So muss Columbus sich gefühlt haben: Ich habe England entdeckt! Und kommt mir jetzt bitte nicht mit dem Schmälern meiner Leistung, von wegen: England wurde bereits vor Jahrhunderten entdeckt, oder: England braucht nicht entdeckt zu werden, weil jedes Kind weiß, wo England ist. Für Christoph und mich war es ein Triumph. Insbesondere nach unserer Niederlage, denn somit zählt der Triumph doppelt: Wir haben an der Hafeneinfahrt von Calais die englische Küste, nämlich die Kalksteinfelsen in 20 Meilen Entfernung  gesichtet.

 

 

Gestern hatten wir – ja ihr dürft jetzt neidvoll erblassen – einen perfekten Segeltag. Manches Mal gehört eben ein bisschen Selbstüberwindung dazu, um einen solchen zu erleben, aber die Mannschaft der Maha Nanda scheut keine Mühen und Plagen, was eindrucksvoll um 5 Uhr bewiesen wurde. Da krabbelten wir nämlich aus den Federn, um bereits eine halbe Stunde später von Dunkerque Richtung Calais abzulegen. 20 Seemeilen sind eigentlich eine lächerliche Entfernung, warum die Eile, fragen sich jetzt wohl alle Landratten. Tja, das Segeln im Gezeitenrevier verlangt eben die eine oder andere körperliche Höchstleistung – wie Aufstehen um fünf Uhr Früh – ab. Denn im Ärmelkanal herrschen aufgrund der Tide Strömungen mit mehreren Knoten Geschwindigkeit vor, deren Richtung – mit Flut und Ebbe – alle sechseinhalb Stunden um ungefähr 180 Grad wechselt. Da gestern der Strom in der Früh nach Westen setzte, mussten wir eben zu genau dieser Zeit Richtung Calais segeln, alles andere wäre Verschwendung unserer Lebenszeit gewesen, denn wer steht schon gerne stundenlang auf der Stelle und beobachtet den immer gleichen Punkt am Ufer?

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Fast keine Welle, der optimale Wind und Sonnenaufgang über dem Meer: unser Seglerglück war perfekt und dank des Stroms machten wir ordentlich Fahrt. Fast wären wir in der geplanten Zeit von vier Stunden angekommen, wenn nicht der Wind kurz vor Calais gedreht und uns direkt auf die Nase geblasen hätte. Also war Kreuzen angesagt, was uns aber richtig Spaß machte, denn so viele Wenden wie gestern Nachmittag sind wir definitiv noch nie innerhalb von zwei Stunden gefahren. Sie macht sich gut, unsere Maha Nanda, und eines zeigt sich wieder: Sie mag guten Wind und beginnt erst bei 4 Beaufort Spaß zu haben. Unser ambitionierter Zeitplan konnte leider durch den – auf den Wetterseiten nicht vorhergesagte – Westwind, nicht eingehalten werden, denn genau drei Meilen vor Calais kenterte der Strom und… wir krochen unter Maschine in Schneckentempo auf jene Tonne zu, die die Hafeneinfahrt kennzeichnet. Während wir also eineinhalb Stunden diese rote Tonne ansteuerten, die zentimeterweise näherrückte, beobachteten wir den Verkehr auf der Strait of Dover, denn da gibt’s genug zu sehen. Containerschiffe und Fähren ziehen ihre Bahn in einer langgezogenen Kurve zwischen den Häfen Calais und Dover und da – kurz bevor der rettenden Tonne  erreichten -entdeckte ich am Horizont eine kleine weiße Erhebung. Der Blick durchs Fernglas bestätigte es: ein langer Streifen der Felsenküste von England!

