Unsere Reise zu einem anderen Stern

Wir waren gestern fassungslos. Sprachlos. Nicht nur einmal sondern alle paar Minuten. Stundenlang. Wie es dazu gekommen ist? Wir sind 200 Kilometer von Marrakesh bis Ouarzazate, von der roten Stadt über das verschneite Atlasgebirge in die Wüste gefahren und haben an diesem Tag Bilder mitgenommen, deren Vielfalt unser Wahrnehmungsvermögen beinahe überstiegen hat. Hinter jeder Kurve der gefühlt 597 Kurven erwartete uns eine neue Perspektive dieser spektakulären Landschaft. Was heißt dieser Landschaft!? Dieser vielen unterschiedlichen Landschaften, eine märchenhafter als die andere.

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Aber beginnen wir mal mit Marrakesh, unserer ersten Etappe des Roadtrips, zu dem wir uns aufgrund von Wind aus der falschen Richtung, zu viel Wind und zu viel Welle (die üblichen Probleme halt) kurzfristig entschlossen haben. Maha Nanda liegt gut bewacht in einem Fischerhafen und wir haben ein supergünstiges Hotel gebucht. Wir brauchen nicht viel zu unserm Glück, nur eine Heizung und eine Badewanne. Aaaach, welch ein Luxus!!!

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Das wirklich Beeindruckende spielt sich selbstverständlich außerhalb des Hotels ab (Ich wollte nur betonen, wie bescheiden unsere Wünsche sind ;). Zum Beispiel im Jardin Majorelle. Auch wer mit Mode gar nichts am Hut hat, muss den Garten, entworfen vom Künstler Jacques Majorelle, später vom französische Modedesigner Yves Saint Laurent und seinem Lebensgefährten Pierre Bergé neu gestaltet, gesehen haben. „Hätte ich hier im ersten Stock mein Atelier, würde ich vermutlich auch ausreichend Inspiration finden“, seufzte der Künstler an meiner Seite, als wir vor Saint Laurants Villa – in wunderbarem Majorelle-Blau leuchtend, eingesäumt von riesigen Kakteen und Bambus – standen.

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Kontrastreicher kann eine Stadt nicht sein. Von der magischen Stille der Gartenlandschaft wurden wir wenige Minuten später in eine Kakophonie von Geräuschen – Musik aus allen Richtungen, Rufen und Singen, Pfeifen und Trommeln – geworfen. Wir befanden uns auf der Djemaa el Fna, dem ehemaligen Henkersplatz und heutigem Marktplatz von Marrakesh. Hier tummeln sich in erster Linie Tausende Touristen, ansonsten Gaukler, Schlangenbeschwörer, Musiker, Händler, Geschichtenerzähler, Hennamalerinnen – und die vergangenen Tage auch Filmstars. Das jährliche Filmfestival Marrakesh fand diese Woche statt und etliche Hollywood-Größen wie Robert Redford, Robert De Niro und Tilda Swinton beehrten die Stadt.

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Wir haben keinen von ihnen gesehen – haben aber auch nicht nach ihnen gesucht. Statt dessen haben wir den Ausgang gesucht. Wie es sich für jeden vernünftigen Fremden gehört, haben wir uns nämlich – absichtlich – im Souq verirrt. Wer das nicht tut, verpasst etwas. Denn entweder gehst du ein paar Meter geradeaus und wieder zurück und siehst nicht viel oder du gehst ein paar Meter weiter – und findest garantiert nicht wieder zurück. Der Souq von Marrakesh ist unbeschreiblich und wir fragen uns, wie hoch der Wert der Gesamtware in diesem Gassenwirrwarr, bis obenhin vollgestopft mit Zeugs, ist. Und wie viel Dirham hier täglich, jährlich umgesetzt werden. Welche unvorstellbare Mengen an … Dingen (aufzuzählen, was hier alles verkauft wird, würde den Rahmen des Blogs sprengen) gehen pro Minute über den Ladentisch? Und wie gut leben die Geschäftsinhaber von den Einnahmen? So richtig gut? Uns fehlt jegliche Vorstellungskraft, wir können nur staunend mit offenem Mund durch das Labyrinth aus 1001 Nacht schlendern.

