Rollenklischees an Bord oder – ach wie schön ist diese Einspritzdüse!

Bom dia aus Albufeira! Langfahrtsegler? Hat sich was! Gerade mal 15 Meilen sind wir vorgestern gesegelt, aber die fühlten sich wie ein  ganzer Tag durch Sturm und Welle an. Dabei hatten wir perfekten Vorwindkurs, 4 Beaufort und nur zwei Meter Welle, mildes Wetter, über 20 Grad. Wieso tu ich dann so, als hätten wir gerade die Biskaya überquert?

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Am Meldesteg von Albufeira. .Jubel!
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Auch wenn es nach Biscaya-Überquerung aussieht. Wir haben (nur) 15 Meilen geschafft, Hurra!

Tja die Seglerpsyche ist ein empfindliches Pflänzchen. Und da spreche ich nicht nur von unser beider Seelenleben. Je länger man in einem Hafen, einer Ankerbucht bleibt, umso schwerer schafft man es, wieder abzulegen; ein allgemein bekanntes Phänomen. Bei uns wirkte sich dieses in doppelter Weise aus, denn wir waren ja nicht freiwillig sechs Wochen in Portimao geblieben. Und jetzt, als alles repariert, der Motor intakt, das Batteriesystem in tadellosem Zustand, Stromlieferanten 1a in Schuss – da dachte jeder: die starten am nächsten Morgen los.

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Marina Albufeira

Falsch gedacht. Wir warteten auf einen regenfreien Tag, auf mehr Sonne, wärmeres Wetter, weniger Wind… Letztendlich starteten wir am Mittwoch mit riesengroßer Überwindung. Mit ganz viel Bauchweh und einem richtig blöden Gefühl. Horchten auf jedes sich verändernde Motorgeräusch – tatsächlich klingt der alte Bukh anders als die letzten zweieinhalb Jahre und das liegt hoffentlich nur daran, dass er gewartet wurde; Filter gewechselt, Injektor gereinigt. Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen und weiß jetzt wie eine Lichtmaschine, eine Dieselpumpe und eine Einspritzdüse aussehen. Hab so viel gelernt im letzten halben Jahr. Dinge die ich eigentlich nie lernen wollte, denn Motoren und Elektrik sind nicht gerade das Thema, dem ich mich in meiner Freizeit mit rasender Begeisterung hingebe.

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Warum bestätigt sich eigentlich auch auf Segelschiffen das Klischee (kleiner Exkurs): Männer sind die Techniker, Frauen machen den Rest der Arbeit. Nicht gleich losschimpfen! Ich weiß, dass es Ausnahmen gibt und ich weiß auch, dass die männliche Hälfte (besser das männliche Dreiviertel) der Seglergemeinschaft viel mehr als nur die Technik macht. Manche kochen tatsächlich mit Leidenschaft, nähen Biminis und so weiter… Aber im Prinzip sind die Rollen auf See wie an Land festgelegt. Nur wenige Frauen reparieren den Schiffsmotor, während der See-Ehe-Mann in der Pantry Kartoffeln schält.

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Der Bulle im Zentrum von Albufeira

Mittlerweile ärgere ich mich über mich selbst. Warum nur habe ich so überhaupt keinen Dunst von Dieseleinspritzpumpen und Schaltplänen? Wenn nämlich irgendwas kaputtgeht (falls es sich noch nicht herumgesprochen hat, bei uns wird oft etwas kaputt), bin ich überhaupt keine Hilfe für den Captain, der dann neben seiner Hauptaufgabe – das Segeln an sich – bei vier Meter Welle und böigem Wind des Nächtens im Motorraum herumkrabbelt und die Lösung des Problems sucht. Beruhigenderweise geht’s bei den meisten Ehepaaren an Bord ähnlich zu, es sind die Männer, die ihr Schiff in Einzelteile zerlegen und wieder zusammenbauen und nach ein paar Monaten kennen sie wirklich jedes Einzelteil an Bord – vom halb verrotteten stromführenden Kabel in der Bilge bis zum Druckventil des WCs (das hat Christoph gestern von… Dingen befreit).

