Die größte Schleuse der Welt

Gestrandet in Amsterdam. Zugegeben, es gibt schlimmere Orte, an denen man festhängen kann – also auf keinen Fall werde ich hier jammern, da würde sich wohl der eine oder andere täglich nach dem Weckerläuten ins triste Büro Fahrende ein bissl gepflanzt (Hochdeutsch: veräppelt) vorkommen. Nein, Amsterdam ist super, aber froh sind wir doch, doch noch in IJmuiden gelandet zu sein. Tatsächlich schwimmt Maha Nandas Bauch endlich in Salzwasser! Ich glaube, sie hat schon sehnlich auf diesen Moment gewartet und wir natürlich auch. Nordsee, hier kommen wir!

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Dancing on the beach… of Ijmuiden, Nordsee
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Dancing on the beach II… IJmuiden, Nordsee

Hat halt ein bissl länger gedauert als geplant und damit haben wir die nächste Lektion unserer Reise in „nix allzu strikt planen, Dinge auf uns zukommen lassen“ gelernt. Der Plan war: Schnell mal online elektronische Navionics Seekarten für den Plotter bestellen, die Firma – nur eine halbe Autostunde (aber wir sind ja Auto-los) von unserer Marina Twellegea entfernt – liefert binnen 24 Stunden, also können wir am nächsten Tag auch schon los. Wind- und Wettervorhersage sind optimal, kehren wir Amsterdam das Heck! Die Realität lautet: Es wird Zeit, das mit dem „schnell mal“ zu vergessen, das hat nämlich seit wir an Bord von Maha Nanda sind, also seit mehreren Wochen, noch nie geklappt.

Unkompliziert und ein bissl schräg

Plan B trat in Gestalt unseren schrulligen aber unglaublich zuvorkommenden Hafen-Chefs auf uns zu. „Ihr wollt zu Dekker Watersport? Kein Problem, fahrt doch mit meinem Auto.“ Naja, das war uns ein bissl zu viel Vertrauen. Der wusste ja nicht mal, ob wir einen Führerschein besitzen… „Oder ich bringe euch hin, ich muss morgen vormittag ohnehin ein paar Dinge besorgen.“ Also nahm Christoph heute Vormittag am Beifahrersitz Platz, während der Hafen-Chef lenkte, telefonierte, rauchte und quatschte. Rote Ampeln? Unwichtig! Andere Verkehrsteilnehmer? Nicht sein Problem. Nebenbei erfuhr Christoph, dass der Mann bereits mit einer Marketingagentur pleite gegangen war und später begonnen hatte den Hafen Twellegea und weitere vier Häfen zu betreiben, sowie Insidertipps, wo die schönsten Frauen zuhause sind, denn der 78-Jährige ist im Winter gern auf Reisen.

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Im Nordseekanal, vorbei an Amsterdams Zentralbahnhof.

Zu Mittag kehrte der Captain von der erfolgreichen Einkaufstour zurück, startete den Plotter – unglaublicherweise ohne Komplikationen, wer rechnet damit? – und wir legten, endlich im digitalen Navigationszeitalter angekommen, ab. Kurs IJmuiden.

