Hoffentlich hat unser Pass genügend Seiten. Wenn wir noch lange in Marokko bleiben, müssen wir ein paar dazukleben, denn jedes Mal, wenn wir einen Hafen verlassen, bekommen wir einen Ausreisestempel und wenn wir in den nächsten Hafen einlaufen, einen Einreisestempel. Bis wir den erhalten, müssen wir etliche Formulare ausfüllen und davor müssen wir einige Zeit warten. Warten gehört bei den Behörden zum Normalzustand. Wir wissen nicht, warum man uns warten lässt, wir sitzen in Büros und Vorräumen von Büros, hören den Beamten bei ihren Schwätzchen zu – verstehen leider kein Wort arabisch – bekommen zwischendurch einen the à la menthe angeboten, schauen uns in jedem Office das überlebensgroße Porträt des Königs an und… warten. Wir warten im Büro der Hafenbehörde, wir warten beim Zoll und wir warten bei der Polizei. Beim Anlegen und beim Ablegen.

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Am Zollsteg vor der Tankstelle, Marina Bou Regreg. Wir warten… und warten…
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Leidensgenossen: Captain Christoph und Captain Remis warten auf ihre Pässe

Als wir in Rabat, in der Hoffnung, bald ablegen zu dürfen, zum dritten Mal um die Ecke schauen, ob die Pässe gestempelt wären, bittet uns der Polizist – sehr zuvorkommend – doch bitte an Bord zu gehen, man würde, wenn man soweit sei, mit den Pässen nachkommen. Irgendwann, eine Stunde später kommt der Uniformierte mit unseren Pässen und auch mit dem Pass von Rémis, einem französischen Einhandsegler, der ebenfalls die günstigen Wetterbedingungen nutzen und Rabat verlassen will. Dann kommt noch mal der Zöllner – wir könnten ja inzwischen unser Boot mit Drogen vollgestopft haben – schaut ins Klo und in den Kleiderschrank und dann dürfen wir endlich die Leinen losmachen.

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Endlich, wir dürfen aus dem Hafen raus!

Ein Pilotboot fährt vor uns, gleich hinter uns folgt Remis, der das Vorsegel setzt. Sein Motor ist ziemlich schwach und die Brandung an der Hafenausfahrt ist nichts für schwache Motoren und schwache Nerven. Da heißt es im richtigen Moment Gas geben, Augen zu und durch. Danach wird alles gut. Wir haben Windstärke 4 bis 5 aus Nordost, zwei Meter Welle und strahlend blauen Himmel. Auf geht’s Richtung El Jadida, 100 Meilen südwestlich von Rabat, eine 24-Stunden-Fahrt.

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Brandung am Molenkopf von Rabats Hafen Bou Regreg an einem ruhigen Tag.
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Starke Maschine oder zumindest starke Nerven sind gefragt.

Unsere Kalkulation ist perfekt und zu unserer Freude – wider vergangener Erfahrungen – völlig unspektakulär. Bei unserer Wachablöse gegen 1 Uhr Früh liegt Casablanca querab, unschwer durch einen spektakulär beleuchteten Turm zu erkennen. Jedoch weist uns nicht der Leuchtturm den Weg, es ist die größte Moschee des Maghreb (zumindest bis Frühjahr 2019, als Algier Casablanca übertrumpfte) und ihr grüner Laserstrahl leuchtet vom Minarett Richtung Mekka.

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El Jadida eine Meile voraus.
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Fischerboote vor El Jadida
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Die Einfahrt in den Fischerhafen, rechts die Mauer der Altstadt von El Jadida
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So empfing uns der Fischerhafen.