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Stopp im letzten Moment. Kalt is das Wasser da…

Vom Segler-Rollenbild (wer mir widersprechen mag, darf dies an dieser Stelle gerne tun) zu Maha Nanda und nach Portugal zurück. Ja, wir wollen weiter, werden aber vorübergehend aus der Langfahrt eine Langsamfahrt machen und die nächsten Tage nur kurze Distanzen zurücklegen. Zu sehr sind wir noch mit dem Hineinhorchen in unsere Maha Nanda beschäftig, zu angespannt die Stimmung. Mit der Zeit gibt sich das, versichern uns unsere Freunde, die längst von Portimao aus Richtung Süden und Westen gesegelt sind und in Marokko beziehungsweise auf den Kanaren weilen. Wir wollen fest daran glauben, denn wir haben ja noch ein ganzes halbes Jahr vor uns. Und sind schon sehr gespannt, was es bringen wird, denn die erste Hälfte unserer Reise brachte so manche Überraschung.

Surprise

• Wir haben nicht mit so viel… Kälte ist übertrieben… frischer Luft gerechnet. Der Mai war – so bestätigte man uns in jedem holländischen Hafen – sogar für niederländische Verhältnisse arschkalt. Der Juni begann mit viel Regen, ging in England in „arschkalt“ über und endete am letzten Tag mit Sommerwetter. Als wir schon glaubten, die Kälte überstanden zu haben, ging der Juli mit bretonischem Klima – kühl aber immerhin schon Ölzeug-frei – weiter, während der August an der nordspanischen und portugiesischen Küste von den Einheimischen als „ungewöhnlich unbeständig und kühl“ eingestuft wurde. Als es dann an der Algarve endlich Sommer wurde, mussten wir über sechs Wochen pausieren und sind jetzt im Spätherbst gelandet. Mild für österreichische November-Verhältnisse, aber von Sommersegeln weit entfernt.

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Frisch drauflos – frische 17 Grad Wassertemperatur.

• Wir haben mit viel mehr Segel-Tourismus gerechnet. In Holland waren wir in der (kalten) Vorsaison, aber dann im Hochsommer im Ärmelkanal war in den Häfen auch nicht gerade die Hölle los. Dass Ärmelkanal und die europäische Atlantikküste weit entfernt von Segel-Massentourismus sind, hat uns erstaunt aber auch erfreut. So viele kleine Häfen, einsame Buchten und so wenig Segelschiffsverkehr am Wasser! Nie wieder wollen wir nach Kroatien, das Segeln als Massenphänomen ähnlich aufwändig und rasant wachsend zelebriert wie die Algarve den Hotelburgen-Wildwuchs.

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Hotelburgen-Wildwuchs an der Algarve. Vor der Hafeneinfahrt von Albufeira.

• Wir haben so viele neue Freunde kennengelernt und noch nie so viel Hilfsbereitschaft und selbstverständliches Aufeinander-Zugehen erlebt. Das haben wir uns zwar erhofft, wie es sich anfühlt, wissen wir aber erst jetzt, im Rückblick auf die erste Reisehälfte. Und ich kann euch sagen, es fühlt sich fantastisch an! Dieses Gefühl alleine lohnt die Mühen. Ja die Mühen…

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Happy Hour in Albufeira.

• Niemals hätten wir gedacht, so viel Zeit in Reparaturen und in Warten auf Ersatzteile und Fachkräfte investieren zu müssen. Natürlich war uns klar, dass an einer alten Stahlyacht immer etwas zu tun ist. Wo viel Material beansprucht wird – was in diesen Revieren definitiv der Fall ist – geht auch viel kaputt. Aber liebe Maha Nanda, es ist überproportional viel, was du uns an Reparaturarbeiten zumutest. Machen wir einen Deal: In der zweiten Reisehälfte machst du alles wieder gut, machst nichts Anderes als zu segeln und bereitest uns mit deinen Extravaganzen keine Kopfschmerzen mehr. Danke im Voraus 😉

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6 Kommentare

  1. Eure Erfahrungen sind auch für Nicht-Segler so spannend! Freu mich schon auf die zweite Hälfte 🙂 Guten Wind, flache Welle, oder wie sagt man auf seglerlatein? liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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