Es gibt bestimmt tapferere Menschen als mich, aber ängstlich bin ich eigentlich nicht. Mut lässt sich ja nicht messen, gestern bin ich zum Beispiel von einem Leser für meinen Mut gelobt worden – für den Fall, dass ihr noch nichts über mich wisst: ich bin Journalistin. Ich habe in meinem wöchentlichen Leitartikel meine politische, im Falle von aktuellen Beschlüssen, regierungskritische Meinung deutlich zum Ausdruck gebracht. Für mein Gefühl hat es in einem Land der freien Meinungsäußerung eigentlich nichts mit Mut zu tun, öffentlich zu dieser zu stehen, andererseits ist uns ja bekannt, wie gerne sich Feiglinge hinter Nicknames verstecken, um im Netz üble rassistische Beschimpfungen zu verbreiten.

Schlangen und Mäuse

So, jetzt zu meinen Ängsten. Da geht es um Tiere, genauer gesagt um eine Gattung: um Schlangen. Ich habe eine Schlangephobie. Der Klassiker eigentlich, obwohl es in ganz Niederösterreich außer Kreuzottern in den Bergen (wir leben im flachesten Flachland) weit und breit keine giftigen Schlangen gibt. Aber das ist mir egal, ich habe auch nicht vor dem Gift Angst, sondern vor der Art, wie sich diese gruseligen Tiere bewegen. Einmal hat sich eine Ringelnatter im einen Meter breiten Gang zwischen unseren Gärten eingerollt. Ich konnte nicht durch den Gang gehen, ich konnte nicht einmal hinsehen. Warum ich ausgerechnet in die Länder mit der größten weltweiten Giftschlangepopulation – also Venezuela und Indien – gereist bin? Ich hab’s verdrängt. Übrigens sind diese klassischen Phobien angeblich nicht genetisch bedingt sondern anerzogen, und tatsächlich fürchtet sich meine Mama auch vor Schlangen, allerdings auch vor Mäusen und die jagen mir definitiv keinen Schrecken ein.

Captain Christoph wiederum hat ein Problem mit Krabbeltieren. Spinnen findet er grauslich, große Spinnen furchterregend und Krabbeltiere, die dann auch noch einen Stachel haben, versetzen ihn in Panik.

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Warao-Kinder im Einbaum, Venezuela 2001

Als wir vor Jahren meine Eltern besuchten, die damals in Venezuela lebten, verbrachte wir auch einige Tage in der Nähe des Orinocodeltas am Morichal. Ein Dschungelfluss an dessen Ufer die Warao, ein indigenes Volk Venezuelas, leben. Sie wohnen in Pfahlbauten am Rande des Mangrovenwaldes, bauen auch heute noch Einbäume, leben vom Fischfang und von der Jagd. Auch wir waren mit einem Boot  – allerdings einem etwas moderneren – am Fluss unterwegs und schliefen in einem offenen Pfahlbau in einer Hängematte. Wenige Tage später war die ganze Familie im Pick-up meines Papas Richtung Karibikküste unterwegs. Im Ort Caripe, das im Gebirgsmassiv der Kordilleren nahe der Cueva del Guácharo, der Humboldt-Höhle, liegt, stiegen wir für eine Nacht in einem kleinen Hotel ab. Zum Abendessen wollte ich meine Jeans anziehen, in den Bergen war es abends deutlich kühler, als mich etwas in den Oberschenkel stach. Autsch! Ich zog die Hose runter. „Ein Skorpion“, rief Christoph und stieg mit dem Fuß geistesgegenwärtig auf das davonkrabbelnde Vieh. Offensichtlich hatte ich es vom Orinocodelta als unerfreuliches Souvenier bis zu den Kordilleren mitgenommen.

Rettungsfahrt auf der offenen Ladefläche

Mir war der Appetit vergangen, Christoph ging mit meinen Eltern und unseren Kindern zum Abendessen, ich legte mich nieder. Als er zurückkam, hatte ich Schüttelfrost. Im Laufe der nächsten Stunde ging’s mir immer schlechter, ich war kurz vorm Kollabieren, Christoph war klar: ich brauchte einen Arzt. Also trommelte er an die Hotelzimmertür nebenan, hinter der meine Eltern mit unseren Kindern schliefen. Obwohl Mama hunderprozentig davon überzeugt ist, extrem schlecht zu schlafen und beim leisesten Geräusch wach zu werden, musste er laut und lange trommeln. So lange, bis das ganze Hotel und endlich auch meine Eltern wach waren. Zu Dritt trugen sie mich die Stiegen runter, verfrachteten mich auf der offenen Ladefläche des Pick-up und fuhren mit Hilfe eines jungen Mannes, der gerade spazierenging und sozusagen gekidnapped wurde, um den Weg zu weisen, ins Spital. Das erwies sich allerdings als Baracke, es gab hier keine Medikamente, kaum medizinische Ausrüstung, nicht mal Kochsalzlösung.

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Ich war inzwischen komplett weggetreten, aber man erzählte mir, dass ich die Attraktion jener Nacht, weil die einzige Europäerin in dieser Anstalt war. Dementsprechend kamen laufend Personal und Patienten während der „Behandlung“, um den Vorhang (Wände und Türen gabe es keine) beiseitezuschieben und ein bissl das Schauspiel, das ich bot, zu beobachten. Die Ärztin glaubte Papas Erklärung, dass es sich um einen Skorpionbiss handelte, nicht. Es gäbe keine Skorpione in den Bergen. Also raste Christoph zurück ins Hotel und holte das halb zertrampelte Beweisstück. Klarer Fall fürs Ärzteteam: Es mussten Antihistamin, Antibiotikum und Kochsalzlösung in einer Nachtapotheke besorgt werden. Wie gesagt, im Spital gab es nichts von alldem. Die Unterhaltung verlief übrigens mühsam, Christoph kann nicht spanisch, in Caripe sprach niemand englisch.

