Wozu ist der Ganges da? In Varanasi muss die Antwort lauten: für alles. Mit dem heiligen Fluss geht man hier nicht zimperlich um, er muss für alles herhalten, Ganga Ma, Mutter Ganges ist das Leben. Nicht nur im spirituellen Sinne, sondern im ganz banalen alltäglichen. Sie reinigt alles, und das, obwohl ihr Wasser mehrere tausendfach die Grenzwerte für Kolibakterien überschreitet. Der Ganges gehört – rein chemisch betrachtet – zu den schmutzigsten Flüssen der Welt.

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Armseliger Versuch, den Ganges mechanisch zu reinigen

Arsen, Cadmium, Blei und Chrom – ein paar Beispiele von Giftstoffen, die über Milliarden Liter Industrieabwässer in den Fluss geleitet werden. Ein Hotspot des Umweltschreckens ist Kanpur, die Stadt oberhalb von Varanasi ist Lederindustrie-Standort und aus ihren Fabriken werden täglich unzählige Hektoliter an grün, rot und braun verfärbten giftigen Abwässern in Mutter Ganges gespült. Die Pläne von Premierminister Narendra Modri, den Ganges zu reinigen, sind vollkommen gescheitert, nichts hat sich seit seinen lautstarken Ankündigungen vor vier Jahren verbessert. In Wahrheit kämpft man schon seit Jahrzehnten mit dem Problem, denn die Erkenntnis der indischen Politik, dass der Fluss hochgradig verseucht ist, mündete schon 1985 in die „Central Ganga Authority.“ Damals wurde ein Aktionsplan zur Sanierung des Flusses aufgestellt, seitdem wurden viele Pläne gewälzt und noch viel mehr Rupien bereitgestellt. Allein, Ganga Ma wird immer schmutziger.

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In den Augen der gläubigen Hindus kann allerdings nichts der Reinheit des Ganges anhaben und sein Wasser ist Teil der Gebetszeremonie, der Puja. Tausende Menschen strömen täglich in die Stadt, sei es, um zu beten, zu heiraten oder seine letzten Tage hier zu erleben. Denn für Hindus ist Varanasi der beste Ort zu sterben, Menschen mieten sich hier in Zimmern von Sterbehäusern ein, um auf den Tod zu warten. Gesunde, Kranke und Sterbende, sie alle trinken an den Stufen zum Fluss, den Ghats, das heilige Wasser, an zwei Plätzen des kilometerlangen Stadtufers, eines davon das Manikarnika Ghat, finden die Verbrennungszeremonien statt. Sie sind öffentlich, Anghörige und Neugierige, Trauernde und Touristen beobachten, wie die Scheiterhaufen aufgehäuft und angezündet werden. Mindestens ein Kilo Holz pro Köperkilo, je reicher die Familie umso teureres Holz wird verwendet, der Premierminister wird in Sandelholz verbrannt.  Nur reine Menschen werden nicht dem Feuer übergeben – dazu zählen Priester, kleine Kinder, Schwangere und an Schlangengift Gestorbene – ihre Leichen werden in die Mitte des Flusses gebracht und Ganga Ma übergeben.

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Ich sehe mich selbst nicht als spirituellen Menschen, bin absolut rational denkend. Vielleicht habe ich auch deshalb mein Kulturanthropologie-Studium ohne ernsthafte mentale Schäden und unter Verzicht auf transzendentale Erfahrungen überstanden 😉 Aber in Varanasi, an den Burning Ghats, hat mich die Atmosphäre richtiggehend überrollt. Die vielen Menschen und trotzdem beinahe absolute Stille, die Hitze und die brennenden Scheiterhaufen, der schwarze Rauch, der sich als Ruß auf alle Stufen und Tempel, auf alles in der näheren Umgebung legt, die Ascheberge, die sich am Ufer ansammeln. Zwischendrin sieht man orangefarbene Tücher-Reste der Leichname, oberhalb der Ghats türmen sich riesige Stapel Holz, sie werden hier von einer alten Frau, die neben den Holzstapeln in einer Hütte hockt, verkauft. Europäer werden angehalten, für Arme zu spenden, damit diese ihre Verbrennung finanzieren können, denn das Holz ist teuer. Am Ufer waschen Opportunisten Asche, sie sammeln die Goldzähne der Toten. Viele Varanasi-Besucher sagen, die stillen Verbrennungszeremonien an den Ghats hätten etwas Friedliches. Für mich herrschte hier Endzeitstimmung, vier Tage in dieser Stadt waren für uns definitiv genug.

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Der Großteil der Ghats in Varanasi wird allerdings für Alltägliches genutzt, dazu gehört das morgendliche Köperhygiene-Ritual inklusive Zähneputzen, Wäsche waschen, Geschirr waschen, Wasserbüffel waschen. Hier wird alles… sauber. Und da Varanasi Tourismus-Hotspot ist und sich hier nicht nur jede Menge Alt-Hippies auf Selbstfindungstrip sondern auch Backpacker, Yoga-Schüler und mutige Senioren auf der Durchreise Richtung Goa herumtreiben, ist man als Europäer beliebtes Opfer von Bettlern und Verkaufsgenies aller Art. Hier wird dir auf Schritt und Tritt alles angeboten was man für Geld kaufen kann, du kriegst – wenn du willst und wenn du daran glaubst – die feinsten, günstigsten Kaschmirschals, den edelsten Goldschmuck Indiens und das reinste Bhang (Marihuana). Superbillig das alles, ehrlich…

Allerdings will dir nicht jeder junge Mann, der freudig auf dich zusteuert, sein Zeug andrehen. Sehr beliebt sind nämlich Selfies mit Europäern und so schnell kannst du gar nicht schauen, bist du in zig indischen Smartphones verewigt, umringt von grinsenden jungen Männern.

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Was wir uns selbstverständlich auch jeden Abend gegeben haben: die große Puja am Dashashwamed Ghat, sie wird täglich inklusive des spektakulären Licht-Rituals, dem Aarti, in Anwesenheit von fünf- bis zehntausend Zuschauern abgehalten. Täglich! Und trotz meines Realismus und meiner fehlenden Spiritualität muss ich gestehen, es hat etwas Magisches, wenn die jungen Pandits (religiöse Gelehrte) ihre großen Feuerlampen in  ausgeklügeltem Rhythmus zu monotonen Gesängen gegen den dunklen Himmel schwenken.

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Nur der Vollständigkeit halber: Gleich hinter den Ghats, in Varanasis Altstadt und darüber hinaus, erlebst du Indien in seiner indischten Form. Verwinkelte Gassen, vollgestopft mit Verkaufsständen, Unrat, Kühen und wilden Hunden, die breiteren Straßen verstopft von Autos, Tuk-Tuks, Fahrrädern und Rikshas. Lärm, Chaos und Menschenmassen. Ich persönlich habe übrigens das Gefühl, dass die Hälfte aller indischen Kühe in den Gassen von Varanasi wohnt. Mindestens.

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