Es gibt für alles Psychologen, daher auch Raumpsychologen. Wofür man die braucht? Ganz einfach: Du bist, wie du wohnst. Jetzt frage ich mich, ob diese Erkenntnis eigentlich auch auf Hotels zutrifft und bei der Entscheidung für die eine oder andere Absteige unbewusst irgendwelche unterschwelligen Kindheitstraumata oder entwicklungspsychologischen Defizite und Konflikte, die nie verarbeitet wurden, mitschwingen.

Ich muss mal meine Freundin, klinische Psychologin und Supervisorin, fragen, ob bei uns ein ernsthaftes psychisches Problem vorliegt – obwohl…. Es liegt wohl eher am Geldmangel beziehungsweise an unserer Sparsamkeit, dass die meisten unserer Urlaube und Reisen uns nicht nur in spartanische Herbergen geführt haben sondern manchmal – in jungen Jahren – in wirklich unterirdische Absteigen.

Wohnen in Schieflage

In unseren ersten Urlauben waren wir mit dem Zelt unterwegs. Und zwar mit einem Miniaturzelt, das so niedrig war, dass man nicht einmal darin sitzen konnte. Zwei Luftmatrazen und zwei Bastbadematten waren unser einziger Luxus zwischen Körper und Erdboden. Spartanisch waren auch die Zimmer, die wir in unseren Schiurlauben gebucht hatten. Einmal hatten wir eines, da konnte man sich nur an zwei Seiten gerade noch am Bett vorbeischlängeln und wenn man ins Bad – besser gesagt in die Nasszelle samt Klo – wollte, musste man über das Bett drüberkrabbeln. Bei einem unserer Familien-Schiurlaube wohnten wir in einer Blockhütte direkt neben der Schipiste in bester Lage. Allerdings handelte es sich um eine Dachgeschoßwohnung mit ungefähr 30 Quadratmetern, durch die Dachschräge konnten wir nicht aufrecht im Zimmer stehen und mussten gebückt ins Badezimmer und zum Schrank ohne Türen – das einzige Möbelstück neben zwei Betten einem Tisch und vier Sesseln – schleichen.

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Sunny Guest House, Delhi 2018

Ein Highlight waren die Herbergen in Indien. Vor 25 Jahren, als wir uns mehrere Monate mit wenig Erspartem und einem kleinen Forschungsstipendium – ich schrieb zu dem Zeitpunkt meine Diplomarbeit – durchschlagen mussten, war das Billigste gerade noch erschwinglich. So wohnten wir in Delhi im Backpacker-Hotel Sunny Guest House direkt neben dem Zentrum, dem Connaught Place. Im Zimmer stand ein Doppelbett. Das wars. Die Wäsche wurde nur einmal im Jahr gewaschen, zumindest roch sie so und zum Wärmen gab es darüber hinaus noch eine Decke, die vermutlich in ihrem früheren Leben ein Kartoffel- oder Kohlesack gewesen war und nach Gebrauch nahtlos ohne Reinigung für mittellose Backpacker-Zwecke umfunktioniert worden war. Nebenan gab’s noch eine Toilette, die eigentlich sehr praktisch war, denn die Dusche war direkt ober dem Toilettsitz angebracht. So konnte man ganz entpannt in dem 80×80 Zentimeter großen Kammerl sein Geschäft verrichten und sich dabei gleichzeitig eine Dusche gönnen. Das Sunny Guest House gibt es übrigens heute noch, wir waren im Februar auf Kurzbesuch in Delhi und haben vorbeigeschaut. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, aber es ist noch derangierter als es damals war.

Luxus in Pushkar

In bester Erinnerung haben wir auch noch unser Guest House in Pushkar in Rajasthan. Als Bett gab es eine Liege mit einem Einsatz aus geflochtenen Stoffbahnen, die leider zum Teil aufgerissen waren, sodass man in der Nacht gelegentlich mit dem Knie den Boden berührte oder mit dem Ellenbogen durch die Löcher rutschte. Das Abwasser der Toilette führte durch ein Loch in der Wand direkt in einen Graben, der rund um das Häusl führte. Wenn man also mit dem Spülen und Hose-Raufziehen schnell genug war, konnte man, wenn man die Klotür öffnete, noch sein Geschäft vorbeifließen sehen. Immerhin bot dieses Guest House den Luxus einer warmen Dusche. Wir konnten es kaum glauben, als uns ein Hotel-Mitarbeiter die Duschen zeigte und fragte: „Do you want hot water?“ Wir nickten eifrig, das war ja eine großartige Überraschung. Der Mann verschwand umgehen, um wenige Minuten später mit einem Kübel wieder zu erscheinen. „Hot water“, strahlte er…

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Camel-Tour all incusive, Wüste Thar

In Jaisalmer nahe der pakistanischen Grenze haben wir ein paar Nächte in der Wüste verbracht. Wir waren mit Kamelen unterwegs und unsere Guides versichterten uns, wir würden keine Schlafsäcke brauchen. Es gebe Matratze und Decken. Ich bin ja keine Prinzessin – hab ich das schon erwähnt? – ich brauche weder Klimaanlage noch goldene Armaturen, keinen Butler und keinen Zimmerservice, aber was zuviel ist ist zuviel. Die Matratzen und Decken waren als Sattelauflage benutzt worden. Praktisch für den Transport aber – wir ritten durch die Wüste Thar und hier schwitzen auch Kamele! Am Abend wurden die kamelschweißgetränkten Matratzen auf den Sand gelegt, darauf kamen eine kamelschweißgetränkte Decke und zum Zudecken bekamen wir eine weitere Decke, ebenfalls kamelsch… eh scho wissen. Als es finster und kalt wurde, hüllte ich meinen Kopf in einen Schal, um dem Gestank und der Kälte zu entgehen. Ich schwöre, ich tat keine Nacht ein Auge zu und zu allem Überdruss lagen direkt neben uns unsere Reittiere, wiederkäuend und furzend. Nach einer Woche in der Wüste… Hat dein Partner schon einmal nach Kamel gestunken? Ich weiß wie das ist und glaub mir, es gibt aphrodisierendere Gerüche.

In der Ausnahm‘

Aber auch in Europa haben wir schon ein paar unvergessliche Urlaubsnächte verbracht. Ein paar Beispiele: in Portugal hatten wir einen Balkon mit Aussicht auf die Müllhalde. Jeden Tag ab 8 Uhr begannen die Baggerfahrer ihr Tagwerk. Am Ossiacher See in Kärnten wohnten wir in einem Appartement, das in den 70er-Jahren gebaut und nie wieder saniert worden war. Nur ein Badezimmer war nachträglich angebaut worden, ein unbelüftetes plastikverkleidetes Kammerl, an dessen Schimmelkulturen jeder Mykologe seine Freude hätte. In Breitenbrunn am Neusiedler See wohnten wir bei einem Bauern in der Ausnahm‘. (Das ist ein kleines Häuschen neben dem Bauernhaus, das der Sohn für die Eltern baut, wenn er die Landwirtschaft erbt und die Altbauern in Pension gehen.)  In Opatja hatten wir ein Zimmer im traditionsreichen Hotel Kvarner gebucht und uns über den wahnsinnig günstigen Preis für das Haus mit Monarchie-Flair gefreut. Okay, wir haben dann nicht im Haupthaus gewohnt, sondern nebenan, war wohl das Haus fürs Gesinde und seit dem Abdanken von Kaiser Karl nur marginal saniert worden. Die Aussicht war trotzdem phänomenal und wir speisten in einem riesigen Saal mit rotem Samt und goldenen Stühlen. Morbide Monarchie-Sehnsuchtsstimmung.

Rückblickend denke ich, wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich trotzdem nicht den Maharajah’s Pavillion im Raj Palace oder das Four Seasons in New York gebucht. Gut die Erfahrungen mit dem Schimmelhaus und der Fäkalienbesichtigung hätt‘ ich nicht dringend gebraucht, aber was würde wir ohne diese speziellen Glanzlichter des Reisens berichten? Heiß war’s und Schnitzel hat’s auch keins gegeben…

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Christoph und Babu

 

 

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