Einstein, schau obe! (Hochdeutsch: Einstein, blicke herunter!) Zeit ist relativ, der Beweis liegt auf der Hand, Entschuldigung, auf der Yacht. Heute hat Christoph den Diesel- und den Vorfilter ausgebaut. Und sonst? Irgendwie ist der Tag in rasendem Tempo vergangen und keiner weiß wie obwohl wenig geschehen ist. Aber heute war auch wieder so ein besonderer Tag, denn es herrschte hier in der Marina Bouregreg Aufbruchstimmung.

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Abreisetag: Frank und Rita fahren Richtung La Graciosa.

Wir sind noch hier geblieben, aber viele Freunde und Stegnachbarn sind heute, vor wenigen Stunden, Richtung Kanaren losgefahren. Warum so viele auf einmal? Erstens warteten alle auf ein Fünf-Tage-Wetterfenster ohne Starkwind und ohne Südwest und zweitens warteten alle auf einen Tag, an dem der Hafen nicht gesperrt ist und wie wir gelernt haben, ist das nicht so häufig der Fall, hier hat’s nämlich sehr oft über zwei Meter Welle und dann hat sich’s mit Ausklarieren.

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In der Marina Bouregreg. Es gibt so viel zu tun an Bord: Segel, Lack, Motor, Deck…

Heute hatte die Warterei für viele ein Ende, an die zehn sind heute gestartet und obwohl sich alle bereits gestern in der Office abgemeldet und auch bereits bezahlt hatten, war hier an den Stegen von zehn Uhr vormittags bis 16 Uhr Hochbetrieb, denn – Polizei, Zoll, Marine und Tankstelle – das ganze Prozedere erfordert Durchhaltevermögen und Gelassenheit. Man wird geduldig, wenn man in Marokko segelt, etwas Anderes bleibt einem auch nicht übrig. Die Leute in der Marina Rabat, Segler aus der Schweiz, aus Frankreich, Belgien, Holland, Schweden, Norwegen, sind durchwegs cool und relaxed. Ist ja auch kein Revier für Ein-Wochen-Chartertörns während der die Crew mindestens sieben Häfen und/oder Ankerbuchten zu absolvieren hat. Hier hat man Zeit. Wenn sich das Wetterfenster schließt, bleibt man eben eine Woche länger in Rabat. Man muss ja ohnehin noch Wäsche waschen (im Kübel), Taue reinigen, Deck schrubben, Roststellen spachteln, Filter tauschen… Es gibt immer was zu tun und egal was man tut, man muss mehr Zeit als gewohnt einplanen.

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Das Eingangstor zur Medina von Salé
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Die Befestigungsmauer der Altstadt von Salé

An unserem zweiten Tag in Marokko marschierten wir schnell mal in die 500 Meter entfernt gelegene Medina (Altstadt) von Salé, um eine SIM-Card für unser mobiles WiFi-Gerät zu kaufen. Hihi, schnell mal. Man schickte uns – außergewöhnlich höflich – von Geschäft zu Geschäft, schließlich gerieten wir an zwei extrem bemühte Burschen, die uns erklärten, dass wir eine marokkanische Karte kaufen müssten und erst im zweiten Schritt diese mit einem Guthaben aufladen könnten. Dazu müsste die Karte in ein Handy gesteckt und dann über einen PIN entsperrt werden, schließlich müsse man eine Telefonnummer (marokkanische Hotline) anrufen, dann würde die SIM-Karte freigeschalten und das Guthaben gültig werden.

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Welcome to Marokko: Wenn Sim-Karten-Kauf zum Erlebnis wird. 

