Reden wir mal über das, was wir wirklich können. Als Österreicher lassen Christoph und ich keine Klischees aus, also: Wir können Schifahren. Ziemlich bis richtig gut. Woran das in der Generation Pflicht-Schulschikurs messbar war? An der Gruppe, in die du es dank deines Könnens geschafft hast. Unsere Platzierung: eins und zwei.

In unserer Kinder- und Teenagerzeit war Schifahren zwar teuer, aber noch erschwinglich. Ich frage mich ernsthaft, wie Durchschnittsverdiener angesichts der Liftpreise heute noch Familienurlaub finanzieren können. Im exklusiven Sölden zahlst du in der Saison 2018/2019 293 Euro für einen Sechs-Tage-Schipass, im ganz und gar nicht exklusiven Saalbach kostet er heuer 263 Euro. Wer legt mal so locker einen Tausender für eine vierköpfige Familie hin, nur damit er sich mit den Massen vor der Lifteinstiegsstelle drängen darf? Wenn du dann noch die Nächtigung, das Essen (auf Schihütten auch kein Schnäppchen), die Verleihgebühr und vielleicht noch einen Schikurs rechnest, dann – ja dann steigst du lieber auf ein Schiff und segelst zwei Monat lang durchs Mittelmeer.  Kostet ähnlich viel.

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Christoph und Babsi in Grächen, 1979

Christoph und ich waren begeisterte Wintersportler, unsere Eltern haben in uns Niederösterreichern, uns Flachlandindianern des österreichischen Alpenlands, die Begeisterung für den Alpinsport geweckt. Mein Papa ist in Kärnten aufgewachsen, in Ebene Reichenau, und was wäre somit naheliegender, als die ersten Gehversuche auf Schiern auf der Turracher Höhe zu absolvieren? Da stand ich als bockiges, blondes, vierjähriges Zwergerl und strampelte plärrend mit den Beinen inklusive 50-Zentimter-Schiern, wenn ich stürzte. (Mit der Zeit hatte ich meine Frustgefühle besser unter Kontrolle, irgendwann mit 13 am Schulschikurs hab ich gemerkt, dass Plärren und Strampeln uncool ist.)

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Mein großer Bruder Wolfgang und ich, Turracher Höhe 1976

Christoph und seine Schwester Babsi hatten überhaupt den Winterferien-Jackpot gewonnen. Vater Fritz war Lehrer (der unlustige Brotberuf) und Musiker (wofür er wirklich lebte) und seine Band, die Red Devils, hatte über mehrere Weihnachtssaisonen im Grächerhof in der Schweiz ein Engagement. Während meine Schwiegereltern im Gegensatz zu meinen Eltern den Schisport eher mit Skepsis betrachteten – Schwiegermutter verweigerte gänzlich und Schwiegervater beendete seine Karriere nach einer einzigen Abfahrt, die er in der Ausrüstung seiner Teenager-Tochter in Slapstik-Manier bewältigte -, steckten sie Babsi und Christoph in Schikurse und öffneten für sie die wunderbare alpine Winterwelt.

Karriereplan: Liftwart

Im Vergleich zur heutigen Schi-Industrie waren die 70er-Jahre echt die Pionierzeit des Wintertourismus. In Grächen gab es gerade mal eine Gondelbahn und drei Schlepplifte (Schlepplift: gibt’s das überhaupt noch?), auf der Turracher Höhe waren die zwei einzigen Sessellifte – einer davon noch ein Einzellift (!) – das Höchste der Gefühle und den Großen vorbehalten. Für die Transporte lösten wir Einzelfahrscheine, die gab’s im Zehnerblock und vor jeder Fahrt riss der Liftwart einen Zettel ab. Apropos Liftwart: Da fällt mir wieder mal meine Französisch-Professorin ein. Unvergessen: außergewöhnlich, schwierig und eine pädagogische Katastrophe. Aber inspirierend wie keine andere Lehrerin meiner Gymnasium-Zeit. Sie sagte zu uns 15-jährigen, an Schule im Allgemeinen und Französisch im Besonderen desinteressierten Schülern: „Wenn ihr nicht Matura machen wollt, bleiben euch nur wenige Berufswege. Ihr könnt dann Flaschen-Umdreher in einer Champagner-Kellerei in Reims werden oder Liftbügel-unter-den-Hinter-Schieber in Saalbach.“ Gibt’s heute beides fast nimmer in unserer volltechnisierten industriellen Welt.

