Captain Christoph

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Der Weinviertler, der meer erleben will

Geboren 1968 in Mistelbach in Niederösterreich, aufgewachsen in Hohenau an der March, einem 3000-Seelen-Dorf direkt am Dreiländereck, wo die Thaya in die March mündet. Bis 1989 lebte ich mit meiner Familie, meinen Eltern und meiner großen Schwester Babsi, hier neben dem Eisernen Vorhang, mit Blick über Thaya und March zu den Wachtürmen der tschechoslowakischen Grenzsoldaten. Wenn wir mit den Ferngläsern in ihre Richtung blickten, sahen wir manches Mal ihre Ferngläser – auf uns gerichtet.

Am Eisernen Vorhang

1989 fiel der Eiserne Vorhang, wenig später lösten sich aus der ehemaligen kommunistischen Tschechoslowakei die zwei unabhängigen Staaten Tschechische Republik und Slowakei. 2004 mit der EU-Erweiterung feierten die drei Staaten in Hohenau ein großes Fest – aber bis heute gibt es an der gesamten österreichisch-slowakischen Grenze keine einzige ganzjährig befahrbare Brücke. Dem Eisernen Vorhang folgten Mauern in den Köpfen der Grenzlandbevölkerung. Aber das nur nebenbei.

Für mich selbst ist Hohenau meine Heimat, dort habe ich 23 Jahre gelebt. Bin hier in die Volksschule gegangen, später ins Gymnasium in der Bezirkshauptstadt. Meine Eltern und Großeltern mütterlicherseits waren Lehrer im Dorf, Pfarrgemeinde, Gemeinderat, Musikschule – verbundener geht es eigentlich nimmer. Aber trotzdem – oder gerade weil das Dorf so klein ist, die Grenzen so nah sind, die Menschen so erdverbunden – schaue ich mit Begeisterung und Sehnsucht über die Grenzen. Viele Faktoren beeinflussen die Richtung, die ein Menschenleben nimmt, manche Wegbegleiter sorgen sogar für Richtungswechsel.

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Ich habe meine Ulli kennengelernt, als wir beide noch nicht mal erwachsen waren. Sie 16 ich 17, sie kommt aus dem Nachbarort Rabensburg, noch kleiner, noch weinviertlerischer. Nach über 30 geeinsamen Jahren stellen wir heute fest: Wir sind miteinander und aneinander gewachsen. Die ersten Fernwehattacken haben wir mit kleinen Urlauben abwehren können. Was halt finanziell so möglich ist, wenn man Schüler und Studentin ist. Am Campingplatz in Porec waren wir definitv die stolzen Besitzer des kleinsten Zeltes, des kleinsten Schlauchboots und des kleinsten Autos – einer „Ente“.

1993 bereisten wir für mehrere Monate Indien, Ethnologin Ulli schrieb ihre Diplomarbeit, ich fungierte als ihr Reisebegleiter und moralischer Anker.

Wer werden eine Familie

1994 heirateten wir, 1995 wurde unser erster Sohn, Johannes, geboren, 1997 unser „Kleiner“, Matthias. Ich hatte noch vor unserer Indienreise meine Ausbildung zum Medizintechniker (MTF) abgeschlossen und arbeitete in einem Wiener Ordensspital als Röntgenassistent. Nach acht Jahren Wohnen in Wien waren wir mit der Geburt unseres ersten Kindes wieder ins Weinviertel, nach Rabensburg, zurückgekehrt, wo wir ein altes Bauernhaus, das Elternhaus Ullis, renoviert hatten. Ziemlich bürgerlich, ländlich, häuslich. Je größer unsere Söhne wurden, umso weiter wurde wieder unser Aktionsradius und wir hatten Glück, auch unsere Kinder lieben das Reisen. Wir steigerten uns vom Badeurlaub mit Baby in Grado über Wohnmobil-Extremcamping in Ligurien bis zu Kalifornien mit dem Mietwagen. Als die Kids drei und fünf waren, besuchten wir ihre Großeltern, meine Schwiegereltern, die damals in Venezuela lebten. Und jeder Urlaub mit seinen wunderbaren neuen Erfahrungen, neuen Ländern und Menschen sorgte für noch mehr Fernweh in uns.

Im Reisefieber

Das einzige Rezept dagegen: noch mehr reisen, länger reisen, weiter reisen. Nach 23 Jahren im Röntgeninstitut des Ordenspitals, davon 20 Jahre als leitender Assistent wechselte ich meine Arbeitsstelle. Jetzt bin ich seit einigen Jahren in einem anderen Wiener Krankenhaus beschäftigt. Wenn ich nicht gerade lädierte Hüftgelenke fotografiere und bei Wirbelsäulen-Schmerzbefreiungen mitwirke, schmiede ich Reisepläne für das Jahr 2019 und darüber hinaus. Wenn Ulli und ich meer erleben werden.

Leichtmatrose Ulli

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Ethnologin mit Sehnsucht nach dem Fremden

Ich bin ein Jahr nach Christoph im gleichen Spital in Mistelbach geboren worden, aufgewachsen in Rabensburg. In der Volksschule lernten wir noch, der Ort hätte 1800 Einwohner, mittlerweile ist er auf 1200 geschrumpft und ich lebe mit meiner Familie immer noch, beziehungsweise wieder, dort.

