Als das Tor zum Rhein nur für uns geöffnet wurde

Zehn Uhr abends, unsere kleine Maha Nanda nähert sich der großen Schleuse von Stellendam. Während wir davor festmachen und Christoph Anstalten macht, den Schleusenwärter anzufunken, schaltet die Ampel schon auf Grün-Rot. Man hat uns gesehen und lässt uns passieren. Was dann geschieht, ist angesichts unsere Bedeutungslosigkeit (für die holländische Infrastruktur meine ich) faszinierend. Nur weil zwei Österreicher mit ihrer Segelyacht samstagabends vor dem großen Tor auf Einlass warten, öffnet sich ein riesiges 15 Meter breites Schleusentor, nach einer Weile klingelt es, auf der Autobahnbrücke hinter dem Tor gehen Schranken runter, dann öffnet sich die Klappbrücke, schließlich gehen die Schleusentore hinter der Brücke auf, die Ampel schaltet auf Grün, wir fahren in die 100 Meter lange Schleuse, wo wir festmachen. Dann schließen sich beide Tore und die Brücke, die Autos fahren wieder, wir warten – Maha Nanda ist das einzige Boot in der Schleusenkammer. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet sich das Schleusentor direkt vor uns, jetzt gehen die Schranken auf der zweiten Brücke runter, wieder müssen die Autofahrer warten, während sich die Brücke öffnet, dann gehen die Tore hinter der Brücke auf und wir dürfen aus der Schleuse rausfahren, hinein in die Marina Stellendam.

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Das Tor zum Rhein: Goedereeder Schleuse bei Stellendam, nahe Rotterdam

Also ich bitte euch: vier Tore und zwei große Brücken, auf denen der Verkehr gestoppt wird – und das alles für Maha Nanda mit Captain und Crew? Welch ein Mega-Aufwand! Unzählige Klappbrücken und Schleusen gibt’s in den Niederlanden und sie alle funktionieren mehr oder weniger nach diesem System. Das nenn’ ich mal benutzerfreundlich!

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Fischerhafen am Haringvliet, dem Hauptarm des Rhein an der Mündung in die Nordsee

Stellendam befindet sich südlich von Rotterdam genau an der Mündung des Rhein; durch ein Sperrwerk, das wir von unserem Liegeplatz aus sehen können, werden Tidenhub und Sturmfluten in Schach gehalten.

Die vergangene Tage sind wir von IJmuiden die Küste entlang nach Scheveningen (bei Den Haag) und dann vorbei an Monster – ja den Ort gibt’s wirklich – und die Hoek von Holland, wo die Schwerverkehr-Transitroute der Schifffahrt vorbeiführt, bis in die kleine Marina Stellendam gefahren.

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Schiffsverkehr vor Rotterdam, Hoek von Holland

Vor Rotterdam sieht man schon am Horizont die Kolonne von Containerschiffen, die sich vom und zum größten Hafen Europas bewegt. Das Verkehrstrennungsgebiet sollte man als Segler ja auf möglichst kurzer Strecke, also quer, und zügig passieren, um die Berufschifffahrt nicht zu beeinträchtigen, aber was heißt schon zügig? Ausgerechnet als wir das Verkehrstrennungsgebiet erreicht hatten, setzten Wind UND dazu noch Strom gegenan ein, wir mussten die Segel bergen und krochen unter Motor auf die Hoek von Holland zu. Zwei Stunden lang schien sie keine Meile näherzukommen, stattdessen rückten uns die dicken Dampfer immer näher auf die Stahlpelle. Zu guter Letzt entstand durch Wind, Strom, Dünung und Schifffahrt  eine derart unangenehme Kreuzsee, dass Maha Nanda auf und ab und hin und her wackelte wie im Tagada im Wiener Prater, wenn ihr das Ding, das euch in alle Richtungen schüttelt, kennt.

Die Nordseeküste von Südholland ist übrigens ziemlich unspektakulär. Schnurgerade Sandstrände, viel Industrie. Optisch gibt die Rheinmündung also wenig her, aber der Gedanke, genau am Ende dieses Stromes, dort wo er die Nordsee erreicht, mit Klein-Maha Nanda zu liegen, hat schon was Beeindruckendes. Haringvliet heißt dieser große Hauptarm des Rheins, einer von vielen Armen, Kanälen und Wasserläufen des Mündungsdeltas, in das genau genommen auch noch Maas, Schelde, Waal und Merwede fließen.