Ihr müsst nämlich wissen, dass wir bis heute ganz nach alter Schule nur mit Papierkarten unterwegs waren, was ja an und für sich kein Problem ist, denn ehrlich, wer sich am IJsselmeer verirrt, muss schon ziemlich neben sich stehen. Schließlich siehst du von einem Ufer zum anderen und in vielen Bereichen musst du dich ohnehin an den Tonnen orientieren. Wobei das mit den Tonnen echt tricky sein kann. Von Edam nach Amsterdam beziehungsweise zur Ostmündung des Nordseekanals fährst du permanent entlang des Tonnenstrichs; auf der Karte und an den Tonnen selbst steht die jeweilige Kennzeichnung, nach M15 folgt M16 folgt M17… Warum danach nicht M18, wie auf der Karte eingezeichnet, sondern P3 auftauchte, war uns dann einigermaßen schleierhaft. Der Captain verschwand die Stiegen runter zum Kartentisch und kontrollierte, ob der erste Maat eventuell Unsinn gesprochen hatte – hatte er natürlich nicht, trat mit Fernglas bewaffnet wieder an Deck, machte zwei Peilungen, zeichnete unsere Position ein und grübelte… Laut Karte hätten wir nach M17 schnurstracks unseren bis dato Richtung Südwesten führenden Kurs auf 90 Grad exakt Richtung Osten geändert, wo zwei Seemeilen entfernt P3 eingezeichnet war. Hatten wir aber nicht, das wäre uns aufgefallen. Des Rätsels Lösung: Die Karte ist aus dem Vorjahr und die Tonnen wurden heuer neu gesetzt. Es geht doch nichts über aktuelles Kartenmaterial. Jedoch trotz kurzer Verwirrung blieben wir unserem Kurs treu und trafen exakt und wie berechnet mit Maha Nandas Bug in den Nordseekanal. So schwer war’s nicht.

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Nordseekanal, Niederlanden

Jetzt aber sind wir mit Plotter unterwegs und so ein Backup gibt schon Sicherheit. Wir haben echt nicht viel Elektronik an Bord, aber nur mit Papierkarte und Sextant navigieren? Muss nicht sein. Nach IJmuiden hätten wir allerdings auch ohne Elektronik gefunden, denn ähnlich wie am IJsselmeer kann man sich auch im Nordseekanal schwer verirren. Einfach den Tonnen Richtung Westen nach und dann taucht irgendwann die Schleuse von IJmuiden auf. Eigentlich sind’s ja vier Schleusen und eine fünfte wird gerade gebaut. Denn die Mega-Kreuzfahrt-Giganten passen durch die ehemals größte Schleuse der Welt nicht durch. Tatsächlich, als das Bauwerk 1930 fertiggestellt wurde, war es weltweit das größte. Heute fahren die Kreuzfahrtschiffe durch Antwerpens Schleuse, die derzeit weltgrößte. 2022 soll die fünfte IJmuider Schleuse eröffnet werden und wird damit wieder Rekordhalter sein, denn Amsterdams Hafengruppe will sich die Devisen durch den Kreuzfahrt-Tourismus natürlich nicht entgehen lassen.

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Ijmuiden: Hier entsteht die weltgrößte Schleuse.
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Voraus liegt die Südschleuse, die kleinste der vier IJmuidener Schleusen.

Was innovative und visionäre Wasserbauten betrifft, können wenige Länder den Niederlanden das Wasser reichen. Man denke an den Abschlussdeich ganz im Norden, der einen Teil der Nordsee – also des Meeres – in einen riesigen Süßwassersee verwandelte. Oder die Windmühlen, die man schon im Mittelalter zur Entwässerung eingesetzt hatte. Beeindruckend sind auch die Naviducte – Wasserstraßen unter denen die Autos durchfahren. Wir sind in Enkhuizen mit Maha Nanda über eines gefahren, das man vor relativ kurzer Zeit nur für die Sportschiffahrt gebaut hatte, weil die große Schleuse für die Berufsschiffahrt durch die vielen Segelboote überlastet war.

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Großartiger Moment: das Schleusentor von IJmuiden öffnet sich und vor uns liegt die Nordsee

Für Technikfreaks: IJmuidens neue Schleuse wird 500 Meter lang, 70 Meter breit, 18 Meter tief und damit 100 Meter länger, 20 Meter breiter und drei Meter tiefer als die Nordschleuse, derzeit IJmuidens größte der vier alten Schleusen. Das riesige Bauwerk ist Devisenbringer für Amsterdams Hafengruppe: Mit einem Warenumschlag von 95 Millionen Tonnen im Jahr 2015 liegt Amsterdam auf der Liste der größten europäischen Häfen hinter Rotterdam, Antwerpen und Hamburg auf Rang vier. Das Projekt wird übrigens mit 880 Millionen Euro veranschlagt. Wasserbau auf höchstem Level.