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Haus im Ennstal, 1989

Zurück zu den 70ern. Die Kleinen fuhren mit dem Babylift, an dessen Bügel es galt, sich mit den viel zu großen Fäustlingen festzuklammern, oder noch viel schlimmer: Wir mussten den Berg hinauftreten – Schritt für Schritt, Schibreite für Schibreite. Das diente angeblich dazu, ein besseres Gefühl für die Schier zu bekommen und sich zugleich aufzuwärmen. Wie habe ich es gehasst und wie habe ich gefroren! Funktionskleidung gab’s damals noch nicht, die Handschuhe waren aus Leder, die Finger gefroren und die vereisten Schischuhbänder (ja, so alt bin ich) waren kaum zu öffnen. Eine Sensation war die Erfindung der Fangriemen, denn die Bänder, um die Schischuhe befestigt, verhinderten, dass der Schi wie bis dato beim Sturz talwärts fuhr. Stattdessen flog er uns um die Ohren. Gar nicht so ungefährlich, denn Helme waren in den 70ern weder Pflicht noch Trend. Eine zeitlang trugen wir zwar welche im Stil unserer großen Vorbilder, Franz Klammer und Annemarie Moser-Pröll, später galten sie als extrem uncool und die wahren Stars am Schulschikurs fuhren ohne Helm, ohne Haube und ohne Schibrille. Mit Jeans, dicken Pullis und langen Wollschals, die ob der rasenden Geschwindigkeit wie Fahnen im Rhythmus der Schwünge wehten. Wedeln nannte man den Non-Plus-Ultra-Stil, bevor Carving erfunden wurde. Und wer es in der ersten Gruppe des Schikurses schaffte, war Wedel-Profi.

Speed-Kings und -Queens

Mein Christoph (in der Schulzeit noch nicht meiner) gehörte zu dieser elitären Gruppe der Schi-Schüler, das waren die Burschen, die sich todesmutig über die Buckelpisten talwärts stürzten und abseits der Pisten Tiefschnee fuhren. Ich selbst hab’s nur bis zur zweiten Gruppe gebracht, Tiefschnee war nie so mein Ding, dafür punktete ich mit Geschwindigkeit, was auch meiner Körperlänge und damit der Länge meiner Schi zu verdanken war. Denn in den 80ern war die Schilänge sowas wie ein Statussymbol. Die wahren Könner hatten die längsten Schi, Rennschi mit 2,20 Meter waren keine Seltenheit. Und mit Rennschiern warst du eben der King – oder die Queen – auf der Piste.

Hölzerne Angelegenheit

Meine ersten Brettln waren übrigens wirklich genau das: Holzbrettln. Reste davon lagen jahrelang im Keller meiner Eltern herum. In Erinnerung an meinen legendären Sturz mit sechs Jahren. Ich kann mich noch an den Geschwindigkeitsrausch erinnern, den ich zum ersten Mal in meiner damals noch jungen Schifahrer-Karriere empfand, als ein gemeiner Stein, der unvermutet in einem Schneehaufen versteckt lag, die rasende Talfahrt jäh beendete, ich einen doppelten Salto hinlegte und verdutzt auf der Piste liegend durch meine mit Schneebatzen verklebte Schibrille meinen Schi beobachtete, wie er talwärts fuhr. Seltsam, denn der Fangriemen hing geschlossen um meinen Schischuh, daran fixiert baumelte der Schi… Doch halt, nur zwei Drittel des Schis waren zu sehen, sie endeten in einer böse ausgezackten Holzkante. Das dritte Drittel, die Schispitze, kam auf halbem Weg ins Tal am Waldrand zum Stillstand. Das war das Highlight dieser meiner Schisaison: Mein Schilehrer nahm mich auf die Schultern und beförderte mich gekonnt – und deutlich schneller als ich bis dato jemals auf der Piste unterwegs gewesen war – ins Tal.

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Nassfeld, Kärnten 2009

An unsere Kinder haben wir die Begeisterung für den Wintersport weitergegeben, aber seit einigen Jahren verzichten wir auf Winterurlaube. Womit wir wieder am Anfang des Beitrags wären: Eine Woche Familienschiurlaub ist für Durchschnitts-Einkommensbezieher nicht leistbar. Wir waren nie die Vier-Sterne-Hotel-Urlauber, günstig und nah am Lift war für die Wahl unserer Unterkunft die Devise, aber wie oben schon erwähnt. Die Unterkunft macht nur einen geringen Teil der Kosten eines Winterurlaubs aus, an der Liftkarte kommst du nicht vorbei und mit Schulkindern zahlst du in der Hauptsaison ohnehin die Deppensteuer und legst volle Länge ab.

Irgendwann werden wir wieder mal unsere Schier anschnallen, als gelernter Österreicher bist du eben geprägt. Und wenn es soweit ist, sind das unsere Favoriten:

Nassfeld, Kärnten: in einer kleinen, einfachen Schihütte mitten im Schigebiet, dass so wetterbegünstigt wie kein anderes in Österreich ist. Sonne und glitzernder Schnee ohne Ende.

Haus im Ennstal, Steiermark: weil die Schischaukel genial ist und du tagelang unterwegs bist, ohne mehrmals die gleiche Piste zu fahren. Und die Rennstrecke am Hauser Kaibling  gibt’s als Draufgabe.

Heiligenblut, Kärnten: weil du auf 3000 Metern Höhe einen atemberaubenden Ausblick auf die Hohen Tauern und egal auf welcher Piste du bist, immer den Großglockner im Blick hast.

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Heiligenblut, 1990
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