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Die Nordsee bei Sonnenuntergang

Also wie ist sie nun so im Auge des österreichischen Betrachters, die Nordsee? Aus unserer bescheidenen Erfahrung von drei Tagen können wir nur sagen: wandlungsfähig. Für unsere Premiere zeigte sie sich von ihrer besten Seite: strahlend blauer Himmel, Windstärke 4 aus der RICHTIGEN Richtung, ziemlich viel Dünung aber wenig Welle. Weitere Nordsee-Gesichter: spiegelglatt bei Flaute, Regen, Kreuzsee und Sturm – der war gestern, wir blieben im Hafen.

Zwei Seefahrernationen

Konstant ist die Nordsee, was ihre Temperaturen betrifft, denn mehr als 16 Grad hatten wir noch nicht,  was zeitgenössische holländische Seefahrer allerdings nicht davon abhält, mit T-Shirt und Jeans an uns, die wir frierend mit Pulli und Mütze im Cockpit sitzen, vorbeizusegeln. Ich habe allerdings folgende Theorie entwickelt: Die T-Shirt-Masche ist reine Angeberei, um sich vor den anderen Yachties keine Blöße zu geben. Kaum aus dem Hafenbecken draußen und außer Sichtweite von kritisch-wertenden Zuschauerblicken, lautet das erste Kommando des Skippers nicht etwa: „Setzt das Groß!“, sondern „Zieht euch an!“.

Es könnte aber auch sein, dass die holländischen Seefahrer aus anderem Holz geschnitzt sind, als die österreichischen, aber diesen Gedanken löschen wir sofort wieder von unserer Festplatte.

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Captains Anlgerbier in Scheveningen, Nordsee
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Deckhands Anlgerbier in Scheveningen, Nordsee
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3 Kommentare