3 Kommentare

  1. Amsterdam nach Ijmuiden und dann raus auf die Nordsee: da werden Erinnerungen wach an meinen ersten Seetoern auf einem „Dickschiff“ [als Mitsegler]. Wo genau in Antwerpen es an Bord ging, am spaeten Abend, das weiss ich nicht mehr. Ans Ablegen erinnere ich mich aber noch sehr gut. Der Skipper war so betrunken, dass wir immer mit zwei Mann neben ihm gestanden haben und aufgepasst haben, dass er nicht ueber Bord ging. Aber auf den Zentimeter manoevrieren konnte er den 17-Meter Kahn auch in diesem Zustand!
    Dann ging’s eben durch den Nordsee-Kanal nach Ijmuiden, wo wir die Nacht vor der Schleuse wartend verbracht haben. Am Schlaf war dabei kaum zu denken. Mein Freund und ich schliefen so gut wie unter dem Deckshaus, wo oben das UKW-Radio/Funktelefon auf volle Lautstaerke gestellt war, denn der Skipper hatte Freunde von der Hafenbehoerde in der Achterkabine zu Gast, und die mussten ja schliesslich in Hoerbereitschaft sein. Was das gesamte Schiff dann ebenso war. 😉
    Am naechsten Morgen hat mein Freund Dietmar Fruekstueck gemacht: Spiegeleier mit Speck. Diese Eier schwammen geradezu in einem Meer von Fett – was sich spaeter,nach dem Auslaufen, als gar nicht so gut erweisen sollte.
    Als wir ausgelaufen sind [es sollte in Richtung England gehen – Dover, glaube ich], blies es uns mit 6 bis 7 voll und direkt auf die Nase. Ergebnis: Kreuzkurz = Kotzkurs [wenn ich das mal so deutlich formulieren darf]. Weiteres Ergebnis: nach gut einer Stunden war die Haelfte der Besatzung so seekrank und dienstunfaehig, dass der Skipper meinte, er koenne es nicht riskieren, weiter zu segeln. So sind wir wieder zurueck nach Ijmuiden, haben da den Tag und die naechste Nacht gewartet, und sind dann am naechsten Tag nach Ostende.
    Was mir [ich war auch seekrank] noch weiter in Erinnerung ist: ich war nicht elend drauf, wie andere Mitsegler, sondern musste nur ab und zu [drei Mal insgesamt] an die Reling, um Neptun zu opfern, und konnte sofort danach wieder mit Appetit essen. Man muss ja schliesslich Nachschub haben. 😉 Mein erstes Essen an Bord war uebrigens eine cremige Huehnchensuppe, mit einem Stueckchen Brot. Es hat doch tatsaechl;ich einen Mitsegler gegeben, der sich bei diesen Bedingungen unter Deck an den Herd gestellt hat! Mir hat die Suppe auch gut geschmeckt. Nur der letzte Schluck hatte schon „Gegenverkehr“. 😉 Aber wie heisst es doch so schoen? „Ein gutes Seemannsessen schmeckt rauf wie runter.“ 😉 Aber trotz Allem: mir hat sogar dieser Tag Spass gemacht.
    Der naechste Tag war dan ruhiger, und ich war nur noch ein Mal an der Reling. Und was ich auch gelernt habe: solange ich nur schnell genug aus dem Cockpit runter in meine Koje in die Horizontale kam, war es kein Problem mit der Seekrankheit. Flach liegend ging es mir gut.
    Zum Glueck war dieser Toern der einzige, auf dem ich seekrank geworden bin. Spaeter nie wieder, egal wie die Bedingungen waren. Selbst als ich einmal einem Mittsegler die „K-Tuete“ vor den Mund halten musste.
    Ach ja, Seemnannsleben! Seufz!
    Euch allzeit gute Fahr,
    Pit

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