Vor El Jadida wimmelt es vor winzigen Fischerbooten. Jeweils zwei bis drei Mann sind auf den keinen Holzbooten unterwegs, angesichts der zwei Meter hohen Brandung vor der Küste wirken die Fischerboote nicht gerade vertrauenserweckend, aber romantisch ist an der Fischerei absolut nichts, das wird uns in jedem Fischerhafen, aber ganz besonders in jenem von El Jadida, klar. Ganz am Rand desselben, unterhalb eines Restaurants, erlaubt man uns, festzumachen (Marina gibt’s hier keine), schon die Einfahrt ins Hafenbecken ist ein Erlebnis für alle Sinne. Knallbunte Boote, strahlend blauer Himmel, Fischgestank und Möwengeschrei. Fisch wird gleich an Ort und Stelle verkauft, Fischer reparieren ihre Netze, bereiten die Boote für die Ausfahrt vor, laden ihren Fang aus. Nix Romantik. Dirty, hard and dangerous – ist die Kurzformel der Fischerei.

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Ein Fest der Farben
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Und über alles die Möwen…

Überraschung! Hier gibt es tatsächlich so etwas wie einen Club, es handelt sich um eine Segelschule für die Jugend, weil heute ein Feiertag ist, tummeln sich tatsächlich etliche Halbwüchsige mit Laser und Surfbords im Hafenbecken. Raschid hilft uns beim Festmachen, stellt uns einem offensichtlich wichtigen Mann in weißem Hemd und mit Sonnenbrille vor, Monsegineur Berrazouk, Präsident des Clubs. Wir schütteln uns die Hände versichern uns gegenseitig unsere Freude, uns kennenzulernen, verleihen der Schönheit des Ortes Ausdruck, dann schreitet der Präsident mit zwei Begleitern würdevoll Richtung Ausgang.

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Hier regieren Zoll- und Polizeibehörde

Inzwischen ist der nächste important man aufgetaucht, der Hafenmeister, ebenfalls angetan mit Sonnenbrille und weißem Hemd. Er geleitet uns ins Vorzimmer seines Büros, wo wir – eh schon wissen – warten, bis wir in seinem Office Platz nehmen dürfen. Sind endliche alle Formalitäten erledigt (unseren Seebrief behält er vorsichtshalber ein) geht es quer durch den ganzen Hafen zum Einfahrtsschranken, wo Polizei und Zoll in je einer Hütte residieren und wir ebenfalls ein bisschen warten dürfen. Zwei Stunden später haben wir einklariert, Hamdullilah und dann diskutieren wir noch eine weitere halbe Stunde, ob wir eh bleiben dürfen, wo uns Raschid verortet hat.

 

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Fischerhafen von El Jadida, Marokko
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Fischerhafen von El Jadida, Marokko

„Very dangerous“, meint der wichtige Hafenkaptiän, denn  das Hafenbecken sei hier nicht tief genug. 1,50 Meter Tiefgang, er wiegt bedächtig den Kopf, schüttelt ihn dann uns entscheidet: „You must anchor outside!“ So leicht geben wir uns nicht geschlagen. Wir zahlen hier einen stolzen Preis für die Benutzung des Steges des Club Nautique inklusive Strom und Wasser und jetzt sollen wir raus ins Hafenbecken? „Raschid sagte, der Platz sei sicher“, argumentieren wir. „Raschid hat nicht die Verantwortung“, entgegnet der wichtigste Mann im Hafen. „Dann übernehmen wir die Verantwortung“, meint mein Captain. Das Gespräch dreht sich im Kreis und erst als wir vom ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein des Hafenmeisters ausreichend überzeugt und bereit sind, alle eventuell an diesem Liegeplatz auftretenden Probleme höchstselbst zu lösen und in der Nacht jede Stunde die Lage zu überprüfen, dürfen wir bleiben. (Wir hatten bei Niedrigwasser noch 20 Zentimeter Wasser unter Kiel, also no problem.)