  1. Neugierige Frage: welcher Grossegler liegt da auf derm ersten Bild an der Kaje?
    Bei Scheveningen faellt mir doch schon wieder eine „Story aus meinem frueheren Leben (als Segler)“ ein. Mein erster Toern als Skipper [ich hatte einen 10,5 Meter Stahlknickspanter in Stavoren gechartert, fuer einen Toern nach England] fuehrte – anders geht es ja kaum – auch an Scheveningen vorbei.
    Es war ein schoener Segeltag, mit so etwa 3 bis 4 Windstaerken, aus passender Richtung. Wir waren ein paar Seemeilen von der Kueste entfernt, und etwas an Stavoren vorbei, als wir – ein bisschen Ruder-Korrektur ist ja immer wieder noetig – etwas anluven mussten. Sollte ja eigentlich kein Problem sein, und war es auch nicht. Jedenfalls nicht das Anluven. Aber als wir das Ruder wieder zurueck legen wollten, da ging das nicht. Es blieb wie festgenagelt auf leichter Steuerbordlage. Also ging unser Boot brav durch den Wind, fiel weiter ab, machte eine – bei dem Wind ungefaehrliche – Halse, luvte wieder an, ging durch den Wind, fiel ab, usw. usw. Da kam ein Gefuehl auf vom „Fliegenden Hollaender“ auf, verdammt dazu, vor Scheveningen im Kreise herumzuschippern – auf alle Ewigkeit.
    Wir wollten dann mal die Maschine zuhilfe nehmen, um zu sehen, was das bringen wuerde. Logisch war es ja nicht, denn wir waeren dann eben unter Maschine im Kreise geschippert, aber daran haben wir nicht gedacht. Nun ja, als wir den Motor angelassen hatten und die Schraube eingekuppelt haben, gab’s einen kleinen Ruck, und der Motor stand. Der naechste Versuch brachte dasselbe Ergebnis, und uns wurde die Ursache klar: der beruehmt-beruechtigte Tampen in der Schraube, der sich zu allem Ueberfluss auch noch so am Ruder verfangen haben musste, dass dieses blockert war. Hier schon mal vorab: es war – grosses Seglerehrenwort – nicht unser Tampen!
    Damit wir nicht staendig Kreise fuhren und in Ruhe nachdenken konnten, haben wir erst mal geankert. Und versucht, ob wir vom Beiboot aus mit dem Bootshaken etwas ausrichten konnten. Ging aber nicht. Wir konnten nur hach Gefuehl arbeiten, und bei dem Auf-und-Ab im Seegang kamen wir nicht an das Hindernis. Unters Boot tauchen kam auch nicht infrage. So wie das Heck auf die Wellen knallte haette es den Schwimmer/Taucher erschlagen.
    Dann haben wir erst einmal probiert, per UKW-Telefon ueber Scheveningen-Radio den Eigner oder den Vercharterer anzurufen, aber beide waren unerreichbar. Ich war schon drauf und dran, Schlepperhilfe zu erbitten, als dann ploetzlich die Meldung kam, dass das Ruder sich wieder legen liess. Muss am Seegang und – vor Allem wohl – an unseren Bemuehungen im Maschinenraum [Schraubenwelle von Hand die paar Zentimeter, die sie sich bewegen liess – vor und zurueck drehen] gelegen haben. Auch die Schraube liess sich wieder einkuppeln, lief allerdings ziemlich deutlich unrund und entwickelte nicht den normalen Druck. Es war also mit Sicherheit etwas drum/drin.
    Dann kam das Anker-auf-Manoever. Eigentlich kein so riesiges Problem, aber in dem Schwell. der mittlerweile herrschte, doch nicht ganz so einfach. Ein bisschen konnte ich den Leuten auf dem Vorschiff ja mit der Maschine helfen, aber dann war Schluss: ich kam einfach nicht nahe genug ran. Und per Ankerwinsch ging es auch nicht besser. Also haben die Zwei auf dem Vorschiff versucht, den Seegang zuhilfe zu nehmen: wenn der Bug (fast) eintauchte, die Kette ein paar Toerns um die Winsch gelegt und festgehalten, sodass bei der folgenden Aufwaertsbewegung das Boot ein Stueck vorwaerts gezogen wurde. Und das Ganze immer wieder. Trotzdem wollte der Anker einfach nicht loskommen. Selbst dann nicht, als die Kette fast senkrecht stand. Und dann tat sich ploetzlich ein Ruck, und die Kette kam ganz leicht hoch – aber ohne Anker!
    Wir haben spaeter in der Seekarte nachgesehen, aber keinen Hinweis entdecken koenne, dass es dort irgendwelche Ankerprobleme geben koennte. Es war guter sandiger Ankergrund. Allerdings war auch – ungefaehr dort – ein Rest einer alten Pipeline verzeichnet. Aber keine Warnung.
    Wie dem auch sei: wir sind dann nach Scheveningen eingelaufen, wo ich das Boot an der Kaimauer trockenfallen lassen [die haben einen speziellen Platz dafuer] und dann „zu Fuss“ das Hindernis entfernen wollte. Aber wir hatten einen Mitsegler, der es eiliger hatte und doch tatsaechlich, nur mit der Badehose bekleidet und mit einem Messer aus der Pantry in der Hand, in dem kalten und dreckigen Hafenwasser unters Boot getaucht ist und es geschafft hat, den Tampen loszukriegen. Das war, wie sich dann herausstellte, ein wuester „Knueddel“ aus den verswchiedensten Stuecken bunten Kunststofftauwerks. Haben wir es uebrigens als Andenken und als Beweis bis zur Rueckgabe des Schiffes an Bord behalten.
    Der Rest ist schnell erzaehlt: wird sind in die Stadt, zu einem Schiffsausruester, und haben eine neuen Anker gekauft, denn mit nur noch einem wollten wir nicht auf den weiteren Toern gehen. Wie schnell man einen Anker loswerden kann, das hatten wir ja nun gesehen. Und am naechsten Morgen ging der Toern dann weiter.
    Nach der Rueckkehr war der Eigner dann natuerlich zunaechst der Meinung, Tampen in der Schraube sei unsere Schuld gewesen. Was ich ihm auch nicht veruebeln kann, denn normalerweise ist das ja so. Aber als wir ihm den „Knueddel“ gezeigt haben, war er doch anderer Meinung. Er war allerdings – auch wieder zunaecht – sauer, dass wir ihn nicht gefragt hatten, ob/wo wir einen Anker kaufen sollten. Der, den wir gekauft hatten, war naemlich – das muss ich zugeben – eigentlich fuer das Boot zu klein, aber wir hatten nicht so viel Geld ausgeben wollen. Wir haben ihm dann gesagt, dass wir ja probiert hatten, ihn bzw. den Vercharterer zu erreichen, und es stellte sich heraus, dass sich da Einer auf den Anderen erlassen hatte und dass beide – ohne sich abzusprechen – auf Urlaub gefahren waren. Das hat die Sache dann endgueltig zu unserer Zufriedenheit geklaert, denn wir haben das Geld fuer den Anker erstattet bekommen.

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      1. Danke fuer’s Lob! 🙂 Aber ein „Schrecken“szenario war es eigentlich weniger. Irgendwelche Angst ist da nie aufgekommen. Es war ja einerseits verhaeltnismaessig ruhige See, und andererseits haetten wir ja per UKW-Telefon immer relativ schnell Hilfe holen koennen. Aber spannend war es shon, insbesondere auf meinem ersten Toern als Skipper.

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