Wow, diese marokkanischen Jungs können super englisch, denkt ihr jetzt wohl. Falsch gedacht. Die Jungs sprachen arabisch (und ein bisschen französisch) und trotzdem haben wir uns blendend verstanden. Denn unsere fließend geführte Konversation führte über einen Sprach-Translator: Wir quatschten englisch in das Handy der beiden, sie lasen und antworteten arabisch, wir lasen…

Wir amüsierten uns bestens, versichterten uns gegenseitig ins Smartphone hinein, dass wir Marokko lieben würden, dass diese Form der Unterhaltung perfekt wäre und wir uns hier absolut wohl fühlen würden. Ungefähr eine Stunde dauerte der SIM-Card-Kauf. Währenddessen bekamen wir Pistazien zum Knabbern gereicht, zeigten auf dem Smart-Phone unsere Blog (den Google ins Arabische übersetzte) und verabschiedeten uns schließlich, als wir unter Jubel und Applaus Internet-Empfang bekamen, wie gute Freunde. Christoph wurde zu guter Letzt, wie hier unter Männern üblich, umarmt und links und rechts auf die Wange geküsst, bei mir zeigte man sich – zum Glück – etwas reservierter und verabschiedete sich mit High Five. Kann mich nicht erinnern, in einem österreichischen Handyshop jemals bei einem Verkäufer solch überschäumende Freude ausgelöst zu haben…

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Die Medina von Fès, Marokko
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Der alte Esel von Fès, Marokko
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Der Souq von Fès, Marokko

Euphorisiert von so viel Herzlichkeit mieteten wir tags darauf ein Auto und besuchten Fès, neben Rabat, Meknès und Marrakesh eine der vier Königsstädte Marokkos. Ich kann nur sagen: Fès muss man gesehen haben. Über das kleine aber feine Reiseunternehmen „From Bremen to Morocco“ über das ich zufällig durch einen deutschen Segler-Blog gestolpert bin, haben wir ein Riad gebucht. Absolut genial mitten in der Medina von Fès gelegen, geführt von einer toughen, freundlichen und kompetenten Frau. Riads sind traditionelle Häuser mit Innenhof, viele von ihnen wurden zu Touristenunterkünften umgebaut. Das Riad „Dar Saida“ hat drei Stockwerke, die Räume sind über einen Gang, der rund um den Hof führt, erreichbar, Türen und Fenster führen in den Innenhof. Im Sommer sorgt diese Bauform für perfekte Kühlung, im Winter hat sie den Nachteil, dass es kühl wird… Denn Zentralheizung existiert in den traditionellen Häusern nicht, wozu auch? Frost gibt es (außer im Gebirge) keinen und die Temperaturen gehen selten mal auf 10 Grad hinunter.

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Transportmittel in allen Varianten. Fès, Marokko.
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Duft- und Farbexplosion. Fès, Marokko

Fès zeigte sich uns leider von seiner nassen Novemberseite und wir bekamen ein paar Regenschauer ab. „Kühl ist es hier, nur 17 Grad“, jammerte der frierendste aller Ehemänner am Telefon und sorgte für Unverständnis am österreichischen Ende der Leitung. „Ich gehe gerade in Wien am Gürtel entlang und es hat 4 Grad“, antwortete unser Älterer. „Wollt ihr mit mir tauschen?“ Zum Glück stellte uns unsere zuvorkommende Gastgeberin – sie hatte offenbar Mitleid mit dem leidenden Österreicher, eingehüllt in Schal und Pudelhaube – einen strombetriebenen Heizkörper ins Zimmer und alles war gut.

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Wunderschöne Tore in der Medina von Fès, Marokko.
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Das blaue Tor, Eingang zur Medina von Fès, Marokko.
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Ein Künstler zeigt uns sein Atelier in Fès.

Die meiste Zeit waren wir ohnehin nicht im Zimmer sondern zu Fuß in den verwinkelten Gassen der Altstadt, in denen sich zuverlässig jeder Tourist verirrt, unterwegs. So viel Orientierungssinn kannst du gar nicht besitzen. Einmal von der Main Street abgebogen und du findest nie wieder zurück. Willst du auch gar nicht, denn an jeder zweiten Ecke gibt es etwas zu entdecken, Fès ist ein Fest der Farben und Gerüche. Lässt sich mit Worten nicht beschreiben und auch die Bilder vermitteln nur einen kleinen Eindruck des überwältigenden Sinnenrausches.

