Vergilbte Seiten, Kurrentschrift, der Mädchenname der Mutter oder Großmutter: Ich finde alte Schriftstücke meiner Familie faszinierend. Bücher und Hefte aus der Schulzeit sind nicht nur irgendwelche Reisen in die Vergangenheit sondern in einen realen Teil des Lebens meiner Eltern, als diese – unvorstellbar – Kinder waren. Gerade jetzt ist uns ein Buch von meinem Schwiegervater in die Hände gefallen. Nicht uralt, aber immerhin. Ein Buch aus den Jahren 1985/1986, in dem er akribisch seine Tour mit seiner Band, den Red Devils, notiert hat. Tag für Tag. Aber nicht nur die Engagements, übrigens beachtliche mehrere Hundert pro Jahr – und das obwohl die Bandmitglieder alle einen Brotberuf hatten. Mein Schwiegervater war gezwungenermaßen und zur Sicherheit Volksschullehrer, Musiker war er zu seinem persönlichen Vergnügen.

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Fritz Potmesil in Action

In dem Buch habe ich fein säuberlich, handschriftlich die Setlist gefunden. Und sie zeigt mir zwei auffallende Facts: Erstens, in den 80er-Jahren hörte man viel schreckliche Musik und zweitens, die Musiker hatten ein unglaubliches Repertoire. Zudem spielten die Red Devils in unterschiedlicher Besetzung, von vier Mann bis zu Big-Band und alles dazwischen mit Sängern und Gaststars.

Da finde ich zum Beispiel: 2.5.1985, Berndorf, Big Band mit Peter Rapp:

  1. Castaldo
  2. Aus Böhmen
  3. In the Mood
  4. Charleston
  5. Fürstenfeld
  6. Donauwalzer

Manches Mal spielten sie zwei Abende hintereinander jeweils fünf Stunden und kein Lied doppelt. Und dann findet man ganz schreckliche Dinge auf der Setlist, wie Cheri Lady und Agadou. Spannend sind auch die verschiedenen Engagements, die Red Devils spielten im Marriott und bei der Gala-Nacht im Wiener Rathaus, am Wiener Zuckerbäckerball, am Hollabrunner Volksfest und vor dem Eissalon Wortner auf der Wiedner Hauptstraße. Es gab Abende, da war Dinnermusik angesagt, ein anderes Mal stand Tanzmusik am Programm und das nächste Mal beim Seniorennachmittag spielte man Rosamunde & Co.

Dazwischen finden sich Infos zu Fototermine und die Outfit-Listen, ORF-Auftritte und Anekdoten über „schreckliche“ Engagements. Ein kleines Stück Familien-Zeitgeschichte also.

Mein Schwiegervater Fritz Potmesil hatte sich übrigens auch als Literat versucht – mit mäßigem Erfolg, aber immerhin, er hatte zum 30-jährigen Bandjubiläum in kurzen Worten die Geschichte der Red Devils zu Papier gebracht.

„14. Februar 1965, ein Sonntag – Valentinstag. Die Rolling Stones waren mit „Satisfaction“ die Nr. 1 in der englischen Hitparade, bei uns trällerte man „Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling“. In der Gemeinde Hohenau war ein Tanzkränzchen angesagt… es spielten vier Burschen unter der Leitung von Friedrich August Potmesil, mit äußerst bescheidener Ausrüstung aber mit großer Begeisterung…: The Devils…“

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Später umbenannt in Red Devils, gewann man den Hollabrunner Weinland Grand Prix, irgendwann stieg die Band von Tanzkränzchen – war in den 80ern nicht mehr ganz so gefragt – auf Bierzelt-Musi um und ging als erste Band beim Formel 1 Grand Prix in Zeltweg an den Start. Freddy Quinn, Harald Juhnke, Peter Kraus und Dagmar Koller sind nur einige Namen von Persönlichkeiten, mit denen die Red Devils auf der Bühne zusammenarbeiteten.

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Ja okay, Tanzkränzchen und Freddy Quinns „Junge komm bald wieder“ sind out. Aber kann sich heute irgendwer noch vorstellen, am späten Nachmittag in ein kleines Lokal irgendwo am Land zu gehen und dort Live-Musik zu hören? Einfach so, weil eben gerade Freitagabend ist? Hat doch was Sympathisch-Nostalgisches an sich und ist sicher besser als jeder Online-Chat oder die nervige What’s App-Gruppenunterhaltung.

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