Meine Eltern waren Unternehmer, führten die Tischlerei, die mein Opa väterlicherseits gegründet hatte, mein Bruder Wolfgang, zwei Jahre älter, hatte das Unternehmer-Gen in sich. Er liebte den Betrieb und die Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Ich liebte mehr das Lesen, am liebsten Kinderromane, die mich in weit entfernte Länder trugen und ich glaube, dass Karl Mays Winnetou, den ich zwischen meinem siebenten und zehnten Lebensjahr bestimmt zehnmal gelesen hatte, zu meiner Studienentscheidung beitrug.

Nachdem ich – so sagt die Legende – bereits als Kind mit Schaudern verkündet hatte: „Ich werde niemals Unternehmerin und ich heirate keinen Unternehmer“, wechselte ich nach Gymnasium-Matura und einem Semester Betriebswirtschaft-Studium (eine absurde Idee, ich weiß) zur Kulturanthropologie, damals noch altertümlich Völkerkunde, kombiniert mit Indologie. Während meine Mama verständnisvoll auf meinen Studienwechsel reagierte – sie kannte mich offenbar gut genug, befand mein Papa, letztendlich wirkungslos: „Kommt überhaupt nicht in Frage.“

1993 reiste ich zwecks Feldforschung mit meinem Christoph, den ich damals schon acht mitunter harte Jahre, und damit wirklich schon in und auswendig, kannte, nach Indien. Das Thema meiner Diplomarbeit: „Der Einfluss des Tourismus auf indische Frauen“.

Es war nach einigen gemeinsamen Urlauben unsere erste große Reise, bei der wir so viele interessante, unterhaltsame, seltsame, außergewöhnliche und liebenswerte Menschen kennenlernten. Die Erinnerung daran prägt uns bis heute und viele Anekdoten dieser Zeit sind Teil der Familiengeschichte, die immer wieder mal – unter Augenrollen unserer Söhne, die sich die alten Gschichterln ihrer Eltern zum x-ten Mal anhören müssen – zum Besten gegeben werden.

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Später nach unserer Heirat 1994, der Geburt unserer Söhne 1995 und 1997 waren unsere Familienurlaube immer von dem Wunsch geprägt, möglichst viel Neues kennenzulernen. Auch leidvolle Camping-Erfahrungen, die letztendlich den Familien-Anekdotenschatz erheblich bereicherten (kein Nachteil ohne Vorteil), gehörten dazu, denn es ist schon ein bissl Kreativität vonnöten, den Urlaub mit Kindern so zu gestalten, dass alle glücklich sind. Aber unsere Rezepte für Familienurlaub mit wenig Zeit, geringem Budget und den Wünschen zweier Buben, die unterschiedlicher nicht sein können, gingen auf. Zumal das Elternpaar Potmesil zum Glück vom gleichen Ziel beseelt urlaubte: Viel Zeit mit den Kindern an möglichst fremden Orten verbringen, dabei viel Neues in wenigen Wochen kennenlernen und das ganze im Entspannungsmodus. Hektik verboten. Also eh ganz anspruchslos…

Recherche aus nächster Nähe

Ach ja: Das Reisen nimmt ja eigentlich nur einen geringten Teil meiner Realzeit in Anspruch, den Großteil des Alltags widme ich mich – jetzt wo Erziehungsarbeit (Hurra, sie sind erwachsen!) obsolet ist – dem Schreiben. Ich bin Redaktionsleiterin bei den Bezirksblättern Niederösterreich, Oberbefehlshaberin über die Redaktion des Bezirks Gänserndorf und Koordinatorin der vier Weinviertler Ausgaben. Mit Reisen hat Lokaljournalismus eher wenig zu tun, aber mit Menschen-Kennenlernen umso mehr. Tatsächlich gibt‘s keinen besseren Beruf, um der ganze Spanne an allzu Menschlichem zu begegnen, wie den des Lokaljournalisten. Beobachter, Interviewer und Berichterstatter aus nächster Nähe.

Je fremder, umso besser

Wir lieben unsere Heimat, denn Heimat ist da, wo die Familie ist, aber in regelmäßigen Abständen packt uns das Fernweh. Mein Studium, unsere Reisen und die Erfahrungen mit vielen fremden Menschen und Kulturen prägen letztendlich unser Leben. Unser Credo: Grundrespekt vor jedem einzelnen. Wer mit offenen Augen reist, muss spätestens, wenn er Leute vorort kennenlernt, alle Vorurteile über Bord werfen. Denn wenn wir eines gelernt haben, dann, dass Menschen auf der ganzen Welt gleich sind, weil sie verschieden sind. Es gibt kein Land ohne liebenwerte, unfreundliche, gastfreundliche, intelligente, strohdumme, unterhaltsame, langweilige, neugierige, leidenschaftslose, ehrliche und unmoralische Bewohner. Einige davon werden wir 2019 kennenlernen. Wir sind gespannt.

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