Ich sag’s jetzt einmal ganz frei heraus. Wir beide, also Captain Christoph und Deckhand Ulli, mögen keinen Segelsport. Segeltrimm am Millimeter, reffen, dichter holen, fieren im Minutenabstand… interessiert uns nicht, Regattasegeln ist uns zu anstrengend und wenn ein Ehrgeizling, um zu überholen, permanent an den Schoten zupft, am Traveller herumfummelt oder gar Ballast abwirft, mag er das gerne tun, wir winken dem verbissen blickenden Steuermann, freundlich aus der Plicht zu und grüßen mit unseren Kaffeetassen.

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Wir segeln, um das Meer zu genießen und – um anzukommen. Weil es die schönste Art zu reisen ist. Für uns zumindest. Weil wir so gerne unterwegs sind und bisher alles, was weiter als zwei Autoreisetage entfernt war, mit dem Flugzeug erreichen mussten, freuen wir uns doppelt auf Mai 2019, wenn wir von Lemmer aus Richtung Karibik starten.

Ich behaupte mal, es gibt drei Typen von Flugreisenden: Jene, die Flugangst haben, jene die genervt sind, weil sie jobbedingt ständig unterwegs sind, und jene, die gerne fliegen, weil sie es nur im Urlaub tun. Ich gehöre zu letzteren, aber Captain Christoph – ist halt ein Mann des Meeres. Das Element Wasser zieht er dem der Luft vor und wenn er könnte, würde er auch auf den Himalaya segeln. Kann er aber nicht, also bezwingt er seine – leichte – Form der Flugangst und erfreut sich am Bordservice, das da wäre: Gratis-Whiskey und andere Alkoholika.

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Fähre über den Orinoco bei Puerto Ordaz, 2001

Besonders viel Whiskey war bei unserem Inlandsflug von der venezolanischen Hauptstadt Caracas nach Puerto Ordaz notwendig. Wir waren zu Fuß übers Rollfeld zum Flugzeug marschiert, die fahrbare Treppe stand an der Rückseite der dreistrahligen Maschine und während wir hinaufkletterten, tippte Christoph mir auf die Schulter und deutete auf die Flugzeugmitte. Dort, wo normalerweise das dritte Triebwerk montiert sein sollte, befand sich ein großes Loch. Ich bin mir sicher, die Piloten wussten, was sie taten, denn immerhin waren die Sitzreihen ab der Hälfte mit Baustellen-Plastikband abgesperrt. Das war wegen der „Gewichtstrimm“. Das Flugzeug war eh nur zu einem Drittel gebucht und die Passagiere mussten eben optimal verteilt im Flugzeug Platz nehmen, um einen problemlosen Start zu ermöglichen. Dass die Motoren derart dröhnten, sodass man während des gesamten Fluges kein Wort miteinander sprechen konnte, ist eine andere Geschichte. Immerhin wurden damit das Ächzen und Krachen der Innenausstattung und das Klirren der Eiswürfel in Christophs Whiskey übertönt.

Sprachliche Defizite

Bei Flugreisen suchen die wenigsten Passagiere Kontakt zu ihren Nachbarn. (Oder habt ihr andere Erfahrungen dazu und meine Köpersprache ist derart abweisend, dass niemand meine nähere Bekantschaft möchte?) Anders ist es bei Indien-Flügen. Da haben wir fast immer neugierige Sitznachbarn gehabt und die interessantesten Lebensgeschichten gehört. Am Flug nach Hyderabad saßen wir neben einem Geschäftsmann, der uns in seine Firmengeschichte einweihte, mit Snacks versorgte und nebenbei noch Tipps für die anschließende Taxifahrt in die Stadt gab. Am Flug von Indien nach Wien im Jahr 1993 kamen wir mit einem Inder ins Gespräch, der eigens nach Wien reiste, um den damals sehr aktiven Pornojäger Martin Humer zu unterstützen. Bei unserem ersten Flug nach Indien brachte sein Sitznachbar Christoph nahezu zur Verzeiflung. Während der ersten halben Stunde murmelte der Mann ununterbrochen Gebete, wischte sich während er seine Mantras sprach, permanent den Schweiß von der Stirn und ließ es sich nicht nehmen, auf dem schmalen Flugzeugsessel den Lotussitz einzunehmen. Als er sein Gebet beendet hatte – das Schwitzen dauerte während des gesamten Flugs an – begann er mit Christoph ein Gespräch, das allerdings ziemlich einseitig war, denn der noch nicht ins indische Englisch eingehörte Captain dachte während des halben Fluges, der Mann würde mit ihm Hindi reden.

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Rom 2003

Für Reisen innerhalb von Europa haben wir eine Super-Alternative zu Auto und Flugzeug gefunden: Nachtzüge. So waren wir nach Berlin, Rom und Florenz unterwegs und fanden’s genial. Denn erstens ist es praktisch. Als wir nach Berlin fuhren, hielten die internationalen Züge noch im Nachbarort Hohenau. Wir stiegen am Abend ein und in der Früh in Berlin wieder aus. Zweitens bedeutet es Zeitersparnis, denn wir hatten jeweils drei volle Tage in den drei Städten zur Verfügung und sparten uns die Stunden am An- und Abreisetag, die mit der Fahrt zum Flughafen, mit dem endlosen Check-in und wiederum der Fahrt vom Flughafen in die Stadt vergeudet werden. Die Bahnhöfe liegen direkt im Zentrum und somit waren wir von unserer Ankunft an sofort mitten im Geschehen. Billiger ist das Zugfahren allerdings nicht, zumindet zweimal haben wir uns den Luxus eines Schlafwagen-Abteils gegönnt. Dafür schläft man ähnlich geschaukelt wie im Segelschiff. Echt empfehlenswert!

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Florenz

 

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