Fröhliches Wellensurfen mit Maha Nanda

„We wanted adventure, we got it.“ Von einer furchtbaren Überfahrt von Safi nach Essaouria und von erschreckenden Wellen bei der Hafeneinfahrt erzählt uns die Crew des Nachbarbootes hier in Essaouira. Ja, das glauben wir gerne, denn sie sprechen von starkem Südwind vergangene Woche, jenem Südwind, den wir bei unserer Abfahrt von El Jadida ebenfalls erlebten und der so niemals prognostiziert war.

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Gezählte 24 Frachtschiffe lagen vor El Jadida auf Reede.

Nein, den Meteorologen ist nicht zu trauen und das frustriert uns ziemlich, denn während Maha Nanda und ihrer Besatzung der Südwind in steigender Stärke 24 Stunden lang auf die Nase blies, starrten wir fassungslos mit durchgeschütteltem Körper und zerrütteten Nerven ziemlich gereizt und immer gereizter auf diverse Wetter-Seiten, die uns alle unisono versicherten, dass wir jetzt in diesem Moment gerade den perfekten Nordwest mit 4 Beaufort hätten, also genau den Wind, den wir bräuchten, um wie geplant 130 Meilen bis Essaouria zu segeln. Verdammte Sch… so wird das nichts! Nach einer schlaflosen, kalten und regnerischen Nacht mit Kreuzseen, die Maha Nanda ihren bekannten Tagada-Tanz vollführen ließen, gaben wir unseren Plan auf und nahmen Kurs auf Safi. Dann muss Essaouria eben noch ein paar Tage warten!

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Wir landeten in einem der größten Fischerhäfen an Morokkos Atlantikküste, machten im Päckchen an einer kleinen Yacht unter belgischer Flagge fest, die ihrerseits an einem alten Fischerboot lag. Jede Menge hilfsbereiter Hände erwarteten uns, denn unsere Ankunft war vom Tower aus längst beobachtet worden. Zwei Mann von der Security übernahmen die Leinen, dann erschien ein Mitarbeiter des Hafenbüros und bat uns zum Hafenkapitän, weiter ging es zum Zoll, zur Polizei und wieder zurück zum Kapitän. Während ich das Abendessen zubereitete, bekam Christoph eine ausgedehnte Führung durch den Hafen und den Kontrollturm, der Hafenkapitän ließ es sich nicht nehmen, ihm sämtliche Räume in sämtlichen Stockwerken inklusive aller Duschen auf allen Ebenen zu zeigen. Völlig enthusiastisch versprach er, ein Security-Mann würde Tag und Nacht für die Sicherheit unseres Bootes abgestellt werden und wenn Captain Christoph irgendeinen Wunsch hätte, solle er nicht zögern, ihm diesen persönlich mitzuteilen. 

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Der Hafenkapitän, unser persönlicher Betreuungsmann.

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Sardinenberge so weit das Auge reicht

Endlich aus den – liebevollen aber hartnäckigen – Fängen des Hafenkapitäns entlassen und auf dem Weg zum dringend benötigten Abendessen wurde Christoph noch einmal zurückbeordert. Der Polizeichef wolle ihn sprechen. Also nochmals einen Kilometer quer durch den Fischerhafen, um vom Chef de la Police höchstpersönlich empfangen zu werden. Ob er irgendwelche Fragen oder Beschwerden hätte und hoffentlich alles nach seinen Wünschen liefe. Er solle nicht zögern, ihn persönlich anzurufen, wenn er Fragen hätte. Wir wollen für drei Tage das Boot verlassen und ein Auto mieten? Kein Problem, er werde sich persönlich um die Sicherheit von Maha Nanda kümmern. Unterwegs auf unserem Roadtrip, irgendwo im Atlas-Gebirge, rief er uns an, um uns mitzuteilen, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, alles sei in Ordnung. Ob uns Marokko gefallen würde?

 

Am Tag unsere Abreise aus Safi verwendeten wir fünf Stunden, um das Abschiedsritual mit sämtlichen Formularen, Unterschriften und Stempeln aber auch die persönliche Verabschiedung von Polizei, Hafenmitarbeitern und Security abzuwickeln. Das nenn ich mal persönliche Betreuung. Ich kann nur sagen: Safi ist einen Besuch wert, aber nur, wenn du Zeit mitbringst, denn wer es eilig hat, hat hier verloren.

 

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Nix stylisches Yachtleben! Hindernisparcours ist angesagt!

Zwischen den Teepausen und Plaudereien mit sämtlichen Behörden dieser Stadt, blieb uns doch noch etwas Zeit, um die Medina und die Töpfereien zu besichtigen. Safi ist berühmt für seine Handwerkskunst. Einer der Künstler, die die Tonware per Hand bemalen, zeigte uns das aufwändige Herstellungsverfahren. Was er „Factory“ nennt, ist Schwerarbeit, denn der Ton wird in Handarbeit herbestellt, jedes Teil wird per Hand geformt und bemalt. 500 Leute arbeiten hier und stellen täglich hunderte Artikel von Wasserkrügen über Kochgefäße bis Ton-Babuschen her.

