Fünf Gründe warum Lokaljournalismus der beste Job der Welt ist

Weder bin ich ein Fan der Promi-Aufläufe bei Spatenstichen und Saisoneröffnungen, noch mach ich’s wegen des Gratis-Buffets bei Pressekonferenzen. Ich bin Journalistin aus Leidenschaft, genauer gesagt Lokaljournalistin. Und das hat gute Gründe, denn es gibt keinen unterhaltsameren Job der Welt als den des Lokaljournalisten – außer vielleicht Komiker, aber das ist anstrengender, denn da muss man selbst lustig sein. Als Journalist sitzt du dagegen auf der Zuschauerbank und bist Zeuge einer Groteske.

Außerdem: Die Redaktion Gänserndorf bestand einige Jahre aus einem genialen Weiberteam. Statt Zicketerror Sektfrühstück und Freitagsaperol und nebenbei viel kreativer Input – Dreamteam forever.

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Aus den vielen, vielen komischen Storys – manche tragikomisch, weil die handelnden Personen mit unserem Steuergeld bezahlt werden – hier das best of:

Platz 5: Der gekränkte Bürgermeister

Politiker lieben gute Presse, die meisten bemühen sich daher, möglichst viele Inhalte, von denen sie annehmen, die Welt würde davon in Kenntnis gesetzt werden wollen und dazu applaudieren, an uns Medien zu übermitteln und überprüfen dann, wie oft ihr Konterfei aus der Zeitung lacht. In einer Kleinstadt in meinem Wirkungsbereich gab’s allerdings eine Zeit lang einen Bürgermeister, der ein… sagen wir, bisschen patschert (hochdeutsch: ungeschickt) mit Vertretern der Medien umging. Freiwillig sagte er gar nichts. Ich ging also dazu über, ihn alle paar Monate um ein Gespräch zu bitten, da saß er dann in seinem Büro, verschränkte die Arme und sagte: „Was wollen Sie wissen?“ Ich hatte, auf diese Situation bald schon vorbereitet, einen Fragenkatalog ausgearbeitet, aufgrund mangelhafter Vorbereitung konnte der Stadtchef die Fragen allerdings nicht ohne Hilfe beantworten. Da musste der Vize her, ein Mann, der die Kommunalpolitik im kleinen Finger hatte. Während ich also mit den beiden Herren meine Fragen durchging, sprang der Bürgermeister plötzlich mit folgenden Worten auf: „Da Sie ja eh nicht mit mir, sondern nur mit meinem Vize reden, bin ich ja überflüssig.“ Sprach’s und stürmte aus seinem eigenen Büro. Der verdatterte Vize, kurzzeitig sprachlos, rannte seinem Chef hinterher und aus dem Nebenraum hörte ich folgenden Dialog:

„Sie schaut mich nicht an, sie schaut nur dich an.“

„Aber du hast doch gesagt, ich soll die Fragen beantworten.“

„Ja, aber das ist mein Interview, ich bin der Bürgermeister.“

„Dann geh halt rein und rede mit ihr.“

„Jetzt mag ich aber nicht mehr, sie schaut mich eh nicht an.“

Schließlich kam er doch zu mir zurück, im Schnellverfahren arbeiteten wir die Frageliste ab und ohne zu grüßen, lief der Stadtchef erneut aus seinem Büro hinaus und ließ mich ein weiteres Mal sitzen.

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Platz 4: Das Historiendrama

In der kleine Weinviertler Gemeinde Michelstetten gibt es ein Schulmuseum, irgendwann vor ein paar Jahren war ein Umbau geplant, ein modernes Gebäude entstand, das verstaubte Museum bekam ein zeitgemäßes Image. Da trug es sich zu, dass ein hochrangiger Funktionär des Museums über die Baustelle ging und über einen seltsamen Stein, bei näherem Betrachten eine Sensation, stolperte: Es handelte sich, so erfuhr die gesamte österreichische Medienlandschaft in einer eiligst einberufenen Pressekonferenz, um die älteste Darstellung des Nürnberger Trichters. Ein uralter Steinkopf, aus dem scheinbar ein Trichter emporwuchs, am Museumsgelände. Was für ein einzigartiger Zufall!

Bei der Grundsteinlegung für das Museum war ich als Pressevertreterin vor Ort und hatte mit meinem Chefredakteur vereinbart, mir die Skulptur genauer anzuschauen, denn uns beiden kam die Story, die durch alle Medien gegangen war, seltsam vor. Jedoch den Nürnberger Trichter bekam ich nicht zu Gesicht, stattdessen druckste der Finder desselben verdächtig herum, stammelte etwas von: …soll noch ein Geheimnis bleiben. Welch ein Glück, dass ich mit einer Historikerin vom Bundesdenkmalamt gut bekannt war, ich schickte ihr die Fotos des „Sensationsfundes“ mit der Bitte um ihre Expertise. Die kam umgehend: eine Fälschung! Die Story hatten wir exklusiv – ich hoffe, die gesamte Presse, die dem Fälscher auf den Leim gegangen war, schämte sich ebenso wie dieser selbst. Seine jämmerlichen Versuche, seine Story als „Schulstreich“ darzustellen, scheiterten jedenfalls kläglich. Die Historikerin war „not amused“.

