr dürft uns ab sofort „Heroes“ nennen, denn wir haben den Schlag von Gran Canaria nach Teneriffa geschafft. Wie? Ihr findet, 50 Seemeilen zu segeln ist keine Leistung? Unverschämtheit! Wir bestehen auf die Tapferkeitsmedaille!

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Blick Richtung Gran Canaria. Ja von dort sind wir gerade gekommen.

 

Okay, okay, ihr habt ja Recht. Es gibt weitaus heroischere Captains als meinen und tapferere Crews als mich, obendrein sind 50 Meilen ja wirklich keine Heldentat und die Kanaren liegen auch nicht in den brüllenden Vierzigern. Trotzdem muss man starke Nerven haben, um den Absprung von Puerto de Mogán nach Teneriffa zu wagen und das liegt nicht an den unüberwindbaren Wetterbedingungen auf dieser Strecke sondern vielmehr an den Seglern, genauer gesagt an den Seglergeschichten. Seemannsgarn eben.

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Gerefft und vorbereitet… auf den Wind, der da kommen möge.

In den vergangenen Tagen haben wir jedenfalls viel gelernt. Viele Geschichten, schreckliche Geschichten, haben wir gehört und lernten letztendlich daraus, in erster Linie nicht anderen sondern uns selbst zu vertrauen. Denn das dickste Seemannsgarn wird von jenen gesponnen, die selbst nicht dabei waren. Also von jenen, die von jemandem gehört haben, dass…

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Zwischen den Inseln

Fakt ist, dass zwischen den kanarischen Inseln sogenannte Acceleration Zonen liegen. „Düseneffekt“ sagen wir dazu, denn der beständige Nordost-Passat, der hier ganzjährig – mal mehr mal weniger – weht, muss sich sozusagen zwischen den Inseln durchquetschen und dabei beschleunigt er. Am stärksten ist dieses Phänomen zwischen den beiden höchsten Inseln zu bemerken: Gran Canaria und Teneriffa. Hier weht der Passat sowieso durchschnittlich mit einer Windstärke mehr und dort, wo die Düse so richtig Gas gibt, darf man nochmal zwei Beaufort dazukalkulieren.

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Wir warten immer noch

 

Und jetzt von den Fakten zu den Geschichten:

„Jede Woche sehen wir Segler hier rausfahren und ein paar Stunden später sind sie wieder zurück. Draußen weht es, das kannst du dir hier nicht vorstellen.“

„Ich kenne einen Segler, der ist bei absolut herrlichem Wetter hier rausgefahren und zack, fünf Meilen hinter der Küste legte der Wind das Boot komplett auf die Seite. Binnen einer Sekunde.“

„Da draußen hat’s immer 60 bis 70 Knoten. Immer. Das muss man halt wissen, wenn man rüberwill,“

„Die Prognosen kannst du allesamt vergessen. Rechne mal mit 15 Knoten mehr, dann kommst du annähernd hin.“

„Letztens ist eine Crew mit völlig zerfetzten Segeln reingekommen. Die sind bei moderaten Wetterbedingungen in La Gomera losgefahren, aber dann, fünf Meilen westlich von Teneriffa….“

Unser Stegnachbar Owe, Langfahrtsegler mit immerhin 150.000 Seemeilen am Buckel, grinst nur angesichts der dramatischen Geschichten und meint lapidar: „Die Acceleration ist ja bekannt, daher kannst du dich einfach darauf vorbereiten: fünf Meilen nach der Küste reffst du.“

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Der Captain im Morgengrauen.

