Am Wochenende haben wir’s wieder mal gewagt und sind wieder mal gescheitert. Der Neusiedler See macht was er will und er will nie das, was wir wollen. Es ist einfach zu heiß für alles, sogar dem Wind ist zu heiß, der gibt w.o. Also, wir sind jedenfalls zu Mittag losgedüst, ein paar Knoten waren ja in Weiden angesagt, Christoph, der Oberwetter-Kontrollor, hat alle siebzehn ihm bekannten Wetterseiten und Apps durchforstet: es bestand Hoffnung.

Hat sich nur leider nicht erfüllt. Geparkt haben wir im Parkplatz-Nirwana, dort, wo längst kein Parkplatz mehr war. Hatten wohl mehrere die Idee, die 36 Grad im Schatten am See zu verbringen….Tatsächlich war der Strand komplett zugelegt – mit Familien und Pensionisten, Dicken und Tätowierten, Durchtrainierten und Eingeölten,  Schwabbeligen und Straffen. Da gibt’s alles zu sehen, und alles so kuschelig eng beisammen. Da gibt es nur eine Rettung: die Weiten des Sees. Also ab zur Segelschule Kraindl, die verleihen auch stundenweise Jollen und o Wunder! Es waren trotz des Massenansturms Jachten frei. Nein, eigentlich kein Wunder, denn von den angesagten sechs bis sieben Knoten – eh schon fast nix – bliebt wirklich nix.

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„Schau, draußen am See kräuselt sich das Wasser“, meinte der Wetterexperte meines Vertrauens. Na gut, dann legen wir halt ab. Wenn man beim Ablegemanöver gefühlte Windstärke 1 hat und der Steuermann der Jolle hinter uns mitten in seinem Anlegemanöver einen Haken schlägt und auf uns, die wir uns gerade rückwärts abgestoßen haben, zufährt, hast man wenig Chancen. Eigentlich keine. Im Schneckentempo näherte sich die besagte Jolle unserer, im Schneckentempo stießen wir uns von ihrer Bordwand ab, der letzte Knoten Wind wurde inzwischen vom Segel der Jolle vor uns zu Flaute umgewandelt und so  trieben wir, wohin alle Neusiedler-See-Segler schon getrieben sind: ins Schilf. Jetzt komm da mal bei Flaute und ohne Hilfsmotor raus! Zum Glück war ein junger Segellehrer – sportliche Figur, fesche Badehose, Hipster-Wallebart – so ambitioniert, köpfelte in der Sekunde vom Steg ins Wasser, kraulte zu unserer Jolle und schob uns aus dem Schilf. Wahrscheinlich hatte er Mitleid mit den „Anfängern“, die sich offensichtlich nur bei minimaler Brise auf den See wagten…

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Schön war’s am See. Schön heiß. Und ein paar Wenden und Halsen sind wir doch gefahren. Lang hat’s aber nicht gedauert und dann schlief der Wind völlig ein und wir gaben auf und dümpelten im Schneckentempo zurück. Vom Bootshaus aus haben wir bei Kaffee & more beobachtet, wie die Jollen zurückgeschoben wurden. Das hat echt lustig ausgesehen, denn es wirkte als, wären menschenleere Geisterschiffe unterwegs. Dabei hat der Kraindl wartungsfreie Flautenschieber (für Nichtsegler: Flautschieber sind Hilfsmotoren auf Jollen): seine Mitarbeiter marschierten durch den See – der hat hier ungefähr 1,5 Meter Tiefe – und schoben die Jollen.

Vielleicht risikeren wir es noch einmal in dieser Saison. Einmal muss doch der perfekte Wind über den See wehen! Und wenn nicht, dann denken wir an Friesland und wir wissen, bald wird alles gut. Und der Wind vom Atlantik her wird wehen.

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5 Kommentare

  1. Muss lustig ausgesehen haben, dieser „Flautenschieber“. 😉
    Erinnert mich an eine Situation an unserem damaligen „Haus-See“ in Belgien. Es war zwar keine Flaute, aber beim Lossegeln von einem relativ flachen Strand braucht es ja schon etwas, bevor man das Schwert runterlasasen und echt segeln kann. Da brauchte die Tochter eines Segelkameraden dann etwas „Anschubhilfe“ vom Papa. Der aber nicht in Segler- oder wenigstens in Freizeitkleidung, sondern im Anzug! Hat ihm aber gar nichts ausgemacht. Er ist, den Optimisten mit seiner Tochter drin schiebend, in voller Montur immer weiter ins Wasser gewatet. Das sah vielleicht aus, als er schliesslich bis fast zum Bauchnabel im Anzug im Wasser stand, und dabei zu allem Ueberfluss noch eine dicke Zigarre paffte! Das Bild habe ich, auch nach Jahrzehnten, immer noch vor meinem geistigen Auge.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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  2. Liebe Ulli,
    diese Story koennte fast aus Michael Greens „The Art of Coarse Sailing“ stammen – wenn sie denn nicht echt waere.
    Liebe Gruesse,
    Pit
    P.S.: Das Buch kann ich nur empfehlen, wenn Du mal schmunzeln bis herzhaft lachen willst ueber „seglerische Abenteuer“ auf den Norfolk Broads in England. Jeder, der nur ein wenig gesegelt ist, weiss, wie gut Green da die vielfaeltigen Missgeschicke beobachtet hat.

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      1. Ich habe es schon mehrfach gelesen und finde es immer wieder gut. Jetzt, wo es mir wieder in Erinnerung gekommen ist, werde ich es bestimmt wieder ausgraben und noch einmal lesen.
        Kennst Du uebrigens die Segel-Cartoons von Michael Peyton [leider im vergangenen Jahr verstorben]? Solltest Du mal an eines seiner Buecher kommen koennen: ich wuerde sagen, unbedingt anschaffen. Sie sind, um es mit einem englischen Wort zu sagen, „hilarious“. Ich kenne nur die Deutschen Fassungen, kann daher nichts ueber die Texte zu den Cartoons in den englischen Fassungen sagen. Die deutschen Texte finde ich aber unheimlich gelungen. Was haeltst Du von diesem hier, zu einem Cartoon ueber das Einlaufen in einem fremden Hafen: „Na Skipper, hast du dich schon entschieden, welche Gastlandflagge wir setzen sollen?“ Kostprobe seiner Cartoons hier: https://is.gd/A6y1wn

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