Ehe wir uns versehen, sitzen Captain Christoph und ich in der 118 Jahre alten Kajüte der 1901 gebauten LE 50 und trinken Schnaps. „Proost“, nickt uns Marten zu. Erst kippen wir drei jeder ein Gläschen Beerenburg – ein Kräuterschnaps, den ein Sneeker Familienbetrieb aus selbstgebranntem Genever herstellt – dann genehmigen wir uns ein Stamperl Rum. Marten schenkt nach. In der Kajüte ist das Licht schummrig, aber sie schützt vor dem Regenschauer, der gerade über Lemmer prasselt. Das Aprilwetter mit Hagel, Sonne und Sturm – alles zugleich – ist Marten ebenso herzlich egal wie LE 50. Sie ist ein Plattbodenschiff, eine Aak, wie die alten Traditionfischereifahrzeuge am IJsselmeer heißen.

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Bis 1974 war LE 50, damals hieß sie noch Presto, für die Fischerie im Einsatz. „Die Mannschaft bestand normalersweise aus zwei Mann und einem 14-jährigen Burschen“, erzählt Marten. Damals, als das IJsselmeer noch ein Meer war und Zuidersee hieß, nämlich vor der Zeit der zwei großen Dämme, holte man hier noch Salzwassersfisch aus dem Wasser; bis ins Wattenmeer waren die Männer mit dem Plattbodenschiff unterwegs, in die Nordsee wagte man sich allerdings nicht damit. Die Schiffe haben keinen Kiel und nur ein bis eineinhalb Meter Tiefgang, womit sie perfekt für flache Gewässer geeignet sind und trockenfallen können, jedoch für hohen Wellengang sind sie ungeeignet. Außergewöhnlich wirken die Seitenschwerter, die optisch an Flügel erinnern. Sie werden bei Segelmanövern nach unten geklappt und verhindern die Abdrift.

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Plattbodenschiffe werden heute nicht mehr für die Fischerei eingesetzt, man investierte längst erfolgreich in moderne Schiffe. So liegt nur zehn Seemeilen südlich des Wassersportzentrums Lemmer Urk, eine kleine Stadt auf einer ehemaligen Insel, die zwar nur 18.000 Einwohner, darüber hinaus jedoch Europas größte und modernste Fischereiflotte hat. „Überall auf der Welt, wo gefischt wird, ist mindestens ein Urker dabei“, sagt man hier, jeder Zweite auf Urk hat beruflich irgendwie mit Fisch oder Schiffen zu tun.

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Marten, der uns gerade das nächste Stamperl einschenkt, natürlich auch. Jahrelang arbeitete er in einer Fischhandelsfirma, jetzt in seiner Pension ist er Skipper auf LE 50 und schippert Touristen durch das IJsselmeer und die Kanäle. Als der Regenschauer abzieht, weiht uns Marten in die Geheimnisse des Plattbodenschiffs ein. Mit der Handkurbel versucht er den Motor zu starten, verringert schließlich mittels Schrauben den Hubraum der 81 Jahre alten Maschine und tatsächlich beginnt sie zu laufen, erst stotternd, dann rund. Polternd wie ein Oldtimer-Traktor.

Früher, bis in die 20er-Jahre, gab’s nur eine Möglichkeit der Fortbewegung auf der Aak: das Segel.  „Das war harte Arbeit, denn die 15 Tonnen müssen erst mal manövriert werden“, grinst Marten. Zwei Tonnen wiegen allein die Wassermassen, die LE50 mittransportiert. „Ich habe meinen eigenen Whirlpool an Bord“, scherzt der Skipper und öffnet einen Stahldeckel in der Mitte des Decks. Darunter plätschern 2000 Liter IJsselmeerwasser, die durch ein kleines Loch im Schiffsrumpf eindringen. Hier im Inneren des Schiffs schwimmt (besser schwamm) der gefangene Fisch. Frischer kann frisch gefangener Fisch wohl nicht mehr sein…

