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Ich lebe mit einer Diva in einem Haushalt. Einer männlichen Diva. Ihr müsst nämlich wissen, mein Mann, der Mann mit den vielen Talenten, ist nicht nur Captain und geschickter Techniker, er ist auch noch Künstler. Eigentlich ist er in erster Linie und in seinem tiefsten Inneren Künstler und die haben, das ist doch allgemein bekannt, empfindsame Seelen. Nicht, dass ihr glaubt, ich denke in Stereotypen – bestimmt gibt es auch grobe Klötze unter den Künstlern. Meiner aber ist eben ein Sensibelchen.

Im normalen Leben kann er sich auch tagelang völlig unauffällig verhalten. Wie Männer eben so sind (keine Stereotypen, ich weiß). Dann fährt er in der Früh in die Arbeit, kommt am späten Nachmittag heim, erledigt Arbeiten, die Männer halt so tun müssen – also Bäume fällen, Gartenhäuser bauen und unsere Hausfassade sanieren. Aber wenn eine Vernissage naht, dann…

King of Drama

Schon Wochen vorher läuft der Künstler unrund. In unserem Haus, im Keller und am Dachboden lagern zwar Hunderte Werke, großartige Bilder in meinen Augen, aber was versteht die Ehefrau schon von Kunst? Es müssen neue her, denn die alten (sprich vor drei Monaten entstandenen) könne man auf keinen Fall dem Publikum zumuten. Also werden die Nächte im Atelier verbracht, bei Tag muss der verhinderte Künstler ja im Spital Patienten durchleuchten und im Garten Bäume fällen und so weiter (siehe oben). Es wird im Akkord gemalt und gespachtelt, obendrein müssen noch alle Werke nach genauen Vorstellungen, die keinen Widerspruch dulden, eigenhändig gerahmt werden. Die Zeit drängt, die Vernissage rückt näher, die Laune des Künstlers verschlechtert sich dramatisch. Werke entstehen und werden vernichtet, in letzter Sekunde muss noch ein wahnsinniger Gedanke zu Papier – pardon Leinwand – gebracht werden und am Tag der Vernissage selbst hilft nur noch, dem Meister  großräumig aus dem Weg zu gehen. Die Diva hat meinen sonst so vernünftigen, praktischen und realistischen Ehemann vollends im Griff. Ein falsches Wort könnte zu Dramen führen, die Erkenntnis, dass das heißgeliebte Hemd noch nicht gebügelt ist (zwar besitzt er auch ein Zweithemd, dem Anlass genügt dieses aber unter keinen Umständen), löst Schnappatmung aus.

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Erst wenn alle Bilder hängen, wenn die ersten Gäste eintreffen und der Meister über seine Werke fachsimpeln und die Huldigungen entgegennehmen darf, wird aus dem Nervenbündel wieder der charmante, überaus unterhaltsame und gelassene Mann, den ich vor über 30 Jahren kennengelernt habe. Die Diva hat sich zurückgezogen.

Diebstahl-Serie

Tatsächlich kennen wir uns seit 33 Jahren und umso verwunderlicher ist die Erkenntnis, dass mein Ehemann, Vater meiner Söhne, Captain, Künstler, Musiker und Techniker mich immer noch überraschen kann. Es war in Ancona im Oktober 2017. Christoph war von der Organisatorin der Ausstellung Face’Arts, Mary Sperti, eingeladen worden, zwei seiner Werke wurden dort im Rahmen einer großen Porträt-Ausstellung präsentiert. Christoph und ich wollten das Wochenende der Vernissage mit einen Kurztrip ans Meer verbinden und hatten in Ancona für ein paar Tage ein Hotel gebucht. Das Wochenende war rückblickend jenes meiner größten Pannenserie ever. Ich bin eigentlich weder schusselig noch chaotisch, bin vorausschauend, der Ruhepol im Sturm des Alltags, die Managerin des Famlienclans. Diesmal kam alles anders. Es begann damit, dass mir zwei Tage vor Abreise meine Handtasche gestohlen wurde. Aus der Garderobe einer Wiener Schule, in deren Turnsaal wir einmal wöchentlich tanzen gingen. (Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass mein Mann auch ein talentierter Boogie- und Lindy-Hop-Tänzer ist?) Die Tasche tauchte zwar in einem Mistkübel wieder auf, der halbe Club war ausgeschwärmt, um bei der Suche zu helfen, aber der Großteil des Inhaltes war weg. Vor allem: meine Spiegelreflexkamera und mein Smartphone!

