„Poseidon, wir achten und ehren dich, wir lieben dich! Hab Mitleid mit uns“, wimmerten Captain und Crew an Bord der Maha Nanda. Poseidon lachte dröhnend: „Ihr wollt Abenteuer? Dann bekommt ihr Abenteuer!“ Und er schickte mehr Wind als alle Wetterdienste vorhergesagt hatten, und garnierte ihn mit schäumenden Wellen, die Maha Nanda im Sieben-Achtel-Takt tanzen ließen. Und doch war er gnädig und verschonte die Schiff und Besatzung vor Sturm und völlig entfesselten Elementen.

An alle Leser, die uns um unser Jahr Auszeit beneiden: Auf unsere Überfahrt vom Solent nach Frankreich wollt ihr garantiert gerne verzichten. Entspanntes Cruisen sieht anders aus. Wunsch und Wirklichkeit klafften ziemlich weit auseinander und verantwortlich dafür machen wir nicht Poseidon – der ja eh Gnade walten ließ – sondern die Online-Wetterdienste, die offensichtlich von völlig bekifften Hackern programmiert werden, Kiffern, die sich das Wetter schönrauchen. 

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Sommerliche Bedingungen beim Ablegen in Bembridge, Isle of Wight.

Vier Wetterdienste, darunter der lokale englische und der französische, versprachen mäßigen Westwind mit 3 bis 4 Beaufort und Böen bis 5, dazu 0,4 Meter Welle. Perfekt für die geplanten 75 Meilen Richtung Süden nach Cherbourg, Kurs 200 Grad. Auf der Karte zeichnete der Captain einen schnurgeraden Kurs ein, wohl wissend, dass uns der Strom sechs Stunden nach West und weitere sechs Stunden nach Ost versetzen würde. Zickzack-Kurs, wie wir ihn ja schon auf der Straße von Dover Richtung Norden erfahren durften. Und wie wir in Tom Cunliffs (DIE englische Segelgröße) Buch gelesen und in den vergangenen Tagen von etlichen Ärmelkanal-Beseglern gehört haben: Kämpfe nicht gegen den Strom sondern nimm ihn an, wie er kommt. Den Vorhaltekurs (der Winkel, um den uns der Strom jeweils versetzen würde) hatte Christoph ebenfalls berechnet, auch der neue Laderegler, der unsere Stromversorgung wiederbeleben sollte, war montiert, wir waren also bestens vorbereitet, bis….

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Sonnenuntergang am Ärmelkanal. Erfrischend!

Hinter der Hafeneinfahrt zog ich mir bereits die dritte Kleidungsschicht an: Doch ein bissl frischerer Wind, als erwartet… Als wir die Isle of Wight und damit die Landabdeckung hinter uns ließen, frischte der frische Wind erst so richtig auf und die stetig wachsende Welle verhinderte den geplanten Vorhaltekurs. Also steuerten wir so hart am Wind, wie es gerade noch möglich war… und wurden ordentlich Richtung Osten versetzt, während der Wind, der gegen Abend – laut Wetterdienst – abnehmen sollte, auf 6 Beaufort zunahm. Wir sausten unter Vollzeug („Reffen brauchen wir nicht, es wird eh bald ruhiger“, O-Ton Captain) Richtung Südosten statt Südwesten und in das Verkehrstrennungsgebiet hinein, wo die Großsschiffe in der ersten Nachthälfte von Osten und in der zweiten von Westen (ja auch am Wasser herrscht Rechtsverkehr) auf uns zusteuerten . Ach ja, unser größtes Problem hätte ich jetzt fast zu erwähnen vergessen: Wir haben immer noch keinen Strom, wie Christoph bei Aktivierung des Autopiloten frustriert feststellte, also war Selbststeuerung deaktivieren und selbst steuern angesagt. Eine Seefahrt, die ist lustig…

Seebär und Lusche

In der Nacht hatte die Welle dann so weit zugenommen, dass die Gischt regelmäßig zur erfrischenden Dusche für den Steuermann wurde. Nämlich jede siebente Welle, wie der seebärigste aller Ehemänner zählte, der tapfer am Steuerrad ausharrte, bekleidet mit Mütze, Handschuhen und vier Schichten unter dem Ölzeug, während er trotz alldem frierend das Ende der Nacht herbeisehnte. Ich geb’s zu, mehr als ein Viertel dieser zum Glück nur fünf Stunden dauernden Finsternis stand ich nicht am Steuer, verkroch mich stattdessen  mit zwiespältigen Gefühlen im Salon: „Eigentlich sollte ich ihn ablösen“, sagte die Seebärin in mir. „Ich bin so froh, dass er da draußen steht, und nicht ich“, winselte die Lusche in mir. 

Die Liste der Dinge, die es zu fixieren gilt

Während draußen der Captain geduscht wurde, flog drinnen im Salon alles kreuz und quer, was nicht befestigt war. Der Basilikumtopf landete im Gewürzregal, wo sich die Erde über Gelbwurz- und Kümmelgläser ergoss, Die Tür zur Steuerbordkoje – deren Griff endlich repariert werden muss – schlug auf und zu, das Innenleben der Koje -Schuhe, Jacken – verteilte sich im Salon, dreimal flog die Kühlschranktür auf – die müssen wir auch noch mit einem Zusatzriegel versehen – und der halbe Inhalt des Kühlschranks ergoss sich am Boden. Teekochen gestaltete sich als echte Herausforderung, da das Wasser bei jeder siebenten Welle waagrecht aus dem Topf lief. Um die Gesamtsituation vorsichtig zu formulieren: nicht entspannend.