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Frische Hühner im Souq.
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Im Babuschen-Paradies. Fès, Marokko

Faszinierend und auch erschreckend wirkten die Gerbereien auf uns, Orte an denen Menschen wie vor Hunderten Jahren in den mit Chemikalien gefüllten Becken stehen und per Hand Lederteile präparieren. Zum Teil barfuß und ohne Handschuhe. „They don’t need protection, it’s all natural colours made of Safran and Indigo.“ Ja und gegerbt wird mit Kalk, Taubenkot und Rinderurin. Wie es in den Gerbereien riecht, kann sich nur vorstellen, wer vorort war, nur so viel: Die Minzsträußchen, die Touristen in die Hände gedrückt bekommen, sind nicht dafür gedacht, sie zur Zierde ins Knopfloch zu stecken. Milliarden Felle werden hier jährlich präpariert, die Gerbereien sind UNESCO Weltkulturerbe, die Menschen stolz auf ihr traditionelles Handwerk. Stolz hin oder her, jene, die hier ihr Leben lang schuften, erledigen allerdings Sklavenarbeit. Punktum.

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In Fès‘ Gerbereien.
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Welch harter Job: in einer der Gerbereien von Fès.
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Fés‘ Gerbereien sind UNESCO Weltkulturerbe

Wer uns (vor allem die gefräßige Deckhand Ulli) kennt, weiß, dass wir auch mitten in Marokko keinen Hunger gelitten haben. Statt dessen haben wir mehrmals täglich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen gefrönt. Es begann mit traditionellem Frühstück – unterschiedliche in der Pfanne gebackene Brote, Honig, Joghurt, frische Früchte, Baguette und Croissants (französischer Einschlag), frisch gepresste Säfte – ging weiter mit Mittagssnacks mit eingelegten Oliven und Couscous, einer riesigen Auswahl an süßem Gebäck und endete mit einem ausgedehnten Abendessen. Vor allem der traditionelle Eintopf – die Tagine – hat es mir angetan. Dazu gab es literweise Minztee oder wahlweise Berbertee. Ach, geht’s uns gut hier in Marokko.

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Das Zerhoun-Gebirge in Marokkos Westen.
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Schotterpiste auf 1100 Metern Seehöhe im Zerhoun-Gebirge.
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Kakteen-Wald im Gebirge.

Auf der Heimfahrt machten wir einen Abstecher nach Moulay Idris, einer Pilgerstadt, die wir auf abenteuerlichen Straßen durch das über 1000 Meter hohe Zerhoun-Gebirge erreichten. Irgendwann war der Asphalt zu Ende und wir kurvten über Schotterpisten, vorbei an einsamen Bauernhäusern und Berbern, die auf ihren bepackten Eseln gemächlich die Straße entlang ritten. In Moulay Idris befindet sich die Grabmoschee des Staatsgründers Idris I.; in der belebten Stadt war an diesem Tag zu allem Überfluss Wochenmarkt und das Verkehrschaos, verursacht durch Autos, Kleinbusse, Lkw, Esel, Mopeds und Fußgänger, war perfekt. „Fast wie in Indien“ grinste der coolste Ehemann von allem, als er souverän unsere geliehene Klapperkiste, einen Ford irgendwas, Baujahr 1990 mit ratterndem Radlager und defekter Kupplung, durch die Menschenmassen steuerte.

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Verkehrschaos in Moulay Idris, Marokko
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Pilgerstadt Moulay Idris, Marokko

Schließlich besuchten wir noch Meknès in dessen Souq wir uns erneut verirrten. Und wieder kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Im Berber-Souq fand gerade eine Teppich-Auktion statt. Während zahnlose, Kette rauchende Verkäufer schreiend mit Teppichrollen über den Schultern auf- und abliefen, schrieen die Käufer respektive Käuferinnen nicht weniger laut und wedelten dabei mit Geldscheinen. Leider sind meine Arabischkenntnisse etwas dürftig, um ehrlich zu sein reichen sie über „marhaba – herzlich willkommen“, „shukran – danke“ und „bismillah – guten Appetit“ nicht hinaus. Was im Souq geschrieen wurde, weiß ich bis heute nicht.

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Alles was das Herz begehrt (und auch nicht) im Souq von Meknès, Marokko

 

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