Das Trouble-Team, die Selfmade-Chirurgin und der Zauberer

Heute, genau zur Halbzeit unserer Reise feiern wir den Sieg über die widerspenstige Technik! Maha Nandas Motor läuft wieder, wir können es noch gar nicht fassen! Über einen Monat sch… wir hier in Portimao mit unseren technischen Problemen herum, demoralisiert und machtlos, angewiesen auf Firmen, denen wir vertrauen müssen, denen aber nicht zu trauen ist.

img_20191031_1806436525394465663282316.jpg
Eine gewisse Tristesse ist am Werftgelände von Portimao schon zu spüren…

Die Firma IYS  ist so eine, der wir nicht mehr vertrauen, zu oft hat man uns vertröstet, wie ich im letzten Eintrag geschrieben habe. Und als es schließlich – entgegen aller früherer Beteuerungen – hieß, man habe über eine Woche keinen Techniker zur Montage der neuen Pumpe frei, die wir – Friese Hoek sein Dank – in allerkürzester Zeit von unserer Stamm-Werft aus Holland bekommen hatten, stürzte unsere Laune vom Stimmungshoch ins nächste Tief. Gestern feierten wir noch die Lösung unserer wochenlangen Probleme und jetzt… Das darf doch nicht wahr sein! In der Marina Portimao sind wir mittlerweile gut bekannt: die Österreicher, die händeringend nach einem Mechaniker suchen. Unglaublich, wie viele Leute sich um einen solchen für uns bemühten. Ein Name, der uns von vielen Seiten genannt wurde, gab uns Hoffnung: Rum sei der Mann für alle Fälle und ein begnadeter Mechaniker, er würde das Ding zum Laufen bringen. Allein, Rum ist gerade im Urlaub! Ebenso wie einer der Techniker von IYS, der andere sei krank, leider leider… frühestens nächste Woche.

img_20191031_180809440994184840005269.jpg
Notfalls bauen wir die Teile aus diesem Motor aus….

Frank, seines Zeichens pensionierter Techniker, glaubte an Christophs Fähigkeiten und riet ihm, mit seiner Unterstützung das Werkl selbst zum Laufen zu bringen. Und Frank war auch derjenige, der mich bei der Organisation der fehlenden Teile unterstützte. In seinem Dinghi fuhren wir zur Werft, wo auch IYS stationiert ist, und  forderten unseren dort lagernden Deckel des Kurbelgehäuses ein, worauf hin eine groß angelegte Suchaktion begann, an der sich wir beide, ebenso wie etliche Mitarbeiter beteiligten. Frank erwies sich als begnadeter Spürhund, marschierte in den etwas… unaufgeräumten Räumen herum, wühlte in Kisten voll schwarz-öligem Klumpert und – tada! zog ein vergammeltes Plastiksackerl hervor. Das ist er ja!

img_20191031_180931960421634095334831.jpg
Auf der Suche nach zwei Schrauben in den Weiten des Werftgeländes von Portimao

„Hast du schon mal so eine chaotische Werkstatt gesehen?“, fragte ich ihn hinterher. „Ja klar, in den 70er-Jahren im Kongo“, grinste er. Am nächsten Tag standen wir erneut wie die Rächer der Enterbten am Schreibtisch des Firmenchefs. Diesmal hatte ich einen zweiten Mann – Kurt, Einhand-Segler aus Stuttgart –  zur Verstärkung mitgenommen. Das Triple Trouble Team erschien mit finsterer Miene und unübersehbar klarem Vorsatz in diesem Büro: Wenn die versprochene Pumpe heute nicht aus Lissabon kommt, brauchen wir zumindest auf der Stelle zwei Hohlschrauben, wie jene, die auf diesem Teil stecken und ohne die wir die neue Pumpe nicht montieren können. Weder unsere Pumpe noch die dringend gebrauchten Schrauben waren im Chaos der IYS-Werkstatt zu finden, worauf wir zu dritt über das Werftgelände wanderten und in jedem Fachgeschäft und in jeder Werkstatt nach diesen Schrauben fragten. Frank scheute sich nicht, über Dreck und Öllacken ins letzte Winkel der Werft zu steigen und schräge zahnlose Typen, die hier offenbar nicht nur arbeiten, sondern auch hausen, wegen dieser Schrauben anzuhauen. Die Schraubensuche gestaltete sich zu einer voyage de tristesse!

img_20191031_1810311667957197604027491.jpg
Das Triple-Trouble-Team hat seine Mission erfüllt: Dieselpumpe geholt.