Spannendes Detail für Ethnologen wie mich: Von Safi aus startete Thor Heyerdahl seine berühmte Reise mit der Ra II, um zu beweisen, dass Amerika bereits vor Columbus von Europa aus bereist worden war. Am 17 Mai 1970 legte er in Safi ab und kam am 12. Juli in Barbados an.

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Thor Heyerdahl was here
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Safis Töpferei: die alten Öfen sind immer noch in Betrieb.
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Handwerkskunst wie seit 1000 Jahren in Safi.

Unsere sehr persönliche Betreuung ging übrigens über die der Hafenbehörde hinaus, denn Ahmed, der Rent-a-Car-Mann unseres Vertrauens (auch er kontaktierte uns während des Roadtrips ins Atlasgebirge, um sich nach unserem Befinden zu erkundigen und gab uns bei der Gelegenheit noch Best-Places-Tipps), lud uns zu einem Konzert in die große Veranstaltungshalle von Safi ein. Somit durften wir Original-Safi-Musik genießen. Für unsere westlichen Ohren ziemlich…. gewöhnungsbedürftig; sehr laut, sehr ummelodiös aber mit komplexen Rhythmen. Als alle im Saal aufsprangen und mitklatschten, machten wir natürlich mit, das Mitsingen ließen wir jedoch aus, denn unser Arabisch müssen wir noch ein bisschen perfektionieren. Bei dem Song, den die Zuhörer enthusiastisch mitsangen, ging es – so übersetzte uns Ahmed – um den Propheten und eine verehrungswürdige Großmutter. Das Publikum jubelte!

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Bunt und laut: Safis Musiker
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Das Publikum klatscht und singt (teilweise) mit.

Szenenwechsel. Sechs Stunden später, 4 Uhr morgens, 12 Grad, windstill und stockdunkel. Wir starten unseren zweiten Versuch Richtung Essaouria und wollen unbedingt bei Tageslicht ankommen, denn die Dünung vor der Hafeneinfahrt ist berüchtigt und man muss das mit den Abenteuer-Wünschen ja nicht übertreiben….

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Surferparadies Essaouira.
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Wellenberge an Essaourias Küste.

Diesmal stimmt die prognostizierte Windrichtung, und obwohl die 5 Beaufort die Dünung zu immer höheren Wellenbergen, die achterlich auf uns zurollen, wachsen lässt, sind wir guter Dinge. Essaouira rückt zusehends näher und wir werden auch nicht von den versprochenen abenteuerlichen Bedingungen vor dieser Stadt, die ob ihres stetig wehenden Windes ein Kiter-Paradies ist, enttäuscht. Eine Meile vor der Einfahrt nimmt die ohnehin geringe Wassertiefe markant ab und bei nur mehr sechs Metern unter Maha Nandas Kiel torkeln wir durch die schäumende grün-schlammige Atlantik-Suppe über die der mittlerweile mit sechs Beaufort blasende Wind salzige Gischtschwaden Richtung Südwesten schickt. Das winzige Fischerboot, das hinter uns auf den Hafen zufährt, verschwindet alle zehn Sekunden hinter einem Wellenberg, bevor es über den nächsten Kamm reitet, um gleich darauf wieder mit seinem Bug in die schäumende Gischt einzutauchen.

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Fischerboot kurz vor dem Wellenkamm.

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Aber in der Sekunde, als wir den westlichen Wellenbrecher passieren, ist das Schauspiel zu Ende und während wir in den Fischerhafen einlaufen, darf der Captain das Segel ohne Breakdance-Einlage bergen. Festgemacht wird – als Steigerung zu Safi – an einer belgischen Yacht, die wiederum an einem SAR-Rettungsboot festgemacht hat, die an einem Baggerschiff festgemacht hat, die an einem Schotter-Schubverband festgemacht hat, der am Kai festgemacht hat. Wer jetzt nicht Hindernis-klettern kann, landet unweigerlich im fischig-ölig-grindigen Hafenbecken. Falls ihr wissen wollt, ob wir es trockenen Fußes bis zum Kai und in die Medina von Essaouria geschafft haben, müsst ihr euch bis zum nächsten Blogbeitrag gedulden. 😉

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Die Hafeneinfahrt von Essaouria ist eine Farbenpracht.
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Hunderte Fischerboote im Hafen von Essaouria.