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Platz 3: Holzraub mit Folgen

Gute Kontakte sind das A und O im Journalismus und dank dieser habe ich von einem Skandal erfahren, in den ein Bürgermeister verwickelt war. Bei der Schlägerung von gemeindeeigenem Holz waren grobe Missstände aufgetaucht, Misstrauensanträge, Rücktritte und Anzeigen waren die Folge. Ich hatte exklusiv darüber berichtet, dass sich die Freude des Bürgermeisters über den Bericht in Grenzen hielt, war klar. Der gute Mann neigte obendrein aus mir bis heute unerklärlichen Gründen dazu, mir ungefragt einen Missstand nach dem anderen aus seiner eigenen Gemeinde zu erzählen. Aus einem meinerseits geplanten harmlosen Smalltalk ergab sich daher im Folgenden meistens die nächste Skandalstory aus seinem Ort. Die Krönung unserer für ihn unerquicklichen Gespräche war schließlich jenes legendäre Telefonat, in dem er mir mitteilte, er lasse sich derartige Verunglimpfungen, wie ich sie schreiben würde nicht mehr gefallen, daher habe er meinen Bericht jetzt seinem Anwalt vorgelegt und er wolle mir auch nicht vorenthalten, was dieser gesagt hatte: „Der Bericht ist einwandfrei geschrieben und nicht klagbar.“

Stille von meiner Seite. Dann fuhr der Dorfchef fort: „Daher habe ich beschlossen, dass es nur eine Lösung gibt, wie wir die Sache bereinigen können: Sie kommen umgehend zu mir auf ’s Gemeindeamt und bringen einen Scheck über Tausend Euro zur Wiedergutmachung mit.“

Als ich nach einer Kunstpause erwiderte, mir gerade zu überlegen, diesen seinen grotesken Bestechungsversuch in meiner Zeitung öffentlichen machen, legte er auf… Ich habe ihm diese Peinlichkeit übrigens erspart, ein paar Wochen später trat er ohnehin zurück.

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Platz 2: Der Burnout-Biber

Die besten Storys entstehen in einem inspirierenden Umfeld. Mit meinen Kolleginnen bildete ich ein kreatives Redaktion-Dreamteam und an manchen Tagen lief der Schmäh, wir saßen viel länger als notwendig in der Redaktion und am Ende des Tages waren die besten Storys entstanden.

Wir hatten die Information bekommen, ein Biber habe einen Mann gebissen, im Laufe der Recherche bestätigte sich dies und die Story entpuppte sich als äußerst skurril. Der Mann hatte spätabends auf der Straße ein Tier im Licht seiner Pkw-Scheinwerfer gesehen, er dachte zuerst an einen Fuchs, das Tier blieb aber auf der Straße sitzen. Erst beim Aussteigen erkannte er, dass es sich um einen Biber handelte, seine Frau meinte, er solle das Tier auf den Straßenrand scheuchen, möglicherweise sei es verletzt und es bestünde die Gefahr, dass es von einem Auto überfahren werde. Der Mann tat wie gesagt und als er sich umdrehte, um zu seinem Auto zurückzugehen, schrie die Frau „Achtung, der Biber kommt!“ Eine Sekunde später hatte dieser den Mann schon ins Bein gebissen. Die Wunde musste im Spital genäht werden, ein Biber-Experte erklärte, der Biber sei vermutlich im Stress gewesen, weil er aus Platznot auf der Suche nach einem neuen Revier gewesen ein. Da wir an diesem Produktionstag aus einer fröhlichen Laune heraus spontan beschlossen hatten, eine Zeitung mit Alliterationen zu machen, war das Titeln ganz einfach: „Burnout-Biber biss Protteser ins Bein“

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Platz 1: Vogelfänger mit fünf Eiern in der Hose

Wenn man nur lange genug in einer überschaubaren Region als Journalist arbeitet, lernt man alle ihre Wahnsinnigen kennen. Früher oder später landen sie bei der Lokalzeitung. In meiner Region gibt es ein Dorf, das die Irren scheinbar anzieht, sozusagen ein Sammelbecken für kuriose Typen. Einen von ihnen habe ich in einem Wirtshaus – aus dem man niemals ohne gute Story rausgeht, man muss einfach nur zuhören – kennengelernt. Er kam gerade aus Portugal von wo er Käse und… Vogeleier mitgebracht hatte. Der Mann gab sich als Vogelschmuggler aus und erklärte mir, er reise regelmäßig in den Süden, um Papageieneier zu importieren. Im Übrigen fahre er die gesamte Strecke in einem Stück durch, dank eines Cocktails aus Red Bull und Viagra sei dies kein Problem. Früher hatte er die Papageieneier direkt aus Brasilien geholt, aber leider war er einmal am Flughafen erwischt worden, als er die Eier in der Unterhose – zwecks konstanter Wärme – durch die Sicherheitskontrolle hatte schmuggeln wollen. Im brasilianischen Gefängnis wäre er fast gestorben, konnte gerade noch flüchten aber darf nun nie wieder einreisen. In seinem Haus in besagtem Dorf züchtet der Mann die seltenen Papageien und verkauft sie dann am Schwarzmarkt.

Ein paar Monate nach unserem Gespräch entnahm ich einer Polizeimeldung, dass man einen Papageienschmuggler aus dem Weinviertel festgenommen hatte, aus den dürftigen Angaben las ich heraus, das konnte nur meine Wirtschausbekanntschaft sein. Bingo. Die Titelstory: „Vogelfänger mit fünf Eiern in der Hose“ ist mein persönliches Paradebeispiel für Boulevard at its best.

2 Kommentare

  1. Sensationell 😝😝😝

    Danke und eine wiklich „tolle“ und tiefgehend berührende AUS.Zeit mit deinem Liebsten!!!

    Wir bleiben im Kontakt R🔆n

    _____________________________ R🔆nald Pelikan +43 664 388 70 57

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