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Erstes Bild von Maha Nanda unter Segeln, Frans schoss das Foto

In der Hafeneinfahrt von Calais kannst du klarerweise nicht entspannt dahindümpeln, ein paar Kreuzschläge fahren und an deiner Segelperformance feilen. Da musst du Gas geben, denn freie Fahrt hast du nur in kleinen Zeitfenstern, wenn gerade kein großer Pott in Sicht ist. Als daher der Captain den Port of Calais anfunkt, ob wir passieren dürfen und dieser antwortet: „Yes, turn on the left, but very quick“, gab die Steuerfrau Vollgas, während heckseitig eine Fähre näher rückte. Es war eindeutig unser Tag, das Glück war auf unserer Seite. Wir passierten bei starkem Strom, der uns Richtung Osten zu versetzen suchte, die Einfahrt, Minuten später erreichten wir das Bojenfeld vor der Drehbrücke zur Marina, machten fest (wobei wir feststellten, dass acht Tonnen Stahl bei Strömung ziemlich schwer mit einem Bootshaken zu halten sind) und wenige Sekunden später öffnete sich die Brücke – die nur jede volle Stunde und bei Niedrigwasser vier Stunden gar nicht öffnet. Besuchersteg gesichtet, angelegt, festgemacht – perfekt.

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Hafeneinfahrt von Calais
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Vor Calais: Now pass very quickly!

Frans, unser überaus sympathischer Stegnachbar aus Dunkerque, veranschaulichte übrigens perfekt das Dilemma mit dem Kentern des Stroms. Er legte kurz nach uns ab, segelt ein schnelleres Boot und dieser eine Knoten zusätzliche Geschwindigkeit sorgte dafür, dass er exakt bei Kentern des Stroms in Calais war – und damit drei Stunden vor uns. So viel zu unserem Zeitverlust auf den letzten drei (!) Meilen. Frans lud uns auf ein Bier an Bord seiner Texion ein, später saßen wir gemeinsam in unserem Salon und er überraschte uns, als wir fragten, wie lange seine Reise dauern würde: „Forever.“ Frans ist 70, sieht aus wie 60 und segelt nun in seiner Pension zu den Azoren, wo er ein Haus gekauft hat. „Antwerp is a rich City, a good place to work, but the Azores are the best place to live.“ Kein schlechter Lebensplan für die Pension – wir denken darüber nach. Vielleicht besuchen wir dich auf den Azoren, lieber Frans.

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Frans perfekte Segelperformance auf seiner Texion

Für jene, die bis hierher gelesen haben und auf Erklärungen warten, was es nun mit unsere Niederlage auf sich hat, die Information dazu in gebotener Kürze. (Wer breitet sich schon gerne ausführlich über seine persönlichen Niederlagen aus?)

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Hafen von Calais

Wir hatten bereits einen Tag vor unserem Triumph versucht, Calais zu erreichen und mussten nach sechs Meilen umkehren. Plötzlicher Westwind mit 6 Beaufort (nicht angekündigt natürlich) erzeugte, weil gegen den Strom, böse steile Wellen gegen die Maha Nanda chancenlos war. Wir kamen einfach nicht mehr voran. Unser Frust war groß, aber wie gesagt: Nie schmeckt der Triumph so gut, wie nach einer Niederlage.

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3 Kommentare

  1. Das saubloede an den Tiden ist wirklich, dass man da zu absolut unchristlichen Zeiten aufstehen muss! Deswegen bin ich ja auch immer so gerne in der Ostsee gesegelt.
    „Sie macht sich gut, unsere Maha Nanda, und eines zeigt sich wieder: Sie mag guten Wind und beginnt erst bei 4 Beaufort Spaß zu haben.“ – Das kenne ich. Solche Damen aus Stahl [dabei faellt mir „Steel Magnolias“ ein, auch wenn dieser Film nun mal absolut nichts mit Segeln zu tun hat] sind bei wenig Wind schon wirklich etwas behaebig. Aber wenn sie dann mal laufen, dann laufen sie auch richtig: Rockschoesse hoch und ab die Post. 😉

    Gefällt 1 Person

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