Es soll ja Österreicher geben, die stolz auf ihr Land sind. Das kann ich nicht verstehen, denn wie kann ich auf etwas stolz sein, zu dem ich nichts beigetragen habe? Beeindruckende Berge, klare Seen, die weltbesten Schifahrer… Liegt irgendetwas davon in meinem Einflussbereich? Stolz kann ich auf eine gelungene Zeitungsausgabe sein oder auf meine Diplomarbeit (lang, lang ist’s her) oder auf unsere Söhne, deren Erziehung uns nämlich hervorragend gelungen ist (schulterklopf).

Neuseeland oder Paris?

Es soll auch Leute geben, die behaupten, Österreich sei das schönste Land der Welt… Ich will ja gar nicht abstreiten, dass dies der Fall ist. Allerdings eben nur in der subjektiven, österreichisch-kleinen Welt, denn Schönheit liegt im Auge… und so weiter und so fort, und schließlich wissen wir alle, dass die meisten Amerikaner ihr Land großartig finden, dass genug Neuseeländer ins Schwärmen geraten, wenn sie von der Bergwelt der Südinsel sprechen und nur wenige Pariser jemals ihre Stadt verlassen wollen, weil es nichts Vergleichbares auf der Welt gibt. Patriotismus gibt’s in jedem Land der Erde und solang der nicht in Chauvinismus kippt, hat er unbedingt seine Berechtigung, wäre doch schlimm, wenn man sich in der Heimat nicht wohlfühlen würde.

Christoph und ich sehen die Sache mit Österreichs Schönheit eher pragmatisch. Wir wissen, dass es in unserer Heimat wunderbare Plätze gibt und wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Welt außerhalb Österreichs riesengroß und mit dementsprechend unendlich vielen großartigen Orten bestückt ist. Einige haben wir gesehen, viele liegen 2019 vor uns. Da aber Schönheit wie gesagt definitiv nichts mit Objektivität zu tun hat, hier unsere Top-Five in Österreich.

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1. Der Strand von Breitenbrunn am Neusiedler See

Das war jetzt nicht schwer zu erraten, denn es handelt sich ja immerhin um unseren Haus-See, also jene Lacke, die besegelbar und dabei am nächsten von unserem Wohnort entfernt liegt. Hier haben wir aber nicht nur unsere ersten Segelerfahrungen gemacht, nein, hier waren wir schon mit unseren Kids zum Planschen und Urlauben, als der Große ungefähr einen Meter und der Kleine 55 Zentimeter groß war. Am Neusiedler See liegen ja etliche Strände, aber Breitenbrunn ist der am wenigsten verbaute, er besitzt bis heute noch keine hippen Strandbars und durchgestylten nachhaltigen Holzpfahlbauten für die Hipster aus Wien. Ein bisschen Gänsehäufl-Flair, ein bisschen gammelige 80er-Jahre-Atmosphäre und ein bisschen Mittelmeer-Hafenfeeling, das ist Breitenbrunn. Leider droht dem ein Ende, denn die „innovative Neukonzeptionierung mit intelligenter Gesamtgestaltung“ scharrt schon in den Startlöchern. Wenn ich nur „Spa-Bereich“ höre, stellen sich schon meine Nackenhaare auf…

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Turracher Höhe 1997

2. Die Turracher Höhe

Sie ist ein Teil der Familiengeschichte. Meine Großeltern hatten Mitte der 40er- bis Anfang der 50er-Jahre in Kärnten, Ebene Reichenau am Fuße der Turracher Höhe gelebt, mit meinen Eltern hatten wir hier oft Familienurlaub gemacht und mein Bruder Wolfgang, meine Mama und ich und später unser großer Sohn Johannes – damals noch ein dreijähriger Zwerg – haben hier unsere ersten Gehversuche auf Schiern gemacht. Die Turracher Höhe hat etwas Geheimnisvolles. Der See ist das halbe Jahr über zugefroren und mit einer dicken Schneeschicht bedeckt, daher glaubte Klein-Ulli die ersten Male, als wir dort im Schiurlaub waren, nicht, dass wir über eine See gehen würden. In meiner vierjährigen Phantasie rutsche ich mit meinen Mini-Schiern über eine spiegelglatt gefrorene Wiese, entsprechend fasziniert war, ich als ich eines Sommers zum ersten Mal das Wasser des Turracher Sees sah.

