Wenn du in Indien mit Taxi oder Riksha ein bestimmtes Ziel erreichen willst, brauchst du vor allem drei Dinge: enorme Überzeugungskraft, einen starken Willen und undlich viel Geduld. Fehlt eine dieser Eigenschaften, kommst du nie an, aber tröste dich, du wärst nicht der erste, der im falschen Hotel, in einer anderen Stadt oder im Governmental Shopping Palace statt bei der Großen Moschee landet.

Challenge Tourist gegen Taxler

Christoph und ich können mit Stolz behaupten, uns fast immer gegen die Taxifahrer durchgesetzt zu haben. Ha, wir lassen uns nicht übers Ohr hauen! Zumindest meistens nicht. An unserem allerersten Tag in Delhi holten wir uns schon den Sieg in der Taxler-gegen-harmlose-europäische-Touristen-Challenge. Irgendwann nach Mitternacht waren wir vor dem Flughafen in einen altersschwachen gelb-schwarzen Ambassador gestiegen und hatten einen – wie wir hofften – vernünftigen Preis ausgehandelt. Während der Fahrt Richtung Stadtzentrum versuchte uns der Fahrer davon zu überzeugen, uns in ein viel besseres und preiswerteres Hotel – zum gleichen Preis – zu bringen. Wir lehnten beharrlich ab und kamen tatsächlich irgendwann vor dem versperrten Eingangstor unseres gebuchten Hotels an. Unser Fahrer klingelte den Portier aus seinem Bett (er schlief wie Harry Potter unter der Stiege), begann mit ihm zu verhandeln, kam dann mit einer bedauernden Geste auf uns zu. „Sorry, no free room.“ Wir sollten doch sein Angebot annehmen, er kenne den Hoteldirektor des Etablissements seiner Empfehlung, sein Cousin, ein ehrenwerter Mann…

Mit Überzeugungskraft, starkem Willen und Geduld konnten wir den Portier unseres Hotels um vier Uhr in der Früh nach 24 Stunden Anreise davon überzeugen, dass wir das Zimmer genau hier gebucht hatten und es demzufolge auf der Stelle beziehen würden. Erste Challenge gewonnen.

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Einen Tipp haben wir noch auf Lager: Es empfiehlt sich, den Weg zum Zielobjekt zu kennen, denn nicht jeder Taxifahrer tut das. Wir erwischten einmal einen Rikshafahrer, der den Weg von unserem Hotel bis ins Zentrum (!), den Connaught Place, nicht kannte. Bei jeder Kreuzung schaute er hilfesuchend nach hinten und wir gaben ihm Anweisungen: „Now turn right, go straight ahead, turn left at the next traffic light…“

Der Weg ist das Ziel

Tatsächlich gilt es als unhöflich, keine Auskunft zu geben, daher erweist es sich als eher ineffektiv, eine Entscheidungsfrage zu stellen, sie wir immer mit „ja“ beantwortet. „Do you know the way to….?“ Ganz schlecht. Du wirst überall hingeschickt und kommst nirgends an. Christoph fuhr einmal mit einem Rikshafahrer durch halb Jaipur, auf der Suche nach einem „woman science institut“, um für meine Forschungsarbeit Unterlagen abzuholen. Nachdem der Mann eine Stunde mit Christoph durch die Stadt geradelt war und etliche Leute nach dem Weg gefragt hatte, kamen die beiden wieder am Ausgangspunkt an. Da war es ja, das Institut!

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Kennt ihr eigentlich den Lonely Planet Reiseführer? Die fetten Bücher schleppten alle Backpacker vor den Zeiten des Smartphones mit sich herum, viele tun es auch heute noch. Da gibt es wertvolle Tipps über Sehenswürdigkeiten, Kosten von Low-Budget-Hotels und auch simple Pläne von etlichen Städten. Phil, ein Texaner, den wir auf unserer ersten Indienreise kennengelernt hatten, erlebte sein persönliches Waterloo mithilfe des Lonely Planet. Er war in einer Stadt Rajasthans angekommen, jenes Bundesstaates, der lange von Rajputen regiert wurde, deren Paläste und Forts heute noch Mittelpunkte der Stadtzentren sind. Phil fragte einen Fahrrad-Rikshafahrer, ob er ihn zum Fort bringen könne und zeigte ihm den entsprechenden Plan im Reiseführer. Der Mann nickte, man handelte einen Preis aus und fuhr los. Unterwegs hielt der Fahrer immer wieder, um nach dem Weg zu fragen. Bald bildeten sich Menschentrauben, die Leute diskutierten, zeigten in diese und jene Richtung, auch ein Polizeibeamter wurde angesprochen und mischte fleißig im Diskurs mit. Phil beobachtete die lebhafte Unterhaltung mit zunehmender Fassungslosigkeit. Es konnte doch wohl nicht wahr sein, dass niemand das Fort im Zentrum der Stadt kannte! Wütend riss er dem Rikshafahrer das Buch, über das sich dieser gemeinsam mit dem Polizisten und etlichen hilfsbereiten Passanten gebeugt hatte, aus den Händen, trommelte mit dem Finger auf das in der Mitte eingezeichnete Fort – und erstarrte: Oberhalb des Plans stand in Blockbuchstaben „Jodhpur“. Phil und sein äußerst bemühter Rikshafahrer befanden sich allerdings in Ajmer – mit einem Stadtzentrum ohne Fort …

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Was wir sonst noch erlebt haben: einen Rikshafahrer, der auf seinem Fahrzeug wohnte und vor unserem Hotelzimmer parkte, um uns täglich als persönlicher Chauffeur kreuz und quer durch die Stadt zu radeln. Der Mann war allerdings dem Alkohol nicht abgeneigt und daher nicht immer trittfest, sodass unsere Fahrt einmal mitten am Rondo eines Kreisverkehrs endete, erst dort hatte die Bremskraft Wirkung gezeigt. In Agra bestand ein Rikshafahrer mitten während der Fahrt auf einem doppelt so hohen wie ursprünglich verhandelten Preis und begann mit uns eine unangenehme Diskussion. Sie führte zu einem auf halbem Weg erzwungenen Stopp sowie einer heftigen Debatte zwischen Christoph und mir, die darin mündete, dass ich zum nächsten Polizisten marschierte, um mich über den Fahrer zu beschweren. Der hatte zu diesem Zeitpunkt längst das Weite gesucht, ich stapfte zornig die restlichen Kilometer zu Fuß zurück zum Bahnhof, wo der Streit mit Christoph sich in bemerkenswerte Lautstärke steigerte. Irgendwann bildete sich ein Kreis von Männern, die rund um uns zwei Streihähne hockten und mit Faszination das europäische Paar beobachteten, das sich hier öffentlich in seltsamer Sprache offensichtlich Unerfreuliches an den Kopf warf. Ziemlich sicher gaben wir ein fast so gutes Schauspiel wie der aktuelle Bollywood-Schinken ab.

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