Jesus unser Retter am Punto Papagayo

Beinahe dachten wir, dass uns ein paar friedliche Tage gegönnt wären. Wie konnten wir das nur glauben?! Mittlerweile sollten wir es besser wissen. Na gut, phasenweise hatten wir es echt entspannt, immerhin… 

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Segel setzen bei optimalen Bedingungen… so schön!
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Welch großartiges Panorama die Vulkankegel von Lanzarote bieten.
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Traumhafter Segeltag. Voraus liegt Fuerteventura.

Segeln bei strahlend blauem Himmel, bei gutem Wind und wenig Welle – das hat für uns Seltenheitswert, seit wir vor fast neun Monaten mit Maha Nanda gestartet sind. Umso mehr genießen wir diese Ausnahme-Tage, das könnt ihr uns glauben! Der Ankerplatz, den wir gewählt hatten, erfreute sogar des Captains skeptisches Herz. Einmal rund um Punto Papagayo im Süden Lanzarotes, dann liegt auch schon die wunderbare Bucht, Richtung Süden offen, vor uns. Nicht ganz ruhig, denn Ostwind und Schwell aus Westen lassen Maha Nanda doch deutlich in den Wellen schaukeln, aber was soll’s – unser Anker hält bombenfest, das hat er uns schon mehrfach bewiesen.

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Der Captain wirkt sehr entspannt.

 

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Die Crew ebenso.

Am westlichen Ende der Ankerbucht liegt Rubicón, von unserem Boot aus sehen wir den Wehrturm, der Anfang des 15. Jahrhunderts von französischen Siedlern im Auftrag der kastilischen Krone errichtet worden war. 1402 waren 60 Mann hier an der Playa de las Papagayos mit dem Ziel, eine Handelskolonie zu gründen, angelandet. Mit an Bord hatten die Franzosen auch zwei aus Lanzarote stammende Sklaven, mit deren Hilfe sie die Ureinwohner der Insel, die Majos, davon überzeugen konnten, dass sie in vollkommen friedlicher Mission auf die Insel gekommen wären.

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Wehrturm Rubicón

Der Wehrturm war das erste Gebäude, das die neuen Siedler errichtet hatten, er sollte die Wasserversorgung durch einen Brunnen gewährleisten und außerdem zur Sicherung der Siedlung gegen Piraten dienen.

Mittelfristig war der Turm allerdings nutzlos, wie die Geschichte zeigt, denn die Siedlung Rubicón existierte nur bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, dann verschwand sie und der Küstenabschnitt war jahrhundertelang unbewohnt. Heute ist das natürlich anders, unterhalb des Wehrturms Richtung Westen erstreckt sich eine riesige Freizeit-Stadt. Playa Blanca ist eine der größten Feriensiedlungen Lanzarotes und hat einen Ausländeranteil von 32 Prozent. Den riesigen Leuchtturm am westllchen Ende der Ortschaft, zugleich dem südwestlichsten Punkt Lanzarotes, können wir von der Ankerbucht aus wunderbar erkennen.

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Los Ajaches bei Sonnenuntergang und….
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Los Ajaches bei _Sonnenaufgang

Deutlich zu erkennen ist auch der Grund für die Namensgebung Rubicón (lat. rötlich). Bei Sonnenuntergang wird der Vulkankegel von Los Ajaches vor unseren Augen in ein einzigartiges Licht getaucht. Rot in allen Farbschattierungen leuchten die Berge jetzt. Das ist jener Moment, in dem uns nichts Anderes möglich ist, als im Cockpit zu sitzen und zu staunen. Wie viele Sonnenuntergänge über dem Meer kann man beobachten, bis sie langweilig werden? Wir haben die Grenze noch nicht erreicht, glauben mittlerweile, dass sie nicht existiert. Nie werden wir uns an dem Farbspektakel sattsehen können, das immer nach dem gleichen Prinzip läuft und doch niemals gleich aussieht. (Und jedesmal frage ich meinen Captain: Glaubst du, sie wird morgen wiederkommen?)

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Der Schwell in unserer Ankerbucht sorgt für nächtliches Babywiegen-Schaukeln, in der Früh wird es in unserer Wiege allerdings ungemütlich, der Wind dreht ein wenig und das Rutschen unserer Ankerkette über die Nuss ist nirgends so schön zu hören, wie in der Bugkoje. Aufstehwetter kurz vor Sonnenaufgang: wolkenlos, 16 Grad, Ostwind 17 Knoten. Aber wer will sich darüber beschweren, denn nur der frühe Vogel… erlebt den Sonnenaufgang über dem Meer. Und Los Ajaches zeigt sich erneut von seiner farbenprächtigen Seite. Was für ein Morgen!

Ganz nach unserem Reisemotto folgt nach friedlichen Tagen ein Ablegemanöver mit Action. Entspannt bis zur letzten Minute? Pfff… das machen eh alle anderen Segler. Unser Anker wollte und wollte jedenfalls nicht hoch. Schön, dass er gut hält, aber sooooo gut muss es auch nicht sein! Jesús unser Retter half uns schließlich aus der Patsche. Ich meine es ernst! In der letzten Nacht hatten wir unbemerkt einen Nachbarn bekommen, einen jungen Mann, der mit seinem Segelboot in unserer Nähe geankert hatte und  bei Sonnenaufgang bereits mit kälteunempfindlicher Begeisterung im 17 Grad kalten Atlantik schnorchelte. Jesús sportlichem Ehrgeiz sei Dank! Er ersparte meinem mit Mütze und Pulli bekleideten Captain, sein kuscheliges Outfit gegen Taucherbrille und Flossen tauschen zu müssen und entdeckte rasch des Problems gewichtige Ursache: Unsere Ankerkette hatte beschlossen, sich ein paarmal um einen Felsen zu legen. 

Maha Nanda wird zum tanzenden Derwisch

Auf dem Plotter ähnelt unser Kurs dem Gekrakel eines zweijährigen Kindes oder der Schrittformation eines völlig in Trance geratenen tanzenden Derwisch’. Etliche wilde Kreisel- und Zickzackdrehungen am Steuerrad – unter Anweisung von Jesús – waren notwendig, um Maha Nandas Anker zu bergen, während der Fallwind von Osten her auf über 20 Knoten auffrischte und unserem wahnsinnigen Trance-Tanz die zusätzliche Würze verlieh. Nein, entspanntes Ablegen sieht anders aus.

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Etwas ramponiert nach dem Ankermanöver….
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und ein bisschen demoliert.

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