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Gestern dann Szenenwechsel. Raus aus der Stadt und hinauf in die Berge, deren schneebedeckte Gipfel vom Balkon unseres Hotelzimmers zu sehen sind. Die Landschaft ändert sich. Von Ackerland und Olivenhainen in der Ebene bewegen wir uns in Serpentinen bis auf 2260 Meter Seehöhe. Wir fahren über den Tizi n’Tichka, einen Pass im Zentralaltlas, und kurven durch Berberdörfer, sehen Terrassenlandschaft, rote Erde, graue Steinwüste, verschneite Hänge und fruchtbare Täler. Bei Schneefall ist der Pass im Winter manches Mal gesperrt, allerdings nie für lange Zeit, da es auch hier auf über 2000 Meter untertags so gut wie immer Plusgrade hat. Erst gestern am Freitag hat es geschneit, unter 2000 Metern Seehöhe geregnet, und die Straße – die gerade neu ausgebaut und auf 50 Kilometern Baustelle ist – gleicht einem Schlammbad in Rot. Zum Glück war das geliehene Auto schon vorher ungewaschen, da brauchen wir kein schlechtes Gewissen zu haben, denn wir fühlen uns als würden wir die Rallye Paris-Dakar bewältigen.

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Nach dem Pass ändert sich die Landschaft erneut, rote Felsformationen prägen das Bild, erinnert uns ein bisschen an Colorado in den USA. Am Fuße des Hohen Atlas halten wir an einem Riad und trinken einen Thè à la menthe. Auf einmal herrscht Sommer, wie ziehen die Pullis aus, sitzen auf der Terrasse in einem liebevoll angelegten Obstgarten und halten die Nasen Richtung Sonne.

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Weiter geht es um rote Steinkegel herum, um vor Millionen von Jahren ausgewaschene Felsen, die wie Schlammhaufen aussehen, durch das von Dattelpalmen gesäumte Ounila-Tal, über Hochplateaus bis Ait Ben Haddou. Und jetzt wird es unwirklich. Rote Häuser am roten Fels vor blauem Himmel mit weißen Wolkenfetzen und im Hintergrund leuchten die verschneiten Atlas-Gipfel. Diese Kulisse wirkt wie die Welt auf einem anderen Stern und tatsächlich. Diese entlegene Ecke der Erde war Schauplatz zahlreicher Filmdrehs. Laurence von Arabien, Star Wars, Gladiator und – in jüngere Zeit – Game of Thrones wurden unter vielen anderen Hollywood-Produktionen hier gedreht. Die Stadt wurde zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert gebaut, die aus Lehm gefertigten Wohnburgen des Berber-Stamms Ben Haddou sind bis heute erhalten und teilweise bewohnt. Jahrzehntelang lebten die Menschen hier von Ackerbau und Viehzucht, heute ist Ait Ben Haddou mehr Freilichtmuseum als Wohnort und wurde zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt.

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Übernachtet haben wir schließlich in „Mollywood“. Die 30 Kilometer entfernt gelegene Stadt Ouarzazate ist Standort von Marokkos größten Filmstudios,in denen vor allem Bibel- und Monumentalverfilmungen produziert werden. Überdies beherbergt die Stadt seit kurzer Zeit das größte solarthermische Kraftwerk der Welt, ein Klimaschutzprojekt, an dem sich unter anderem die EU, die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank beteiligt haben. Für Zahlen-Affine habe ich gegoogelt: Die jährliche Sonneneinstrahlung in Ouarzazate liegt bei 2.635 kWh/m², das ist einer der höchsten Werte weltweit.

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