Was sehe ich seit Jahren, wenn ich beim Frühstück aus meinem Küchenfenster schaue? Eine Ruine. Ja wirklich. Leider keine romantische Burgruine sondern die hässlichen Reste eines alten Bauernhauses, dessen Besitzer vor 20 Jahren das Dach abgetragen hatte, um keine Kanalgebühren zahlen zu müssen, nur mehr die Hälfte der fensterlosen Mauer steht, Unkraut wuchtert im Vorgarten.

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Sonnenaufgang über Rabensburg

An diesen Anblick muss ich manchmal denken, wenn ich im Cockpit unserer Maha Nanda sitze, im Hafen mit Blick auf die anderen Jachten, zwischen deren Masten die Sonne aufgeht; oder am Meer, wenn sich der Horizonth in der Morgendämmerung dort, wo im Dunst Wasserlinie und Himmel verschwimmen, rosa färbt. Dann soll noch einer fragen, warum wir gerne reisen! Dann soll mir noch jemand mit dem österreichischen Standardsatz „daham is am schenst’n“ kommen! Ja, es gibt wunderbare Plätze in Österreich – die Aussicht von meinem Küchenfenster aus gehört definitv nicht dazu. Aber neben diesem einen Grund meines Fernwehs (jeden Morgen, wenn ich vom Kaffee aufblicke und meinen Kopf nach recht drehe) gibt es noch etliche andere. Die Freiheit, jeden Tag kleine und große Entscheidungen ohne der täglichen Arbeitsroutine treffen zu können, interessante Menschen und fremde Länder kennenzulernen, die Abenteuer, die jede Reise für uns bereithalten und die Erinnerungen, die mit den Jahren immer schöner werden. (Die Pannen und Desaster, die uns kurzfristig zur Verzweiflung treiben, werden später zu unterhaltsamen Schwänken). Außerdem lernst du beim Reisen, deine Vorurteile zu hinterfragen, du wirst toleranter uns relativierst deine gesellschaftlich geprägte Lebenseinstellung.

Geheimrezept für die mündliche Matura

Pfeif auf den Geografieunterricht in der Schule! Woran könnt ihr euch noch erinnern? Ich habe in Geografie maturiert, sogar mit Sehr Gut, aber unter uns gesagt: Die ganze Streberei war sinnlos. Allerdings muss ich jetzt ehrlicherweise anmerken, dass ich nicht allzuviel gestrebert habe und stattdessen eine ziemlich unkonventionelle Methode der Maturavorbereitung gewählt habe. Wochenlang habe ich gar nichts gelernt. Null, nada. Drei Tage vor der Matura bekam ich die Panik und flehte meinen Papa an (ein Geografie-Enthusiast sondergleichen, der partout keine Unwissenheit auf diesem Gebiet duldet und jede Wissenslücke in Bezug auf alle Flüsse, Bergipfel und Städte weltweit mit verachtungsvollem Blick straft), mich zu retten. Der hatte sich tatsächlich seines Töchterchens erbarmt und mir zwei volle Tage lang von früh bis spät zu allen 120 Matura-Fragen Vorträge gehalten. Mit durchschlagendem Erfolg (siehe oben). Aber trotzdem kann ich mich, wenn ich an den Geografieunterricht in der Schule zurückdenke, nur mehr an zwei Dinge erinnern: die Grüne Revolution in Indien (meine Maturafrage) und die dänischen Inseln Seeland, Falster, Fünen, Bornholm. (Liebe allerälteste Freundin und damalige Banknachbarin V., du wirst das bestätigen ;))

Orte, die du nie vergisst

Warum dieser Gedächtnisschwund? Weil Kinder alles vergessen, das sie nicht mehr brauchen, anwenden oder in anderen Zusammenhängen zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen. Wenn ich aber reise, werde ich zum Geografie-Genie, ich kann mich noch an die Namen von den kleinsten Dörfern in Indien, in Südamerika, in Frankreich, wo auch immer erinnern, aber nicht nur das, ich verbinde mit diesen Namen Bilder und Geschichten. Unglaublich, welche Details da im Gedächtnis bleiben.

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Der Hafen von Küçükkuyu

Als unsere Söhne um die zehn Jahre alt waren, beschlossen wir, dass sie nun groß genug wären, um ihnen einen Städte-Kurztrip zumuten zu können. Zufälligerweise hatte der Bruder meiner Freundin für ein Jahr die Leitung eines Hotels an der türkischen Westküste übernommen. In Küçükkuyu, nahe von Troja, ein Ort der eher auf Inlandstourismus, denn auf internationale Gäste und auf keinen Fall auf All-inklusive-Cluburlaub ausgelegt war, also perfekt für unsere Vorstellungen von Urlaub. Wir verbrachten ein paar Tage in Istanbul, fuhren dann mit einem Nachtbus (davon ein Stück per Fähre über das Marmarameer) nach Küçükkuyu und hatten dort eine fantastische Zeit. Die ideale Mischung aus faulenzen und im Meer schwimmen, sich mit türkischem Essen verwöhnen zu lassen, sich mit Kai und seiner fröhlichen und herzlichen Ehefrau Gülten zu unterhalten und ein Stück europäische Geschichte zu erfahren. (Vom Geschichteunterricht ist mir ungefähr so viel wie vom Geografieunterricht in Erinnerung). Denn Kai ist Archäologe und führte uns unter anderem durch die Ausgrabungen von Troja und auch nach Çanakkale an den Dardanellen, wo das Highlight für unsere Kids stand: das Original-Pferd aus dem Hollywood-Film Troja.

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Assos

Çanakkale hat übrigens auch einen aktuellen Österreich-Bezug. Hier fand während des Ersten Weltkrieges im Jahr 1915 die Schlacht von Gallipoli statt, bei der 100.000 Soldaten fielen. Dem österreichischen Künstler Hermann Nitsch ist in dieser Stadt ein Museum gewidmet, er hatte für die Gedenkfeiern im Jahr 2015 mit 27 großformatigen, in Schwarz gehaltenen Bildern ein Mahnmal gegen den Krieg geschaffen. Ein halbes Jahr zuvor hatte mir der Nitsch im Zuge eines Interviews – der Künstler lebt in einem Schloss in der Nähe unseres Heimatortes – von dem Museum erzählt und mir in seinem Atelier die damals halbfertigen Arbeiten gezeigt. Dass ich Çanakkale kannte und ihm sogar ein paar Sightseeing-Tipps geben konnte (obwohl der Nitsch Urlaub verabscheut), hat übrigens im Laufe meines Interviews das Eis gebrochen, denn der Nitsch pflegt auch seine Vorurteile, und Journalisten, die er nicht kennt, mag er grundätzlich nicht.

Daher mein Resümee: Wer reist, ist klar im Vorteil 😉

Nitsch
Hermann Nitsch in seinem Atelier in Schloss Prinzendorf
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