13 Kommentare

  1. Hallo, hallo!
    So langsam wird es ja hoechste Zeit, dass ich mich mal wieder melde, denn sonst glaubt Ihr noch ich sei in den Weiten von Texas verschollen! 😉 Aber Ihr habt ja sicherlich von meinen „Likes“ gesehen, dass ich Euren Artikeln immer folge.
    Was ich schon lange einmal schreiben wollte, ist ein aehnliches Erlebnis mit den Wettervorhersagen, wie Ihr es so haeufig habt. Es stammt von unserem Ueberfuehrungstoern mit der „Tijuana“ von Malaga nach Nieuwport, von dem ich, glaube ich, schon mal erzaehlt habe. Damals mussten wir in Tarifa vor aufkommendem Starkwind Schutz suchen. Der nahm immer mehr – bis auf 10 – zu. Wir hatten damals beim Deutschen Seewetterdienst eine telefonische Wetterberatung bestellt und konnten jeden Tag ein Mal fuer die Wettervorhersage anrufen. Und als es bei uns so richtig kachelte, meinte der Mann vom Wetterdienst, fuer die Strasse von Gibraltar waeren es seiner Information nach Windstaerke 4. Worauf unser Skipper nur lachen konnte, und den Telefonhoerer aus dem Deckshaus heraus ins Cockpit hielt und haemisch fragte, „Wollen sie mal Windstaerke 4 hoeren?“ Antwort, „Das muss dann aber ganz lokal sein.“ Das half uns aber auch soooo sehr! Wir waren da uebrigens volle 3 Tage eingeweht.
    Euch weiterhin Mast- und Schotbruch und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel,
    Pit

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      1. Immer schoen, wenn man vernisst wird. 😉
        Zur Erklaerung: zuerst war es eine absichtliche Blogpause, bei der ich nicht nur selber nicht gebloggt habe, sondern auch auf fast allen subskribierten Blogs nicht geantwortet sondern sie nur gelesen habe – auch Eures. Und dann kamen nacheinander eine mehr als dreiwoechige schwere Bronchitis, eine Guertelrose, und ein allergiscvh bedingter Husten. Aber jetzt bin ich wieder unter den Lebenden! 😉
        Liebe Gruesse, und geniesst Marokko,
        Pit

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  2. Ihr habt aber auch wirklich Pech mit dem Wetter!
    Bin ich doch froh, dass wir es bei unserem Ueberfuehrungstoern von Gran Canaria nach Mallorca [also in der Gegenrichtung, und auch zu einer anderen Jahreszeit, im April] besser hatten. Von Gran Canaria ueber Teneriffa nach Madeira war es ganz angenehmes Wetter. Von Madeira aus waren es dann allerdings fuenf bis sechs Windstaerken „voll auf die Nase“, und damit 5 Tage auf Backbordbug hoch am Wind gegenan knueppeln, und dann eine Wende und drei Tage, wieder hoch am Wind, aber bei langsam auf 4 abnehmend, Richtung afrikanische Kueste. Die ersten 5 Tage waren dabei Dauerdusche und auch Alles unter Deck war feucht bis nass, weil das Boot an einigen Stellen [Deckshaus und Fenster] leckte. Ich habe nach einem Tag hinter Funchal fuer die naechsten 14 Tage meine Unterwaesche nicht mehr gewechselt, weil ich nur noch eine einzige trockene Garnitur hatte, und die waere innerhalb von 5 Minuten auch nass gewesen.
    Ach wie schoen ist doch das Seglerleben! 😀

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      1. Ach, als so schlimm habe ich selber das nicht empfunden. Es gab aber auch andere Meinungen. Wir waren auf diesem Ueberfuehrungstoern drei Boote, und die Meinungen reichten von „nie wieder“ [ein Ehepaar von einem anderen Boot hat dieses im ersten spanischen Hafen fluchtartig verlassen] bis „sofort wieder“ [einer meiner Mitsegler]. Meine Meinung war: ja, durchaus einmal wieder, aber nicht sofort.
        Anstrendend war es aber schon. Auf unserem Boot waren wir zu fuenft, und eigentlich wollten wir zwei Wachen a zwei Mann haben, und ich als Skipper ausserhalb des Wachsystems. Aber weil einer meiner Mitsegler gar nicht gut druaf war und seine Wache – jedenfalls wenn es um etwas auch nur wenig anstrengendes ging – nicht wahrnehmen konnte, war ich dann ganz ploetzlich im 4-Stunden Wache-Rhutmus drin, mit entsprechend wenig Schlaf, da ich ja auch so als Skipper ausserhalb meiner Wachen oft gefordert war.

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      2. Nun ja, Klaus war ein alter Freund von mir und eigentlich ein kraeftiger Mann, aber er war leider damals gesundheitlich nicht gut drauf – irgendetwas mit der Lunge. Zum Glueck hat sich spaeter herausgestellt, dass es nichts Schlimmes war.

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