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Noch etwas Geheimnisvolles verbinde ich mit der Turracher Höhe: den alten Kranzelbinder. Wir wohnten in seinem Gasthof  am Waldrand und der Mann war leidenschaftlicher Edelsteinsammler. Seine Amethyste und Bergkristalle waren für mich der Inbegriff von märchenhafter Schönheit. Sie hatten etwas Magisches.

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3. Der Grazer Schlossberg

Kaum zu glauben, aber ich habe Graz erst vor wenigen Jahren zum ersten Mal besucht. Die Stadt ist ja nicht aus der Welt, von Wien in knappen zwei Stunden zu erreichen. Aber irgendwie haben wir es ewig nicht geschafft und von Zeit zu Zeit meinte ich schmollend zu meinem besten Ehemann von allen: „Du fährst ja nie mit mir nach Graz.“ Irgendwann besuchten wir dann doch ein Wochenende die steirischen Hauptstadt und machten Sightseeing. Das läuft bei uns immer nach dem gleichen Muster: Ich habe Stadtplan und Reiseführer fest im Griff und wir latschen stundenlang durch die zu besichtigende Stadt, ich deklamiere aus dem klugen Buch, Christoph versucht, zumindest ein paar essentielle Schlagworte in seinem Langzeitgedächtnis zu konservieren und zwischendurch sitzen wir lang aus ausgiebig in Cafés oder Bars und genießen die Stadt, ihre Ansichten und das Beobachten von Passanten. So haben wir auch Graz erkundet und viele, viele einzigartige Plätze entdeckt. Aber am schönsten fanden wir eben die Aussicht vom Schlossberg über die Dächer der Stadt.

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4. Das Museumquartier in Wien

Mit Wien verbindet uns so etwa wie Hassliebe. Ich habe zehn Jahre in dieser Stadt gewohnt, einen Gutteil davon als Studentin (Wien ist die perfekte Stadt fürs Studentenleben), Christoph arbeitet seit 1992 hier und verabscheut weniges so herzlich, wie den Wiener Stadtverkehr. Durch den muss er nämlich mindestens zehnmal die Woche seit 26 Jahren durch und in seiner irrationalen Verkehrs-Frustwelt ist er überzeugt davon, dass es keine schrecklichere Stau-Metropole gibt, als die österreichische Bundeshauptstadt. (Das ist irgendwie wie die Behauptung, es gäbe kein schöneres Land als Österreich – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Denn wir wissen alle, dass der Verkehr in Paris, New York, New Delhi… das nackte Grauen ist und trotzdem schwärmt mein Wien-Hasser in höchsten Tönen von ebendiesen Städten.) Abgesehen vom Straßenverkehr muss man jedoch – ganz objektiv – zugeben, dass es auch in Wien ein paar wirklich schöne Orte gibt, und unser Lieblingsplatz ist das Museumsquartier. Speziell das Leopoldmuseum, das MUMOK und die Kunsthalle sind unsere bevorzugten Anlaufstellen und im Sommer lässt es sich wunderbar auf den Hofmöbeln faulenzen und Kunst-Luft schnuppern.

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Gmunden 1999

5. Die Esplanade von Gmunden

Der zweite wichtige Ort der Familiengeschichte, diesmal von Christophs Family. Seine Großmutter väterlicherseits stammt aus Gmunden am Traunsee und auch er war als Kind mit Eltern und Schwester Babsi zu Familienbesuch nach Oberösterreich gekommen. Diese Tradition haben wir fortgesetzt und sind Jahr für Jahr für ein Wochenende mit unseren Kindern an den Traunsee gefahren. Gewohnt haben wir immer im Gasthof Ramsau am Ostufer des Sees und vier Dinge waren obligat: Eisessen auf der Esplanade, Elektrobootfahren am See, eine Seilbahnfahrt auf den Grünberg und eine Fahrt mit dem Dampfer Gisela. Wenn ich in Gedanken um den See herumradle, ist er voll mit kleinen Erinnerungen. Die Kurve, wo beim Bergabfahren die Bremsen von Johannes‘ Kleinkindrad versagten, die Stelle im See, an der Matthias fröhlich reinsprang, nicht ahnend, dass hier, wo die Traun in den See fließt, dieser im Sommer nur 16 Grad hat. Gmunden hat so etwas Liebliches: ein überschaubarer See, nicht allzu hohe Berge und ein kleines Städtchen mit Monarchie-Charme. Der perfekte Ort für Sommerfrische.

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