Warum es nicht mehr zu übersehen ist, dass der Winter kommt? Maha Nanda steht wieder im Trockenen. Und ich sage euch: es war ein übermenschlicher Kraftakt. Also natürlich nicht das Kranen, selbst – das macht ja auch weder der Werftchef noch der Captain persönlich, sondern der Kran. Aber die Umstände!

Erst einmal haben wir festgestellt, dass Lemmer wirklich weit, weit weg von Rabensburg ist. Speziell Captain Christoph und unser Sohn, Schiffsjunge Matthias, haben das Offensichtliche erneut erkannt. Sie waren es nämlich, die innerhalb von fünf Tagen knapp 3000 Kilometer mit dem Auto unterwegs waren. Genauer gesagt, sind sie vier Tage Autogefahren und einen Tag haben sie sich um Maha Nanda gekümmert. Denn die Männer sind ja nicht nur Seeleute (was in Wien auch merkwürdig wäre), also arbeiten sie so lange, wie es ihre Chefs verlangen, in ihrem Brotjob, steigen abends ins Auto, fahren flugs so an die 700 Kilometer, übernachten in einem kuscheligen Container-Motel irgendwo bei Würzburg an der Autobahn und fahren dann nochmals 700 Kilometer, um vom Wiener Südsturm in Orkanstärke in den Lemmerschen Weststurm inklusive 15 Grad Abkühlung und Dauerregen (ebenfalls quer von Westen) zu gelangen.

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Gemütlich schaut anders aus, aber ein Mann tut, was ein Mann tun muss. (Frau verbringt inzwischen ein paar entspannte Arbeitstage in der Redaktion und wenn sie aus dem Bürofenster schaut, könnte sie seit Wochen glauben, der Spätsommer bleibt uns heuer.) Die zwei Männer jedoch verbringen die Sturmnacht auf Maha Nanda. Der Wind heult in den Wanten, aus der Luke tropft es auf den Schlafsack, die Temperatur sinkt auf 2 Grad – innen und außen, da ist kein Unterschied, ob innerhalb oder außerhalb des Schiffsstahls.

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Der Kran-Termin ist für 15 Uhr festgelegt, zuvor müssen noch die Segel runter. „Zeit genug“, denkt der Captain, doch in weiser Voraussicht startet er mal den Motor, denn wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, ist dem Bukh nicht so ganz zu trauen. Sagen wir es, wie es ist: er VERSUCHTE, den Motor zu starten, aber der wollte nicht. Trotz neuer Starterbatterie, trotz allem Zureden, trotz aller Versuche von Werft-Mitarbeiter Johann, dem Mann mit den magischen Händen, er wollte nicht. Schade eigentlich, dass unser Matthias die HTL für Biomedizin und Gesundheitstechnik absolviert hat. Wenn ich es mir so recht überlege, hätte er Maschinenbau lernen sollen. Tja, da haben Mama und Papa die Bildungslaufbahn des Nachwuchses einfach zu wenig vorausschauend geplant…

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Na gut. Was bleibt Captain und Schiffjunge übrig, wenn die Zeit läuft, der Motor aber nicht, und der Krantermin längst fällig wäre? Die Niederlage zu nehmen wie ein Mann. Und das bedeutet in diesem Fall, dass die schöne, elegante und eigenwillige Maha Nanda von einem kleinen, unscheinbaren Boot zum Kran geschleppt wurde. Obwohl man sagen muss: Der Eric von der Werft hat die beiden perfekt im Griff. Steuert direkt auf den Kran zu, gibt nochmal kurz vorher Gas, löst die Leine und fährt in einem Bogen seitlich vorbei, während Maha Nanda genau im richtigen Tempo in die Box hineingleitet, und kurz vor der Mauer stoppt. „Das ist wie ein Aufschießer nur ohne Gegenwind“, meint der etwas blass um die Nase gewordene Captain, vor dessen geistigem Auge schon der Kurzfilm mit Maha Nanda in der Hauptrolle, deren Stahlbug gegen die Betonwand schrammte, abgelaufen war.

 

Jetzt zum positiven Teil der Geschichte: das Kranen verlief reibungslos, das Antifouling ist super, es haben sich gezählte zwei Muscheln am Unterwasserschiff verirrt. Nach der Schnellwäsche sieht dieses aus, wie im Mai, als Maha Nanda frisch lackiert in der Werft stand: leuchtend rot und rostfrei.

Die zweite Nacht in Lemmer verbringen meine zwei tapferen Männer am Werftgelände. Für dieses besondere Ereignis haben sie sich folgendermaßen vorbereitet.

  1. Drei Kleidungsschichten inklusive Sturmhaube, lange Unterhose und Schal anziehen.
  2. Sehr viel Abendessen, denn ein voller Bauch wärmt schön von innen.
  3. Wenig trinken und vor allem: völlig auf Tee und Bier verzichten. Warum? Beides führt dazu, in der Nacht wegen eines dringenden Bedürfnisses aufstehen zu müssen und das galt es unter allen Umständen zu vermeiden, denn erstens siehe Punkt eins und zweitens gilt aus naheliegenden Gründen am Trockendock Toilettenverbot. Um dies zu verinnerlichen, beteten beide vor dem Einschlafen das Mantra: nicht aufs Klo gehen, nicht aufs Klo gehen, nicht…

 

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Bei der Rückfahrt gab’s noch eine kleine Challenge für die zwei Männer der Tat: Der Strandkorb eines guten Freundes wartete schon seit längerem auf seine Reise nach Österreich und weil der ganz in der Nähe, bei Hoorn, in einem Lager stand, nahmen die beiden einen dreistündigen Umweg in Kauf, luden das Ding auf den Anhänger und zurück ging die Zwei-Tages-Tour in die Heimat.

Die schreckenserregende Liste

Und jetzt? Haben wir gerade das Gefühl, wir werden niemals bis Mai mit all den anstehenden Arbeiten fertig. Noch haben wir seit Christophs Rückkehr keinen Blick auf die beängstigende To-Do-Liste geworfen. In der Redaktion habe ich die Erfahrung gemacht, Anweisungen des Chefs, die mir

a) unverständlich

b) unsympathisch

c) extrem zeitaufwändig

erscheinen, nicht sofort zu erledigen, denn manches Mal ereignet sich das Wunder der Redaktion und die Arbeit erübrigt sich. Ob das bei Maha Nanda auch funktioniert? Ich fürchte nein und ich bin mir sicher, wir müssen demnächst wieder DIE LISTE zur Hand nehmen.

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