Jedem Land seine Drogen. Ohne Rauschmittel keine Kultur, das war schon immer so. Zum indischen Shiva-Kult gehörten Datura (Stechapfel) und Ganja (Cannabis), sibirische Schamanen berauschten sich mit Fliegenpilzextrakt, der Genuss des Peyote-Kaktus ermöglichte den Azteken die direkte Verbindung zu den Göttern, Coca, die heilige Pflanze der Inka, wird bis heute von den Andenbewohnern gekaut und Mutterkorn sowie Tollkirsche waren Bestandteil der europäischen Hexengebräue mit deren Hilfe die Hexen „fliegen“ konnten.

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Blick auf Stockholm von Södermalm aus

Wir Weinviertler haben – Wein, und der wird nicht nur rituell genossen – also etwa bei der Eucharistiefeier in der Kirche. (Ja rituelle Rauschmittel und Religion haben schon immer zusammengehört.) Für uns Weinviertler ist Wein Kulturform und bei Veranstaltungen egal welcher Art (abgesehen von Kindergeburtstagen) obligat. Was im Jemen oder in Bangladesch verboten ist, ist unser ganzer Stolz (also nicht mein persönlicher, aber der der Touristiker): man redet fachmännisch von Trinkkultur, Kellerkultur, Weinkultur. Auf der anderen Seite haben wir mehrere Hundertausend Alkoholkranke in Österreich. Die meisten glauben ja, sie haben ihren Alkoholkonsum im Griff, aber als Journalistin bin ich naturgemäß bei ziemlich vielen Veranstaltungen und oft genug wundere ich mich schon, in welchen Mengen da ganz selbstverständlich als Teil des gesellschaftlichen Lebens getrunken wird. Ob sich da alle im Griff haben?

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Aber es geht noch schlimmer. Finde ich. Schweden zum Beispiel. Die haben ein ganz seltsames ambivalentes Verhalten, was Alkohol betrifft. Zum Einen kannst du ihn nur in wenigen Geschäften, nämlich bei „Systemet“, kaufen, musst mindestens 20 Jahre alt sein und er ist extrem teuer. Zum Anderen nutzen viele Schweden jede Gelegenheit zum kollektiven Besäufnis. Das hab ich übrigens aus fundierter Quelle, denn meine Freundin und Kollegin Karina S. ist Alkohol-Expertin. Also nicht so, wie du denkst, sondern sie hat ein Jahr in Schweden gelebt und ihre Publizistik-Diplomarbeit über den Zugang der schwedischen Medien zum Thema Alkohol geschrieben. Bei diversen harten Feldstudien im Dienste der Wissenschaft kam sie zu folgender Erkenntnis: eine Party ist dann gelungen, wenn alle Gäste möglichst rasch das Stadium der Volltrunkenheit erlangt haben. Dieses Ziel hat oberste Priorität.

Der restriktive Umgang des Staates mit dem Thema Alkohol hat übrigens geschichtliche Wurzeln, denn im 19. Jahrhundert hatte sich die kollektive Sauferei in Schweden zum massiven gesellschaftspolitischen Problem entwickelt. Schwedens „Trinkkultur“ ist aus meiner Sicht neurotisch, aber ist es bei uns besser? Nicht nur wird in Österreich generell viel getrunken, gilt auch einer der „viel verträgt“ als bewunderswert. Dabei heißt das doch nix anderes, als dass sich sein Körper schon an den Alkohol gewöhnt hat und er schlichtweg mehr braucht,  um dessen gewünschte Wirkung zu spüren.

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Vaxholm

Captain Christoph und ich gelten dann wohl als Memmen, denn wir  vertragen beide nix. Macht nichts, kommt uns beim Fortgehen billiger 😉 In Stockholm haben sich die hohen Preise für Wein & Co. auch nicht wirklich negativ auf unser Urlaubsbudget niedergeschlagen. Ein Viertel Rotwein am Abend reicht uns nach einem anstrengenden Sightseeing-Tag völlig aus und ein Abend in einer Rooftop-Bar ist mit unseren Promille-Ansprüchen auch noch locker finanzierbar. Beim Jammern wegen der hohen Preise machen wir daher nicht mit, wir haben in Stockholm definitiv andere Ziele gehabt, als die promillebedingte Besinnungslosigkeit.

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Gewohnt haben wir in perfekter Lage, direkt neben dem Stockholmer Schloss, dem Kungliga slottet. Da gibt es ein paar Hotels, die zwar Jugendherbergs-Flair ausstrahlen aber dafür echt günstig sind und dann die Lage… Frühstück mit Blick aufs Wasser und die Insel Skeppsholmen. Was will man mehr? Das Hotelzimmer sehen wir, wenn wir auf Städtetrips sind, eh nur eine Viertelstunde am Tag. Solang es sauber ist und das Bett über eine Matratze verfügt, ist mir alles recht.

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Was uns am meisten beeindruckt hat:

Das Vasa-Museum mit dem Kriegsschiff, das im 17. Jahrhundert bei seiner Jungfernfahrt gesunken ist, weil die Aufbauten so hoch und das Schiff derart toplastig war, dass die kleinste Welle es zum Kentern gebracht hatte. Und zwar gleich im Hafenbecken. Was für eine Schande muss das damals für die schwedische Marine gewesen sein! Erst über 300 Jahre später ist das Schiff geborgen worden.

Der Schärengarten vor Stockholm. Wir waren ganz simpel mit dem Linienschiff unterwegs und sind nur bis Vaxholm gekommen. Aber unvergesslich war es. Irgendwann werden wir vielleicht auf eigenem Kiel die Schären besuchen. Wer weiß.

Schloss Drottningholm, weil es im Gegensatz zu Schönbrunn in Wien noch belebt ist. Als mit Monarchieverbot belegte Österreicherin ist es faszinierend, sich die Königsfamilie in Schlossareal beim Alltag vorzustellen. Ein bisschen Prinzessinnentraum darf doch wohl sein, oder?

Södermalm mit seinem Künstlerflair, den alten Holzhäusern und der wahnsinnigen Aussicht über die Stadt. Hier haben wir in einer Bar den Sonnenuntergang genossen und wir haben ein bissl Stig-Larson-Feeling erlebt.

Skeppsholmen. Da haben wir gemacht, was wir in unseren Urlauben immer schon am liebsten tun: den Hafen entlanggehen und die Schiffe anschauen. Und dann Storys dazu zu überlegen, denn jedes Boot hat seine eigene Geschichte.

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2 Kommentare

  1. In Dänemark ist es ähnlich mit den Gruppenbesäufnissen, besonders bei der jüngeren Generation. Da gibt es den schönen Brauch, einander das Bier buchstäblich mit einem Trichter einzutrichtern.
    Das alles wird akzeptiert in Skandinavien, mit all den Folgeschäden für Personen und Gesellschaft.

    Witzig übrigens: alkoholfreies Bier kann man nur im Systembolaget kaufen, aber letöl, das 0,5 % Alkohol enthält, kann man im Supermarkt kaufen. 😀 😀

    Aber Stockholm ist eine tolle Stadt. Wir waren mal im Oktober dort, als leider die Tage schon so kurz waren.

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