Reisende beklagen gern die indische Bürokratie. Ohne Endlos-Queueing, Marathon-Formular-Fillouting und – wenns dringend ist – Bestechungsgeld-Paying ist da nix. Dazu kommen irrationale Diskussionen, die in Ergebnislosigkeit münden, meist den kulturellen Differenzen geschuldet. Aber ich habe da so eine Theorie. Vieles von dem ganzen Theater ist genau das: Theater. Show. Liebevolle Touristen-Verarsche.

Freundliche Planlosigkeit

Wenn ich links und rechts schau, sehe ich, dass alle Schlange stehen und Formulare ausfüllen: Inder und Europäer, Frauen und Männer, Alte und Junge. Aber an die angeblichen Verständigungsproblemen glaube ich nicht bedingungslos. Wir haben einen halben Tag lang in Delhi ein Museum gesucht und sind in alle Richtungen geschickt worden, keiner gab zu, das Museum nicht zu kennen und jeder, wirklich jeder war hilfsbereit, wenn auch die Hilfe eher Strafe war, denn nach fünfstündigem Fußmarsch bei 35 Grad im versmogten Delhi gibt jeder Europäer w.o. Ob da nicht doch ein bisschen Absicht dahintersteckt?

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Zum Thema Verständigungsproblem passt auch eine Episode, die ich nicht selbst erlebt, sondern von einem Freund gehört habe. Der war vor vielen Jahren, als man in Indien noch russische Comuter mit rostigen Blech-Bildschirmen in Verwendung hatte, in Varanasi. Weil er keinen Flug gebucht hatte, musste er wohl oder übel per Taxi zum Flughafen fahren, um die Buchung vorort zu erledigen und wer den Verkehr in Varanasi kennt, weiß, dass der Weg zum Airport keine Spazierfahrt sondern reine Nervensache ist. Der junge Mann, froh heil angekommen zu sein, wurde aber rasch ernüchtert. Er könne heute keinen Flug buchen, der Computer sei defekt. Na gut, die irre Fahrt wieder zum Hotel und am nächsten Tag wieder zum Flughafen auf sich nehmen. Doch leider, der Computer war immer noch defekt. In typisch europäischer Art, in der buddhistische Gelassenheit ein Fremdwort ist, haute der junge Europäer – zumindest symbolisch – mit der Faust auf den Tisch: Er sähe doch, dass Flugzeuge starten und landen! Wie buchen denn die anderen Passagiere, wenn der Computer angeblich defekt sei?!! Die Dame am Schalter lächelte höflich und sehr entspannt, legte den Kopf leicht nach rechts, dann nach links und deutete nach nebenan. Er möge doch rübergehen zum Kollegen. Dessen Computer funktioniere.

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In Jodhpur habe ich eine Woche lang vergeblich versucht, in einem offiziellen Tourismusbüro Unterlagen für meine Studien zum Thema „Einfluss des Tourismus auf indische Frauen“ zu bekommen. Sie waren, da aber sie waren gerade nicht greifbar und derjenige, der sie verwahrte, war erst am Nachmittag, morgen, übermorgen, nächste Woche… wieder im Büro. Als ich mich am Ende der Woche nicht mehr abwimmeln ließ, und mich weigerte, das Vorzimmer zu seinem Büro wieder zu verlassen, war er auf einmal doch anwesend. Zufällig. Sein Büro bestand aus einem Zimmer, in dem sich nur ein Schreibtisch und ein Schrank mit mindestens 60 Laden und Regalen bis zur Decke, vollgestopft mit Stapeln von Papier, befanden. Der Tourism-Office-Manager geriet angesichts der Tatsache, dass ich erst gehen würde, wenn ich die versprochenen Unterlagen erhalten hatte, in eine Art Euphorie. Er riss eine Lade nach der anderen auf, holte Unmengen an Papier hervor, kramte in den Stapeln am Schreibtisch und in den Regalen, knallte Aktenberge vor meine Nase und schrie dabei in Fistelstimme: „Take this, take this, take this all!“ Zwischendurch zwirbelte er seinen ungewöhnlich langen Bart um seine Ohren, Schweißperlen traten auf seine Stirn. Ohne Zweifel: jetzt, wo ich in seinem Büro stand, nahm er seine Aufgabe, mich in meiner Forschungsarbeit zu unterstützen, wirklich ernst.

Als ich schließlich schwer beladen mit meinen Unterlagen den Raum verließ, war die Ekstase wieder seiner stoischen Haltung gewichen. Würdevoll faltete er seine Hände und verbeugte sich leicht. „Please tell your people in Austria about the help of Long-Moustache-Man“, sagte er zum Abschied.

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Normalerweise trägt er seinen Bart um die Ohren gerollt.

Überhaupt ist die stoische Ruhe für mich immer wieder faszinierend. Was sind wir Europäer doch für ein hysterischer Haufen von Egozentrikern. Eurozentriker, die sich selbst so wichtig nehmen, weil sie glauben, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Wir waren im März 1993 in Delhi, in jenem Jahr, als der Konflikt zwischen Hindus und Moslems im Zusammenhang mit einer Moschee in Ayodhya eskaliert war und Hunderte Menschen durch Autobomben in Bombay getötet worden waren. Eine Bombe hatte auch das Air India Building zerstört. Nun waren gerade meine Eltern zu Besuch gekommen und sie mussten ihren Rückflug von Air India bestätigen lassen. Das ginge nur im Air India Building, sie müssten herkommen, erklärte man mir am Telefon und blieb hartnäckig dabei, obwohl ich mehrfach darauf hinwies, dass das Gebäude doch meines Wissens völlig ausgebrannt sei. Meinen Mama und ich fuhren mit dem Taxi zu den Resten des Hochhauses. Ein schwarz verrußtes Gebäudegerippe ohne Fenster und Türen, gesichert mit Absperrbändern, bewacht von Polizisten, umgeben von Schutt. Tapfer betraten wir das Innere des Erdgeschoßes, es stank nach Rauch, finster war es, die Stahlstreben der Decke hingen schwarz und verbeult herunter, nur mehr Reste der Zwischenwände waren zu erkennen. Aber ganz am Ende des riesigen Raumes brannte elektrisches Licht, ein Notstromgenerator lief. Da saß doch ein Mann in einem Glaskobel  – besser gesagt in den Überresten desselben – und winkte uns herbei. Wir zeigten ihm die Unterlagen, er wackelte mit dem Kopf (was „ja“ bedeutet) und setzte seinen Stempel auf die Dokumente. Flug bestätigt.

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Unterschrift per Daumenabdruck, 2018 in Tamil Nadu.
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