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Die Schnapsgläser werden weggeräumt. „Koffie of thee?“, fragt Marten und tippt in sein Smartphone. „Ihr seid zu mir nach Hause eingeladen, dann zeige ich euch auch gleich mein Schiff.“ Also radeln wir einmal den Kanal entlang, über eine Klappbrücke und auf der anderen Seite des Kanals weiter. Vor einem klassisch-friesischen Backsteinhaus macht Marten Halt. Sein Plattbodenschiff liegt vorm Haus, nur durch den Gehsteig von der Hausmauer getrennt, denn tatsächlich ist in Friesland so ein Bootsparkplatz so normal wie der Autoparkplatz vor unserem Haus in Niederösterreich. Martens Schiff ist ein Schmuckstück. 20 Jahre alt, bestens gewartet, selbst ausgebaut. Die kleine Kajüte inklusive drei Kojen und Pantry sieht wie eine amerikanische, weiß lackierte Puppenküche inklusive alten Holzdielen aus, die Seitenschwerter des Schiffes sind aus Mahagoni gefertigt, der Mast aus Vollholz. „In den nächsten Tagen wird er gestellt, dann beginnt die Saison“, freut sich der Eigner und bittet uns ins Haus herein, wo seine Frau Tinemarie schon den Kaffeetisch gedeckt hat.

Gemütlich ist es hier im Wohnzimmer mit den großen Fenstern und dem alten Holzboden. Und wir lernen gleich noch ein bisschen über Hollands Fischereiwirtschaft, denn Tinemarie arbeitet ebenfalls in einem großen Fischereihandelsbetrieb. So besitzt die niederländische Fischfangflotte 400 Kutter, Scholle und Seezunge sind die meistgefischten Meerestiere. Aber in Holland wird nicht nur gefischt, sondern auch importierter Fisch verarbeitet. „Aus Irland bekommen wir Aal geliefert, der bei uns weiterverarbeitet und für den Export vorbereitet wird.“ Größtenteils gefroren, aber auch  auf Eis gelegt, wird der Fisch weiterverkauft. „Wenn ihr ein bisschen länger bleibt, müsst ihr unbedingt geräucherten Aal probieren. Jetzt ist es noch zu früh in der Saison“, erklärt Tinemarie. Es fällt uns schwer, das gemütliche, warm beheizte Wohnzimmer der beiden zu verlassen. Draußen versetzt uns der Nordwind mit gerade mal 7 Grad plus in Winterstimmung. Wir mögen dich und deine Bewohner, Friesland. Aber magst du uns nicht endlich dein Frühlingsgesicht zeigen?

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6 Kommentare

  1. Das erinnert mich mal wieder an „alte Zeiten“, als wir mit unserem Bonner Segelclub fuer ein paar Jahre regelmaessig auf einem alte Plattbodenschiff gesegelt sind. Von Kampen aus.
    Und einmal habe ich mit hollaendischen Freunden eine „Vollenhovense Bol“ gechartert. Bei Heech bij de Maar in Heeg. Es war ganz erstaunlich, wie gut sich so ein Plattbodenschiff segeln laesst. Da stecken eben Jahhrhunderte an Erfahrung im Schiffsbau drin. Ich habe mal gelesen, dass schon in 16. oder 17. Jahrhundert die Seitschwerter ein Profil hatten, das – wie heutige Flugzeugfluegel – fuer Auftrieb sorgte, so dass sie eben die Abtrift besser verhindert haben als einfach platte Bretter – auch wenn wir sie salopp als „Abtriftverhinderunsgbretter“ bezeichnet haben. Unsere Erfahrung mit der Vollenhovense Bol auf der Waddenzee war uebrigens, dass die Seitschwerter ein prima Ersatz fuer ein Echolot sind: wenn das Leeschwert auf dem Boden schubbert, ist es Zeit fuer eine Wende. 😉
    Apropos Seetuchtigkeit: ich meine, mal gelesen zu haben, dass die Schokker durchaus seetuechtig waren und bis (weit) auf die Nordsee rausgefahren wind, waehrend die Aaken eben, wie Du schreibst, mehr fuer binnen als buten geeignet waren. Obwohl es auf der damaligen Zuiderzee auch ganz schoen heftig zugehen konnte.
    In Erinnerungen schwelgend, 😉
    Pit

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      1. Ansonsten haben wir die Moewen beobachtet, nach dem Motto, „Es ist Zeit fuer die naechste Wende, wenn die Moewen anfangen zu laufen statt zu schwimmen.“ 😀

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