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Bei diesem Anblick hebst du ab: die Hassan-II.-Moschee, Casablanca

Gestern besuchten wir Casablanca, Marokkos größte Metropole, 100 Kilometer nördlich von El Jadida. Warum die Fahrt mit dem Taxi nur 5 Euro pro Person kostet, dämmerte uns erst, als wir eine halbe Stunde auf der Rückbank gewartet hatten. „I’m sorry, this is for four people“, teilte uns der Taxifahrer entschuldigend mit und öffnete die hintere Wagentür. Was er meinte: Hinten sitzen vier Fahrgäste, vorne zwei. Zu siebent fuhren wir eine Stunde lang mit einem Mercedes 230 Diesel aus den 80er-Jahren mit 120 km/h über die regennasse Autobahn. Fenster offen, Scheiben beschlagen… kuschelig war’s. Zum Glück erwies sich der Fahrer als Blues-Fan sodass wir immerhin von Muddy Waters‘ Klängen durch Marokkos Ackerlandschaft begleitet wurden.

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Chaos in der Medina von Casablanca

Wie kann man Casablanca beschreiben? Schwierig. „Inhomogen“ vielleicht… Ein Großteil der Stadt ist modern aber ungepflegt. Viele neue Wohnhäuser, Büro- und Geschäftsgebäude und viel Geschmack- und Lieblosigkeit. Dazu extrem dichter Verkehr und etliche Fußgänger auf den Straßen. Das Erscheinungsbild der Menschen ist so wie die Stadt: inhomogen. Du triffst Männer in Anzug und Frauen in knallengen Jeans genauso wie Berber in ihrer Djellabah und Musliminnen mit Niqab.

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Die Medina von Casablanca
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Die bunten Märkte in der Medina von Casablanca

Die Medina – die Altstadt – ist wild und umtouristisch. Hier scheint das Chaos zu herrschen, dafür erspart man sich angenehmerweise die typischen Touristen-Ramsch-Geschäfte mit Ledersouveniers und Pseudo-Handwerkskunst. Am nordöstlichen Rand der Medina befindet sich eine weitere Touristenattraktion Casablancas: Rick’s Café. Das Lokal ist dem Café aus dem berühmten Hollywood-Drama der 40er-Jahre nachempfunden, jener Film, der Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann berühmt gemacht hatte. Nicht eine Szene aus „Casablanca“ wurde in Marokko gedreht und erst 2004 erzeugte eine – wie könnte es anders sein – amerikanische Diplomatin aus der Fiktion der Hollywood-Studios die Realität und ließ ein traditionelles Wohnhaus, ein Riad, detailgenau nachbauen. Piano inklusive. Wir tranken Martini an der Bar – aber Bogart ließ sich nicht blicken.

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Und dann ist da noch die Hassan-II.-Moschee. Der Hauptgrund für viele Casablanca-Besucher. Erst 1993 wurde sie fertiggestellt und ihr 200 Meter hohes Minarett galt bis vor kurzem als das höchste religiöse Gebäude der Welt. Vom großen Platz, auf dem bis zu 80.000 Gläubige Platz finden, blickt man Richtung Norden auf die Atlantikdünung und nach Westen zu Casablancas Leuchtturm. Hier bei der Moschee beginnt die Corniche, Casablancas zehn Kilometer langer Strandboulevard und die Stadt zeigt wieder von einer völlig anderen Seite: wilde Brandung am zehn Kilometer langen Sandstrand, Vergnügungsmeile mit Restaurants, Bars und Shoppingzentren, Familienausflugsziel und Touristen-Hotspot. Venice Beach, Miami Plage und Tahiti Ressort lesen wir etwas befremdet an den Eingängen der Strandclubs. Marokkos Tausend Facetten.

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El Jandias Altstadt

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Sightseeing in El Jadida, Marokko
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Blick Richtung Norden über die Altstadt von El Jadida Richtung Atlantik

In El Jadida erleben wir schließlich die portugiesische Seite dieses Landes. Im 15. Jahrhundert bauten die Portugiesen im Fischerort El Jadida die Festung Mazagão. Eine riesige Zisterne und die acht Meter hohen und ebenso breiten Festungsmauern aus Sandstein prägen das Bild der Altstadt und vom Wehrgang aus hat man einen unvergleichlichen Blick auf die Stadt, auf den Hafen und unserer Maha Nanda.

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Da liegt sie ja: Maha Nanda im Fischerhafen von El Jadida.

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