Dieser Rat gefällt uns. Am Mittwoch starten wir frühmorgens (also für unsere  lazy Verhältnisse frühmorgens) um 8 Uhr. (Ehrlich gesagt wurde es halb neun, aber unser Lebensmotto lautet gerade: Pfeif’ auf Pünktlichkeit!) In Puerto de Mogán herrscht um diese Zeit wie fast immer Windstille und wir motoren erst mal die Küste entlang. Als der Wind einsetzt, setzten wir Segel und dann sitzen wir mit gerefftem Groß und ebenso gereffter Fock im Cockpit und warten auf die Düse. „Be prepared“, haben wir Owes Worte noch im Ohr. 20 Knoten NO mit Böen bis 25 sind vorausgesagt. „Rechnen wir mal mit 15 Knoten mehr“, unkt der Captain.

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Ich seh, ich seh… den Teide!

Was soll ich sagen? Die Acceleration fand offenbar anderswo statt. Wir warteten vergeblich darauf und „Windy“, der Wetterdienst, der uns so oft im Stich gelassen hatte, den wir so oft verflucht hatten, hatte diesmal Recht. Mit 20 bis 25 Knoten NO überquerten wir die Accleration Zone, gegen Abend drehte der Wind – wie ebenfalls vorhergesagt – auf ONO, erreichte Spitzen bis 30 Knoten und schob Maha Nanda auf unserem Lieblingskurs – Raumschot – nach San Miguel de Abona im Süden Teneriffas. Erst nach Sonnenuntergang erreichten wir den Hafen… Wir hätten vielleicht doch ein bissl pünktlicher starten sollen 😉

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Sonnenuntergang über Teneriffa.

Die nähere Umgebung der Marina haben wir schon mal erkundigt, unsere Begeisterung hält sich bisher in Grenzen. Sind überzeugt, dass es auf Teneriffa noch schönere Orte zu entdecken gibt, als diese Hotel-Retortenstadt. Immerhin bietet sie die bis dato ungeschlagene Nummer 1 im Ranking der schrecklichsten Gebäude unserer Reise: Das Bahia Principe Fantasia Hotel. Neuschwanstein im Plastikformat. Hilfe! 

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Das Grauen hat einen Namen. Fantasia Hotel.

Aber zum Relaxen ist es fein hier in der Marina, überhaupt sind auch die Marina-Mitarbeiter sehr relaxed. Angeblich ist die Office rund um die Uhr besetzt, praktisch scheiterten unsere Versuche, bei unserer Ankunft spätabends über VHF Kontakt aufzunehmen, wieder mal. Wir visierten also den erstbesten Steg, der uns im finsteren Hafenbecken geeignet schien, an und machten fest. Zack, fertig, gute Nacht!

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Da liegt sie gut, unsere Maha Nanda.

Seit zwei Tagen liegen wir nun hier und das Interesse von Seiten der Officials, unsere Papiere zu begutachten und uns einen Platz zuzuweisen, hält sich weiterhin sehr in Grenzen. Wir bemühen uns redlich, Christoph sprach zweimal persönlich im Büro, das einen halbstündigen Fußmarsch rund um das gesamte Hafenbecken entfernt ist, vor, rief ein paar Stunden später noch einmal an, heute Vormittag erneut. Ein Marinero werde zu unserem Boot kommen, hieß es. Wir warten. Und warten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten sie noch immer. 

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Südküste von Teneriffa.
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Schwarzer Lava-Strand. Im Hintergrund die Marina von San Miguel.

5 Kommentare

  1. Hier am Festland mitten im sonnigen, kriesengebeutelten Österreich, lesen sich eure Segelabendteuer sehr wohl tuend.
    …fehlt nur noch der Aperol, aber den hol ich mir jetzt! 😉
    Liebe Grüße an Euch!

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  2. As wir vor vielen Jahren von Gran Canaria rueber nach Teneriffa gesegelt sind, war der Wind kein Problem. Genau erinnere ich mich nicht mehr, aber mehr als gute 4 Windstaerken werden es nicht gewesen sein. Lag aber vielleicht daran, dass es ueber Nacht war, und Aeolus sich zur Nachtruhe begeben hatte. Schliesslich muss ja auch der Gott des Windes mal schlafen 😉

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