Technik und Theorie? Pfeif drauf!

Navigiert hat der durchhaltevermögenste aller Captains nach den Sternen; so lange der am hellsten Leuchtende genau steuerbord neben dem Mast zu sehen war, stimmte der Kurs; denn zu allem Überfluss setzte der Plotter über lange Strecken hindurch aus – eine GPS-Antenne kommt daher auch noch auf unsere To-Do-Liste. Aber auf Christophs Karten-Navigation ist eben, im Gegensatz zur Technik, doch Verlass, denn unser Kurs über Grund war korrekt eingezeichnet – wenn er auch erschreckend von unserem Kompasskurs und noch erschreckender vom Kartenkurs abwich. Anhand der AIS-Daten jener Großschiffe, die er identifizieren konnte, glich Christoph unsere Position ab. Aber was nützt die graue Theorie, wenn Wind und Welle das Zack von unserem geplanten Zickzack-Kurs verhindern?

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Das Schleusentor vor Saint Vaast la Hougue öffnet sich

In der Praxis kamen wir nicht in Cherbourg an. Lächerliche 20 Meilen östlich des geplanten Zielhafens vernichtete der erneut kenternde Strom endgültig unseren Plan. Denn genau hier, am Cap Barfleur hast du mit einem Segelboot keine Chance gegen den Strom, hier befindest  du in einem der ungemütlichsten Strömungsbereiche des Ärmelkanals, wo du bei schlechter Planung entweder sechs Stunden vor Cherbourg, trotzdem du scheinbar vorwärts segelst, zurückgetrieben wirst oder in den folgenden sechs Stunden bei zögerlichem Manöver an der Hafeneinfahrt vorbeigetrieben wirst. Kurz gesagt, vor Cap Barfleur nahmen wir Kurs auf Süd nach Saint Vaast de Hougue, ein Hafen, der unter den vorherrschenden Bedingungen optimal zu erreichen war, jedoch einen kleinen Schönheitsfehler hat. Die Einfahrt fällt bei Niedrigwasser vollständig trocken, daher wird die Hafenschleuse zweimal am Tag für sechseinhalb Stunden geschlossen. Im Windschatten einer vorgelagerte Insel musst du ankern und auf das Öffnen des Tors warten, Wartebojen oder Pontons in der Nähe der Einfahrt suchst du vergeblich, und der Hafenmeister lachte, als Christoph ihn anfunkte und nach den Öffnungszeiten fragte. „No pontons, actually there is no water.“ Wir hatten Glück, wir mussten nur eine Stunde warten.

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Der Captain auf der Suche nach Wasser: Im Hintergrund die trockengefallene Hafeneinfahrt von Saint Vaast la Hougue.
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Hafeneinfahrt bei Niedrigwasser….

 

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… und bei Hochwasser

Gestern haben wir uns die veränderliche Landschaft bei Hoch- und Niedrigwasser angesehen. Was bei unserer Ankunft von Wasser bedeckt war, ist bei Niedrigwasser trocken-schlammig, dazwischen liegen Felsbrocken, als hätte sie ein Riesenkind beim Spielen verstreut. Von der Hafeneinfahrt ist ein dünner Rinnsal, auf dem nicht einmal ein Kanu fahren könnte, übrig geblieben, nördlich der Stadt liegen riesige Austernbänke frei, zwischen ihnen sind die Austernfischer mit Traktoren unterwegs, ebenso Muschel-Erntearbeiter und Wattspaziergänger. 

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Auch die Fischer müssen auf die Flut warten

Ein paar Stunden später ist nur mehr die riesige Wasserfläche zu sehen, nichts von dem was darunter zum Vorschein kam, ist zu erkennen. Eine Welt, die sich im Sechseinhalb-Stunden-Rhythmus ändert. 

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Bei Niedrigwasser tauchen die Austernbänke auf, Stunden später verschwinden sie.
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Komme gerade zufällig hinter dem. Leuchtturm hervor… im Hintergrund die Insel, vor der wir ankern mussten
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Maha Nanda im sicheren Hafen von Saint Vaast la Hougue, Normandie
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7 Kommentare

  1. Hallo ihr Lieben!! Ich liebe deine Erzählungen!!!! Es ist wirklich sehr abenteuerlich und liest sich wie ein Roman. Die bekifften Hacker waren der Hammer🤣🤣 Von uns gibts auch Neues, Elias hat nun auch seine Matura hinter sich u alles gut gemeistert. Er arbeitet jetzt bei Werner als Erntehelfer, bis er im September einrückt. Gabriel arbeitet in den Ferien in Wilfersdorf im Büro u die Mädchen chillen nächste Woche im Feriencamp in Radstadt😊 und ich chille jede freie Minute bei uns am Teich😊 Wir wünschen euch weiterhin eine schöne Zeit u gut Wind!!! Ich freue mich darauf, bald wieder von euch zu lesen😉 Viele Bussis Marlene &co

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  2. Wir haben bei viel Seegangdie Brote immer gleich auf dem Fussboden des Salons geschmiert, weil dort ohnehin Alles landete. Lage Arme brauchte man dann aber, um die Utensielien aus den verschiedensten Ecken zu fischen.
    Etwas, was ich auf See gelernt habe und was mir so in Fleisch und Blut uebergegangen ist: jede Spind- und sonstige Ture aufmachen, das Benoetigte rausnehmen, und dann sofort wieder schliessen!

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