Das Unglaubliche wurde wahr und Maha Nanda hat den Jachthaven Friese Hoek verlassen. Aus einer surrealen Idee – die im Laufe dieser Woche mit jedem Arbeitsschritt, der uns hätte voranbringen sollen aber meistens um Stunden zurückwarf, weil jeder Beginn der Tätigkeiten neue To Dos auf den Plan brachte – wurde Realität. Unser Schiff setzte sich mit uns in Bewegung, wir drehten seine Nase Richtung Norden und fuhren zum ersten Mal – durch die Schleuse von Lemmer in die Stadt und weiter bis Woudsend.

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sst Richtung  Stadthafen von Lemmer

 

Bevor es gestern so weit war, haben wir hart gearbeitet. Also, vor allem Christoph hat hart gearbeitet während ich seine Anweisungen für die niedrigen Dienste entgegennahm. Ihr dürft jetzt aber nicht glauben, dass mein Captain als absoluter Macho und Commander in Chief sein Schiff mit eiserner Hand regiert und sein Eheweib zur Sklavin degradiert (vielleicht in seinen schönsten Träumen…?). Nein, in Wahrheit bin ich für niedrige Dienste eingeteilt, weil ich zu Höherem nicht tauge. Weder kann ich eine Ankerwinde montieren, wozu vorher mit der großen Bohrmaschine Löcher gebohrt werden und irgendwelche speziellen Bolzen??? organisiert werden, noch kann ich eine Starterbatterie aus- und eine neue wieder einbauen – ich kann sie nicht mal heben! Weiters habe ich kein Talent für die Installation von Funkgeräten, bin mit dem Einbau von LED-Lampen völlig überfordert und mit der Stichsäge auch nicht wirklich geübt. Daher überlasse ich diese und noch etliche weitere Arbeiten dem Captain und führe seine – liebevoll formulierten – Kommandos aus. Streichen, schleifen, polieren… das kann ich gut. Dann kann ich auch noch gut einkaufen, das muss ich auch sehr oft, denn aus unerfindlichen Gründen ist vor der Arbeit nie vorhersehbar, welches Material benötigt wird, um diese auch zu Ende zu bringen. Die Grundausrüstung wäre ja da, aber dann fehlen genau diese Schrauben, ein schmaler Pinsel, das Sikaflex in Weiß, der 3-Meter-Spanngurt. Die Verkäufer im Nautic-Shop und in der Eisenhandlung kennen mich schon gut, die arbeiten sehr kompetent und zuvorkommend meine Einkaufslisten ab.

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In der Schleuse von Lemmer

Und gestern kam dann der Tag! Dieser Tag, als Captain Christoph in der Früh meinte: „Nur mehr ein paar Kleinigkeiten, das haben wir gleich und zu Mittag legen wir ab.“ Ich bin ja grundsätzlich sehr optimistisch, habe aber im Falle von Maha Nanda aus leidvoller Erfahrung gelernt: Wenn mehr als zwei Dinge auf der To-Do-Liste des Tages stehen, ist der Meister nicht zu Mittag fertig. Tatsächlich wurde es Nachmittag – ein paar Kleinigkeiten liefen nicht ganz so rund wie erwartet und warum fünf von den sechs Schrauben, mit denen unser Salontisch seit einem Jahr befestigt ist, genau dann am Boden liegen, wenn wir ablegen wollen, muss an einem bösen Voodoo-Zauber liegen…

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Um 14 Uhr startete Christoph den Motor. Der jeierte ein paarmal, dann – nichts. Christoph startete nochmal und nochmal. Etliche Male. Nichts. Unser ausgesprochen hilfsbereiter Nachbar Ralf kam mit einem Starterkabel – keine Chance. Und dann geschah das Wunder von Maha Nanda. Der Werftmitarbeiter Johann, den Captain Christoph zur Reparatur gebeten hatte, erschien, schaut in den Motorraum, sagte: „Starte mal.“ Und der Motor lief. Johann konnte allein durch seinen kompetenten Blick die Maschine in Gang setzen!

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Brückenmaut mit Klompen

Um 16 Uhr sind wir gestartet, jawoll. Wie oft haben wir die Schleuse von Lemmer von oben gesehen, sind darüber gegangen, haben die Schiffe beobachtet. Jetzt wurden wir beobachtet. Du hast im Schiffsverehr eine Ampelregeung wie auf der Staße. Erst bei Grün darfst du losstarten, leuchtet es Rot, musst du festmachen und warten oder, wenn genug Platz ist, Kreise ziehen. Dann, wenn du durch das Tor fährst, geht es am Schleusenwärter vorbei. Der lässt auf einer Schnur – sieht wie eine Angel aus – einen Klompen herunter. Klompen sind traditionelle holländische Holzschuhe und jene der friesischen Brückenwärter sind in den Farben der Friesland-Flagge, blau-weiß-gestreift mit roten Seerosen, gehalten. In den Klompen steckst du deinen Obolus, das sind im Falle von Lemmer fünf Euro, dann geht es in die Schleuse hinein. Hinter dem zweiten Schleusentor beginnt der Stadthafen, hier sitzen die Leute in den Cafés und Restaurants und beobachten das Treiben am Wasser – in diesem Falle auch uns, die mit der österreichischen Flagge echte Exoten in Lemmer sind. Im Hafen musst du dann wieder Kreise ziehen, bis die erste Klappbrücke aufgeht – dann warten die Autofahrer und – wie es eben in den Niederlanden so ist – noch viel mehr Radfahrer, bis alle Schiffe durch sind und die Brücke wieder runtergeklappt wird. Am Nordende von Lemmer kommt dann die zweite Brücke und schon geht es durch die Kanäle von Friesland. In den Niederlanden kannst du nämlich mit dem Schiff quer durchs Land fahren. Natürlich nicht über Land, obwohl es vom Auto aus oft so aussieht, als würden Segelschiffe über die Wiese fahren. Holland ist von Kanälen durchzogen und es gibt sogar die „Stehende Mastroute“ von der Emsmündung bis zur Maastmündung, über die du, weil es so viele Wasserstraßen, Klappbrücken und Aquädukte gibt, fahren kannst, ohne den Mast zu legen.

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Sloten

Wir sind am kleinen Städtchen Sloten, das mit alter Steinbrücke und Windrad genau so aussieht, wie man sich klassische friesische Wasserstädte vorstellt, vorbeigefahren und am Abend in Woudsend glandet. Ebenfalls ein Klassiker. Direkt vor der Brücke, an der Mauer des Kanals durch den Ort, zwischen zwei Windrädern und einer alten Kirche, neben einem Pub und Wohnhäuern aus Backstein haben wir angelegt. Sind mit Maha Nanda unser erstes Anlegemanöver gefahren. Yes, we can!

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Woudsend
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2 Kommentare

  1. Ganz prima, dass Ihr es geschafft habt mit Eurem ersten Auslaufen! Gratuliere. Und bei Deiner Beschreibung werden Erinnerungen wach – viele und schoene – an eigene Segeltouren in Friesland. Was mich besonders freut: es gibt also diese liebe alte Tradition mit dem Klompen an der Angelschnur immer noch! 🙂 Aber die Preise, die Preise! 😦 Wir brauchten immer nur „een Quartje“, also 25 Cent, reinzulegen!
    Ganz viel Spass weiterhin, Mast- und Schotbruch, und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel,
    Pit

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