Destruction und Malaise in Dünkirchen

Wir essen Croissants, Moules, Camembert und Baguette, trinken Cabernet-Sauvignon und tanzen am Plage. Segeln sollten wir? Aber wozu, wenn Frankreich doch so viel zu bieten hat. Die Wahrheit ist, wir hängen wieder mal fest. Derzeit in Dunkerque, der nordöstlichsten Stadt Frankreichs, am Eingang zum Ärmelkanal.

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Dunkerque, einer der Häfen von Dünkirchen, Frankreich

Diese Mal ist es der Autopilot, der uns im Stich gelassen hat. Jetzt wird es leider richtig teuer und noch dazu müssen wir auf das neue Teil, das morgen geliefert werden soll, warten. Immerhin sparen wir uns die Montagekosten, denn der überaus überzeugende Monseigneur Pierre, seines Zeichens Raymarine-Spezialist, hat uns nicht nur einen raschen – wenn auch niederschmetternden – Befund bezüglich der hoffnungslosen Malaise unseres Autopiloten erstellt, obendrein hat er dem versiertesten Captain von allen von seinem Schreibtisch aus einen Schnellkursus in Autopiloten-Installation erteilt. Während Monseigneur Pierre mit diesem wunderbaren französischen Akzent englische Fachbegriffe über den Schreibtisch warf – gelegentlich wusste er nur die französische Bezeichnung – lauschte ich ergriffen der schönen Sprachmelodie mit der er mir genauso gut die Konstruktion eines Atomreaktors hätte erklären können. Der gelehrigste Captain von allen ist dagegen schnell von Begriff. Er lauschte ebenfalls ergriffen; der Charme der langue française entging im zwar, dagegen schien er den Inhalt des Vortrages vollinhaltlich zu erfassen, denn er nickte mehrfach und ergänzte diesen durch den Einwurf weiterer, mir völlig unverständlicher, technischer Begriffe. 

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Nach einem kurzzeitigen Stimmungstief zeigt die Besatzung von Maha Nanda nun Teamgeist. Yes we can. Also macht sich Christoph daran, die hydraulische Steueranlage für den Autopiloten vollständig zu demontieren und mir angesichts des optischen Desasters, das sich gerade vor meinen Augen auftut, zu versichern, er habe alles im Griff.

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Hard working man: der Mann hat alles im Griff

Während der optimistischste Demolition-Man von allen seinem Zerstörungswerk nachgeht, hält uns ein zweiter Umstand im Hafen fest. Ein Sturmtief ist die vergangenen zwei Tage von der Biskaya durch den Ärmelkanal gezogen und hat mit Böen bis Windstärke 9 an Masten, Warten und unseren Nerven gerüttelt. Jetzt ist alles wieder klar, sonnig wie es früher war. (Kennt jemand von euch Hatschi Bratschis Luftballon? Eines meiner Lieblingskinderbücher)

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Zentrum von Dunkerque, Frankreich
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Duchesse Anne und Captain Christoph, Hafen von Dunkerque
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Feuerschiff im Hafen von Dunkerque

 

Wenn man schon längere Zeit in Dunkerque verbringt, kann’s nicht schaden, etwas für seine Bildung zu tun. Die Stadt ist in einer Hinsicht das Gegenteil von Brügge: der Architektur. Das bestätigt, was ich noch im letzten Blogpost geschrieben habe: Wie schön wären Europas Städte, wenn Kriege und Bombardements diese Schönheit nie zerstört hätten. Vom prächtigen Zentrum ist nach den Luftangriffen der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wenig geblieben. Das Rathaus, die Kirche, der Glockenturm. Der Rest ist neu und… ehrlich gesagt meistens hässlich. Zum Einen zeichnen die Gebäudekomplexe, die in den 50er- und 60er-Jahren schnell und kostengünstig über den Ruinen der Altstadt errichtet wurden, ein wenig ansprechendes Bild, zum Anderen sieht man an verfallenen Fabriken und vergammelten Wohnblöcken, dass die Wirtschaftskrise der Nullerjahre in dieser Stadt Spuren hinterlassen hat.

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Musée Dunkerque 1940, Operation Dynamo im Zweiten Weltkrieg

Unser Besuch des Musée Dunkerque 1940, in dem die dramatische Operation Dynamo, bei der über 300.000 Alliierte Soldaten gerettet werden konnten, dargestellt wird, bestätigt erneut unsere Meinung: Leid und Zerstörung ist alles, was von Kriegen übrigbleibt. Hier in Dunkerque offenbart sich die Sinnlosigkeit der Kriegslust auf bedrückende Weise.

Gestern nutzen wir das schöne Wetter (kleiner Scherz) für eine kleine Radpartie. Gegen den Sturm ging’s nur, indem wir stehend dagegen antraten, mit dem Sturm fuhren wir ohne zu treten und bei Seitenwind landeten wir ein paarmal außerhalb des Radweges und fuhren Schlangenlinien. Der riesige, breite Strand Malo les Bains mit seiner Dünenlandschaft war entsprechend der Witterungsbedingungen schlecht besucht und so hatten wir Platz für ein paar akrobatische Einlagen.Wer hat da noch mal gesagt, wir wären „in mittleren Jahren“?!!!!

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Malo les Bains, Strand von Dünkirchen, Frankreich
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Monseigneur Christoph parle français.

 

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4 Kommentare

  1. Hallo ihr Segler!
    Ich folge eure Reise -Sehr schoen, dass ihr solchen Mut habt. Geniesst diese wunderbaren Momente!!!. Das Leben ist kurz und auch manchmal nicht so schoen. Habe selbst viel Stress mit meiner sehr kranken Brigitte.
    Ganz liebe Gruesse und passt auf euch gut auf. Karlheinz, Canada (Ex Red Devil)

    Liken

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