Wie ihr euch denken könnt, hab ich überlebt, das Mittel wirkte. Am nächsten Tag, versprach die Ärztin, würde ein Kollege mit Englischkenntnissen kommen, um mit Christoph zu sprechen. Der Arzt freute sich sichtlich, endlich seine Englischkenntnisse an den Mann bringen zu können. „Good morning“, strahlte er… Damit waren sein Wortschatz und die Konversation wieder beendet.

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Christoph und unsere Kids in Papas Pick-up

Wundersamerweise war bei mir nach dieser schrecklichen Nacht am nächsten Vormittag Spontanheilung eingetreten und wir überzeugten die Ärzteschaft, dass ich keine Minute länger in diesem gastfreundichen Etablissement verweilen konnte, weil unser Heimflug für den nächsten Tag gebucht wäre. Wir fuhren weiter Richtung Karibikküste. Die Kinder, sie waren damals erst drei und fünf Jahre alt, hatten von der ganzen Aufregung nichts mitgekommen, hatten tief geschlafen und am Vormittag mit Oma und Opa die Humboldt-Höhle, die für die in ihr lebenden Fettvögel bekannt ist, besichtigt.

Ich habe trotzdem nach wie vor Angst vor Schlangen aber nicht vor Skorpionen. Und Christoph, dem tapfersten Skorpion-Töter aller Zeiten, graust immer noch vor Krabbeltieren aller Art.

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5 Kommentare

  1. Ja, die Schlangen: da habe ich auch Angst vor. Aber wir muessen hier damit leben. Zum Glueck haben wir noch keine – jedenfalls keine grosse und giftige – in der Naehe gehabt. Eigentlich muesste es hier Klapperschlangen [und auch andere giftige] geben, und gerade der Trockenbach am Ende unseres Grundstuecks mit seinen Felsen zum Sonnen, aber auch schattigen Plaetzen, waere eigentlich ideal fuer diese „Biester“. Aber wir glauben, dass unsere Katzen Schlangen abschrecken. Hoffentlich bleibt das so. Eine etwas groessere, aber wohl harmlose, konnte ich mal fotofragieren: https://wp.me/p4uPk8-Zw
    Und ganz kleine bringen unsere Katzen gelegentlich sogar mit. Die sind dann aber fast immer schon tot. Wenn nicht, dann rette ich sie allerdings.
    Liebe Gruesse, und hab‘ ein feines und schlangenfreies 😉 Wochenende,
    Pit

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      1. Unsere beiden weiblichen Katzen jagen und fangen so ungefaehr Alles kleine Getier hier im Garten. Die beiden (kastrierten) Maenner sind dagegen faul. 😉 Dass unsere Katzen auch groessere Schlangen jagen, das glaube ich eher weniger. Aber dass sie sie vertreiben, das kann schon sein. Sagt man hier jedenfalls. An unserem frueheren Wohnort, weiter suedlich von hier und etwas mehr auf dem Land, da hatten wir allerdings manchmal – wenn auch selten – Klapperschlangen am Haus und im Garten, und das, obwohl wir deutlich mehr Katzen [bis zu 10] dort hatten . Das war der einzige Grund, warum ich gelernt habe, mit dem (Schrot)gewehr des Vaters meiner Frau umzugehen: damit wir nicht immer Freunde oder Verwandte zu Hilfe rufen mussten, wenn wir wieder einmal einen solch unliebsamen Besucher hatten.
        Einer unserer Hunde dort ist uebrigens an einem Schlangenbiss gestorben – leider. Ein anderer Hund und eine Katze haben das ueberlebt. Es kommt darauf an, wo sie gebissen werden. Wenn es ins Gesicht ist, wo direkt unter der Haut Knochen sind, dann kriegt die Katze nicht genuegend Gift rein. Wenn es aber, wie bei dem kleinen Topolino, ins Muskelfleisch ist, dann kommt eben genuegend Gift rein. Und wenn so ein armer Kerl dann auch noch wild durch die Gegend rennt, dann sorgt er nur dafuer, dass das Gift noch schneller im Koerper verteilt wird.
        Wie auch immer, ich bin froh, dass die Giftschlangen und hier bisher in Frieden gelassen haben, und hoffe sehr, dass sie es auch noch weiterhin tun.
        LG,
        Pit

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  2. Da hatte ich ja Glück, als ich in Brasilien bei meiner Freundin Urlaub machte,waren wir auf einer Fazienda, sehr schön, Bungalow , gutes Essen usw, da saß ich vorm Bungalow, barfuß und träumte vor mich hin, in dem Augenblick kam ihr Sohn, er hatte Sandalen an, sah den Skorpion und trat kräftig zu.

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    1. Ja da hast du Glück gehabt. Man weiß ja nie, wie man auf einen Stich reagiert. Mir wurde gesagt, dass der Skorpian gar nicht so extrem giftig war, aber ich habe eine allergische Reaktion gehabt. Daher – immer Kleidung und Schuhe ausschütteln. Das hab ich gelernt 😉

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