Wie schaut der typische österreichische Radfahrer aus? Hautenge bunt gemusterte Funktionskleidung, darunter eine sauteure Biker-Unterhose mit Polsterung an den richtigen Stellen, hässliche Fahrradschuhe an den Füßen und eierförmiger Helm auf dem Kopf. Der Lenker auf niedrigster Stufe, Körper vornübergebeugt und verbissener Gesichtsausdruck. Ganz wichtig, das Rad heißt nicht Rad sondern Reaction Hybrid, Cross Bike, Touring, Trekking oder Pedelec. Deswegen entspricht der Preis auch nicht annähernd dem Wert eines Fahrrads sondern hat astronomische Höhen angenommen.

In der 70-Euro-Unterhose

Der Alltagsverkehr in den Städten nimmt zwar zu, wer zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt, zieht sich meist unauffällig an, aber blickt man in andere Länder wie die skandinavischen oder die Niederlanden, erkennt man, Österreich hat noch viel Aufholbedarf.  Ich weiß nicht, wann der Trend begonnen hat und aus dem einfachen Radeln Biken wurde, aber ich find’s amüsant zu beobachten. Wer tatsächlich Sport betreibt, muss sich schützen, keine Frage, bei den Downhill- oder den Radrennfahrern geht’s ja auch um Geschwindigkeiten jenseits von Gut und Böse. Und dass im Stadtverkehr speziell für Kinder der Helm Sinn macht, ist nachvollziehbar. Jedoch bei uns am Land ist es doch erheiternd, wenn sich Senioren von Kopf bis Fuß in die Rennmontur werfen und dann im ihrem Alter entsprechenden Schneckentempo über die Wiesenwege strampeln. Aber vielleicht schwitzt es sich einfach besser in der gepolsterten, atmungsaktiven, schweißabsorbierenden und möglicherweise selbstreinigenden X-Bionic Unterhose um 70 Euro?

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Christoph und unsere zwei Kleinen in den Thaya-Auen. Waren wir zu viert, teilten wir die Last.

Dazu fehlt mit die Selbsterfahrung, ich selbst war halt nie biken, ich geb’s zu, ich war immer nur radeln. In bequemer Alltagskleidung und meistens querfeldein in den March-Thaya-Auen, die gleich hinter meinem Heimatort Rabensburg beginnen. Außerdem bin ich ein paar Jahre mit schwerem Gepäck unterwegs gewesen – ein 13-Kilo-Kind im Sitz, der am Lenker befestigt war, ein 18-Kilo-Kind am Hintersitz. Das war praktisch, hat uns allen dreien Spaß gemacht, und ich kann mich an keine Gefahrensituation erinnern. In Österreich sind die Vordersitze mittlerweile verboten, was genau mit meinem  Kleinen – der manches Mal bei voller Fahrt mit Polster am Lenker ein Nickerchen gemacht hat –  in den Auen hätte passieren können, ist mir schleierhaft aber wahrscheinlich – oder nein, sicher sogar – hat ein städtischer Beamter mit pathologischer Verkehrsphobie dieses Gesetz ausgebrütet.

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Amsterdams Hauptverkehrsmittel

Wer wissen will, wie entspannt zu leben funktioniert, muss nach Holland reisen und wer wissen will, wie entspannt radeln funktioniert, auch. Fahrradfahrer dürfen überall fahren und sie haben Vorrang. Es gibt unendlich viele Radwege, und dass Holland halt so flach ist, lasse ich als Argument nicht gelten, es gibt ja schließlich E-Bikes für dei Bewältigung unserer Hügel. In den Niederlanden radelt alles vom 80-Jährigen bis zum Kleinkind. Und die Leute sind dabei – Überraschung – ganz normal angezogen, sie müssen sich nicht als bunte Funktionstrikot-Clowns verkleiden, bevor sie auf ihre Bikes, Verzeihung Hollandräder, steigen. Sie transportieren nicht nur ihre Kinder (auch auf Vordersitzen) und Einkäufe, in die Lastenrädern wird wenn nötig der halbe Hausrat verladen.

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Wer mit dem Zug nach Amsterdam kommt, kann die großen Fahrrad-Stellplätze schon am Stadtrand nicht übersehen. Wobei, Stellplatz ist ein armseliges Wort für die gigantischen Parkplätze, in denen sich auf mehreren Etagen Tausende Räder übereinander türmen. Die Stadt gehört den Radfahrern, schaut euch mal Fotos von Amsterdam an! Es ist echt schwierig, eines zu schießen, auf dem kein Radler zu sehen ist, und unterhaltsam, mal genauer zu schauen, in welchem Zustand die Fahrzeuge sind. Keine Spur von Extreme-Cross-irgendwas-Biking, alles was zwei Räder hat und vom Rost noch irgendwie zusammengehalten wird, fährt.

Christoph und ich waren vorigen Sommer zum zweiten Mal in Amsterdam und haben uns für ein paar Tage Räder geliehen. Ein cooles Gefühl, im Verkehr an der Spitze der Evolution zu stehen. Da hupt keiner, wenn du an der Ampel nicht schnell genug loskommst und in den Kreisverkehr fährst du zuerst, die Autofahrer warten geduldig. Wer kreuz und quer durch die Stadt kommen und vom Rijksmuseum bis zum Schifffahrtsmuseum alles sehen will, sollte sich ein Rad ausleihen. Ein Tipp: Der Vondelpark erinnert ein bisschen an den New Yorker Central Park, den kann man perfekt erradeln. Nur wer sich zu viel im Coffeeshop aufhält, sollte dann lieber mit dem Taxi ins Hotel fahren. Es wäre möglich, dass er nicht mehr zurückfindet…

Best Places to be:

Klar, Grachtenfahrt und Van Gogh-Museum sind der Klassiker, aber uns hat es auch gefallen im:

Rembrandt Huis, wo der niederländische Künstler zwanzig Jahre gelebt hatte, und

beim Spaziergang an der Amstel, das ist total entspannend, jedes Hausboot ist ein Unikat und es gibt jede Menge nette Cafés und Bankerl zum Sitzen und Genießen.

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Im Vondelpark

 

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