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Du denkst Briefe verschicken ist einfach? Du hast recht. Mailserver öffnen, die ersten zwei Buchstaben des Adressaten eintippen, die vollständige Adressleiste erscheint dann automatisch. Kurztext schreiben, „senden“ anklicken, fertig.

Aber hast du schon mal aus Indien Post nach Europa versandt? Christoph hat. Also nur damit das gleich geklärt ist, es hat mehr als fünf Sekunden gedauert. Genauer gesagt fünf Stunden. Was macht der Mensch nur fünf Stunden am Postamt, fragte ich mich an jenem Tag vor 25 Jahren, während ich auf der Dachterrasse unseres… wie soll ich sagen? Low-Budget-Hotel ist zu hoch gegriffen, nennen wir es Absteige… im Zentrum von New Delhi mit Blick auf Connought Place und Sonnenuntergang saß und auf den Mann wartete, der mir gegen Mittag gesagt hatte: „Ich bring schnell das Packerl auf die Post.“

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Er kam nach Sonnenuntergang, eine Illusion ärmer und viele Erfahrungen reicher. „Schnell mal“, ist nicht in Indien. Damals nicht und heute nur in wenigen Ausnahmefällen, wenn du zum Beispiel in einem Raumfahrt-Forschungszentrum in Bangalore sitzt, wo die internationale IT-Intelligenz in atemlosen Tempo technische Entwicklungen vorantreibt. Im Rest von Indien brauchst du viel Zeit, eine der wichtigsten Erfahrungen, die jeder Reisende macht, wenn er nicht gerade All-Inclusive zehn Tage im Super-Deluxe-Bus durchs Goldene Dreieck inklusive Tourführer und Fünf-Sterne-Luxus-Ressorts gebucht hat.

Queuing mit Tradition

Wir wollten ein paar Bücher nach Österreich schicken, denn als Backpacker gilt die Reduzierung des Gepäck-Schlepp-Gewichts als oberste Priorität. Ankunft am Postamt, Anstellen in der langen Reihe beim Info-Schalter. Inder lieben das Queuing, eines der vielen Dinge, die an die britische Kolonialherrschaft erinnern. Der Beamte ist höflich, aber bestimmt. „You have to sew it.“ Bücher nähen?

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„Stick it on!“

Gestenreich schickt der Postofficer Christoph vor den Eingang, dort sitzen tatsächlich einige Schneider auf den breiten Stufen des Postamtes, Leintücher und Nähzeug neben sich. Pakete werden nicht in Papier oder Kartons verpackt, sie werden von den Profis vorort eingenäht und das in Windeseile. Na gut, nun zurück zum nächsten Schalter. Nie wieder lästert ein Österreicher, der längere Zeit in indischen Büros verbracht hat – wartend, leidend und völlig machtlos – über unsere Bürokratie, denn nichts geht über jene des Subkontinents. Es gibt verschiedene Warteschlangen, also Queues, die der Reihe nach abzuarbeiten sind. Jene für Informationen, jene für Tokens – das sind Münzen, die den Bittsteller zur nächsten Stufe der Bürokratie berechtigen-, weiters jene für Formulare und dann jene für die Briefmarkenausgabe. Nach stundenlangem Warten endlich bis zu letzterer vorgedrungen, erhält Christoph die nächste Anweisung. „Stick it on.“ Dazu erhält er einen ungefähr 20 mal 20 Zentimeter großen Lappen, bestehend aus etlichen Briefmarken von geringem Wert (jene mit höherem Wert waren leider aus) und dazu eine Tube voll äußerst flüssigem Glue. Das Handling mit dem Markenlappen, den es mittels in alle Richtungen fließendem Flüssigklebstoff auf das in Relation winzige Packerl festzukleben gilt, der aber mehrmals davonzuschwimmen droht, treibt Christoph den Schweiß auf die Stirn und zieht im Laufe des fortschreitenden Abends etliche interessierte einheimische Zuschauer in ihren Bann.

Haufenweise Packerl

Schließlich ist das Prozedere vollbracht, die Zuseher fühlten sich bestens unterhalten, die Marken, das Packerl und der halbe Christoph sind glueverschmiert aber fertig und es geht auf zur nächsten Queue. Die Adresse fehlt ja noch. Dafür gibt es auch wieder ein Formular, ebenfalls überdimensioniert und mit Glue anzubringen, dann aber endlich, die letzte Warteschlange und das Packerl wird am Schalter abgegeben. Der Postmitarbeiter nimmt es entgegen, wirft es achtlos neben sich. Ein zweifelnder Blick Richtung Abwurfstelle: Tatsächlich liegt dort ein Riesenhaufen Pakete in verschiedenen Größen und Leinenfarben. Wie viele davon wohl nie ihr Ziel erreichten? Unseres kam in Rabensburg an – nach zwei Monaten Schiffsreise.

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