Undicht Kopie

Man stelle sich das vor: Da mein Mann, wie eventuell schon erwähnt, mit vielen Talenten, jedoch definitiv nicht mit Management- und Marketingqualitäten gesegnet ist, habe ich die Position seiner Managerin und PR-Beraterin übernommen. Und jetzt ein Wochenende ohne Kamera und Smartphone? Ohne What’s App, Facebook und Instagram? Kein Mensch auf diesem Planeten kann in diesem Zustand der technischen Nacktheit managen! Mit äußerster Kraftanstrengung konnte ich in letzter Sekunde eine technische Zwischenlösung erwirken, dann gings auf nach Ancona. Die Autofahrt lief problemlos, das Hotel lag supergünstig, das Personal war sehr symphatisch – alles gut. Bis ich am nächsten Tag zu meinem Kosmetiktascherl griff, das in der gestohlenen und wiedergefundenen Handtasche lag. Liegen sollte. Es war nicht da, obwohl ich es hundertprozentig in der letzten Autobahnraststation noch gehabt hatte. Wir durchsuchten das gesamte Gepäck, das gesamte Hotelzimmer, das Auto wurde zur Hälfte zerlegt. Nichts. Jemand hatte mir doch tatsächlich das Kosmetiktäschen gestohlen. In der Meinung, es sei eine Geldbörse. Der Trottel hatte nun mein Make-up, meinen Eyeliner, meine Mascara und meinen Lippenstift – und ein paar Damenhygieneartikel. Unfassbar. Es war Sonntag, ich sollte an der Seite des Künstlers als Ehefrau und Managerin strahlen und hatte KEIN MAKE-UP! Ich bin nicht exaltiert, wirklich nicht. Es gibt Tage, da geh ich ohne Wimperntusche und Lippenstift zum Bäcker vis-à-vis, aber an diesem Tag mit nacktem Gesicht zur Kunstausstellung? Ich war den Tränen nahe.

 

Und nun verblüffte mich mein Mann, die komlizierteste Künstlerseele von allen. Er tröstete mich, fragte sich durch sämtliche Instanzen, um eine sonntags geöffnete Parfümerie zu finden, wartete – gefühlte Stunden – geduldig, bis ich alles Lebensnotwendige geshoppt und an den notwendigen Stellen aufgetragen hatte und erweckte den Eindruck, als fühle er sich insegsamt so richtig wohl in seiner Haut. Ja er war vergnügt und umgänglich, wie ich ihn noch nie vor einer Ausstellung erlebt hatte.

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Am Abend kamen wir in der Ausstellungs-Location, in Rocca Roveresca Senigallia, an. Eine eindrucksvolle Burg. Wir wurden unglaublich herzlich vom Ehepaar Sperti begrüßt, man bat uns, noch bis zur Eröffnung außerhalb der Ausstellungsräume zu warten, eventuell die schöne Aussicht vom Dach der Burg zu genießen. Das taten wir auch, bis… Zehn Minuten vor der Eröffnung meinte mein Künstler, immer noch die Ruhe selbst, es wäre Zeit zu gehen. Ich nahm meine Equipment, Kamera und so weiter, ein kurzer prüfender Blick. Sitzt die Kleidung? Und dann…

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Tiefe Einblicke

Der Reißverschluss meines Rockes war aufgerissen, ließ sich weder nach oben noch nach unten schieben. Ich zerrte und riss (ich glaub‘ ein bisschen kreischte ich dabei – aber ganz leise), während mir der Meister liebevoll das Equipment wieder abnahm und geschlagene zehn Minuten mit sanfter Gewalt und unendlicher Geduld versuchte, den Zipp zu schließen. Vergeblich. Ich musste den gesamten Abend mit der rechten Hand die Kamera bedienen, mein Weinglas halten und Hände schütteln während ich mit der Linken verkrampft die geplatzte Naht des Rockes zusammenhielt. Die gab nämlich den Blick auf meine Spitzenwäsche, die Oberkante meiner Netzstrümpfe und die Unterkante meiner sexy Corsage frei. Also auf all das, was nur einem, nämlich dem Meister selbst, zu sehen gestattet gewesen wäre. Ich persönlich habe schon entspanntere Vernissagen erlebt, zugleich aber habe ich meinen Künstler noch nie so gelöst und ausgeglichen bei einem derartigen Event gesehen.

Das also ist meine persönliche Chaostheorie. Begegne der Hysterie eines Kreativen mit dem Chaos des Banalen, und sie findet keinen Raum mehr. Dann wird alles gut.

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