Zwei Stunden später, am Weg zur allerletzten Chance lief uns der IYS-Firmenschef freudestrahlend über den Weg. „Surprise!“, hielt er uns das Paket, das eben aus Lissabon eingetroffen war, entgegen. Frank organisierte noch auf die Schnelle vier Messing-Dichtungsringe aus der Chaos-Werkstatt (mittlerweile kennt er sich dort offensichtlich besser aus als die Mitarbeiter) und wir starteten mit dem Dinghi Richtung Maha Nanda, wo Christoph schon mittendrin im Einbau der Einspritzpumpe war.

img_20191031_1811244774104218938640869.jpg
Kurt und Frank, meine männliche Verstärkung in Sachen Eigentum-Einfordern.

Irgendwann am Abend war es dann so weit. „Starte mal den Motor“, sagte Frank. Und für ein paar Sekunden lief das Ding, dann hörte Christoph ein Klackern. „Das klingt nicht gut“, murmelte er und stellte den Motor ab. Das war’s dann. Das Ding ließ sich nicht mehr starten. Also nochmal alles abbauen. Das Timing dürfte falsch sein, vermuteten alle zehn helfenden Hände, die sich mittlerweile um unser Boot versammelt hatten. Offenbar war die Markierung der alten Pumpe, die auf den Millimeter mit einem Zahnrad übereinstimmen muss, nicht mit der neuen identisch. Und dann, beim Abmontieren des Zahnrades, passierte es. Eine Gegenmutter und eine Metalldichtung fielen in den Motor und verschwanden in dessen Inneren. Das war der Moment, als sich sogar Franks unverbesserlich-optimistische Miene in tiefsten Frust wandelte. Wenn wir die Teile nicht rausbekommen, muss der gesamte Motor zerlegt werden.

 

Was soll ich sagen. Es dauerte zwei Stunden und erforderte äußerstes Geschick von Marieke (im letzten Eintrag schrieb ich über sie und Björn, zwei norwegische Segler), mittels Endoskopie-Lampe, die wir auf einen Greifer (von Frank beigesteuert) getaped hatten, in den Gedärmen des Bukhs zu wühlen und – unglaublich aber wahr – die Teile ans Tageslicht zu befördern. Liebe Marieke, falls du dich mit deinem ruhigen Händchen mal als Chirurgin bewerben willst, sehe ich große Karriere-Chancen für dich 😉 Tja, an diesem Abend musste auch dieser kleine Sieg gefeiert werden.

DSC_0235
Björn, Christoph, Motor-Chirurgin Marieke, die Schraube und Frank.

Der Rest ist schnell erzählt: Heute kam ein Techniker der Firma RoadCamper an Bord. Ein junger Mann mit Nerven aus Stahl und Zauberhänden. Präzise und geduldig arbeitete er fünf Stunden lang in Maha Nandas Eingeweiden und… Das Wunder geschah. Der Motor läuft wie ein Glöckerl! Dass wir unsere Reise jetzt fortsetzen können, müssen wir heute feiern. Eh klar! Es gibt viele Gründe zu feiern und wir müssen jeden einzelnen nutzen. Denn Morgen kann’s schon wieder anders aussehen. Die Bord-Technik is a Hund!

DSC_0229
Bord-Technik: die Männer tun, was Männer halt so tun müssen…
Werbeanzeigen

4 Kommentare

  1. Das ist eine unglaubliche Geschichte, die Ihr da erlebt habt. Der Frust ist gewaltig, ebenso die Freude über eine wiedergefundene Schraube aus den Tiefen des Motors – was für ein Wunder! Das hat sprirituelles Potential!
    Zum Thema nicht vertrauenswürdige Firmen hat wohl jeder Segler seine ganz persönliche „schwarze Liste“. Zu der von Euch genannten Firma IYS würde ich aus persönlicher Erfahrung zwingend die Internationale Speditionsfirma Gondrand AG mit Sitz in Basel hinzufügen. Diese Firma verdient ebenfalls das Prädikat „Hände weg“.
    Euch wünsche ich viel Glück und einen baldigen Aufbruch mit Eurer Mahananda.

    Liken

    1. Man bräuchte eine Segler Plattform mit Support-Infos aus jedem Hafen. Ich ärgere mich hier in der Marina grün und blau über den unfähigen Hafenmeister, der mir keinen einzigen Namen nennen kann, EG l ob es um Elektronik, Maschinenbau oder Rigg geht. Ohne Hilfe der yachties wären wir verloren gewesen. Liebe Grüße in die Schweiz und wir hoffen, von dir, Barney und deinem Boot gibt’s nächste Saison wieder erfreuliches zu berichten. 👍👍👍

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: