Gibt es eigentlich Leute, die sich in lateinischer Sprache unterhalten können? Na sicher doch! Wie singt der Weinviertler Musiker Jimmy Schlager doch so schön: „Es gibt für ollas Leit“ (Es gibt für alles Leute). In meiner zugegebenermaßen nicht berauschenden Latein-Schullaufbahn hab‘ ich mich immer gefragt, ob es nicht einen einfacheren Weg gäbe als die Methode, die wahrscheinlich schon zu Maria Theresias Zeiten angewandt wurde: Vokabeln, deklinieren, konjugieren und konstruieren. Warum ich trotz meiner jämmerlichen Latein-Leistungen beschlossen habe, Indologie zu studieren, ist mir heute noch schleierhaft. Aber grundsätzlich mag ich ja Sprachenlernen – nur halt nicht Latein.

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Dafür lernte ich dann auf der Uni Sanskrit – und erkannte da erst, dass Latein gar nicht so schlimm ist. Es gibt Schlimmeres. Sanskrit zum Beispiel. Gibt es eigentlich Leute, die sich auf Sanskrit unterhalten? Meinem alten Professor auf der Uni Wien, Jan Heesterman, würd‘ ich es zutrauen. Oder noch schrecklicher: Er spricht wahrscheinlich fließend Vedisch, waren doch die vedischen Opferrituale sein Leib- und Magenthema. Im ersten Jahr meines Studiums lauschte ich ihm oft höchst konzentriert während der ganzen Vorlesung und hatte am Ende nur zehn Wörter aufgeschrieben. Mehr hatte ich während der eineinhalb Stunden nicht verstanden, obwohl Heesterman – wenn auch mit stark niederländischem Akzent – Deutsch sprach.

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Dass man sich auf der ganzen Welt, egal wo man hinreist, verständigen kann, hat ich immer schon fasziniert. Das begann mit Karl Mays Helden Kara Ben Nemsi, ein Sprachgenie sondergleichen, der mit seinem Talent nicht nur Hadschi Halef Omar sondern auch mich maßlos beeindruckte. (Ich war erst sieben, da ist man leicht zu beeindrucken!) Später hab ich mich dann oft gefragt, warum ich mit meinem Schul-Französisch nicht wirklich in Paris reüssieren konnte, viel später habe ich Spanisch gelernt, um festzustellen, dass ich in Venezuela kein Wort verstehe. Immerhin hat man mir dann erklärt, ich müsse nicht darüber verzweifeln, denn auch in Madrid würde man einen Venezolaner nicht verstehen.

Nachdem ich mich ein paar Jahre mit Sanskrit und Vedisch herumgeschlagen habe und klar war, dass ich zu Forschungszwecken nach Indien reisen würde, habe ich dann auch noch begonnen, Hindi zu lernen. In gewisser Weise war das gar nicht so schwer, immerhin kannte ich ja schon die Schrift (Devanagari) und auch viele Worte, die sich aus Sanskrit ableiten, dann aber wieder fürchterlich mühsam, weil ich die Aussprache einfach nicht hinbekommen habe. Das liegt unter anderem an meinem „r“, das ich im Rachen rolle, anstatt mit der Zungespitze. Da sich die Zahl der Hindi-Studenten – wie übrigens im Indologie-Studium im Allgemeinen – binnen weniger Wochen rasant auf ein Zwanzigstel der Anfangszahl reduziert hatte und wir schließlich meist zu fünft im Hörsaal saßen, hatte mein Hindi-Professor viel Zeit, an unserer Aussprache zu feilen und zugleich hatte er viel Spaß daran. Ich höre ihn heute noch herzhaft bei meinem Versuch, „ri“ zu sagen, lachen.

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Meine praktische Sprach-Leistung in Indien war ähnlich jämmerlich wie meine Latein-Noten, aber trotzdem: Es hat Vorteile, ein bisschen in der Landessprache zu radebrechen. Es kann Türen und Tore öffnen und immerhin konnte ich die Leute damit beeindrucken, fließend Zeitung zu lesen. Dass ich fast nichts von dem was ich las verstand, ist eine andere Geschichte. Ach ja – heuer im Februar besuchten wir erneut Indien. Es hätte allerdings wenig Sinn gemacht, mein dürftiges Hindi aufzufrischen. Wir waren in Tamil Nadu, wo Tamil gesprochen wird. Das ist mit Hindi so verwandt wie Finnisch mit Deutsch. Und hat obendrein eine andere Schrift.

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In Wahrheit kommst du, wenn du Englisch und Spanisch sprichst, fast überall auf der Welt durch. Außer vielleicht in Frankreich – und in China. Als Studentin habe ich auch daran gedacht, einmal durch China zu reisen. Natürlich nicht mit dem All-inklusive-Touri-Bus. Sowas macht eine Ethnologin grundsätzlich nicht! Aber die Vorstellung, irgendwo in der Provinz Xinyang mitten in der Nacht auf einem Bahnhof zu stranden ohne auch nur den Namen des Ortes entziffern zu können, hat mich dann doch abgeschreckt. Ganz abgesehen davon, dass Mandarin eine eigene Kategorie ist, was Sprachelernen betrifft. Da ist Vedisch echt noch harmlos. Meine Studienkollegin, die im Nebenfach Sinologie gewählt hatte, erzählte mir in der ersten Uni-Woche, dass sie das Wort „li“ gelernt hatte. Je nachdem in welcher Tonhöhe man es ausspricht, hat es eine andere Bedeutung. Also übte sie tagelang gefühlte 30 Betonungen von „li“.

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Fazit: viele Sprachen gelernt, aber wenige tatsächlich gesprochen. Was übrig bleibt, ist Englisch. Es hilft nix, das ist eben die Sprache, mit der du am meisten konfrontiert wirst. Auf der Uni, beim Reisen, in der Musik oder auch online. Und es zeigt: Nur über die Praxis lernst du eine Sprache wirklich. Grau ist alle Theorie.

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5 Kommentare

  1. Sehr schön berichtet! Ich hatte Sanskrit als Nebenfach belegt, au Backe! Ich habe es nie richtig kapiert und wünschte, ich hätte stattdessen Hindi belegt, was jedoch nicht zu meinem Hauptfach gepasst hätte. Aber eines habe ich doch davon mitgenommen, nämlich dass man sehen kann, welche europäischen Sprachen davon abstammen.
    Mit Latein konnten sich doch schon immer Studenten aller Länder verständigen, ausser mir … 😉 … das war (und ist?) so eine lingua franca, ich habe es tatsächlich mal gehört, das war merkwürdig.

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  2. Das ist leider genauso! Das Chennai -Tamil ist auch nicht ohne. Und wenn man dann das schöne Hochtamil lernt, versteht dich auf der Straße kein Mensch. Ist echt zum Verzweifeln. Und wenn ich versuche mich in Tamil zu verständigen, nimmt jeder sein Englisch hervor auch wenn es noch so schlecht ist 😉! Trotzdem freuen sich die Meisten ungemein, wenn man versucht Tamil zu sprechen! Sprachen wollen gebraucht werden, ansonsten verziehen sie sich schleichend aus unseren Köpfen. Jedenfalls ist dies bei mir so. LG aus Chennai Irene

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