Ende des Traums und neue Pläne: Maha Nandas Wege im Jahr 2020

Die Geschichte des italienischen „Entmasters“ ist hier in Puerto Calero derzeit in aller Munde. Hafenklatsch ist besser als Dorfklatsch. Meine Heimatgemeinde hat etwas über 1000 Einwohner, was bedeutet, dass Tratsch zum Alltag gehört wie Zähneputzen und Morgentoilette. Dennoch schreibt das Hafenleben die besten Geschichten, denn hier ist ein ständiges Kommen und Gehen und Skipper aus aller Welt performen hier at its best.

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Puerto Calero als Wimmelbild: Wo ist Maha Nanda?

Manches Mal geht das Performing gründlich schief und nichts ist in den Marinas willkommener als großes Hafenkino, wobei wir immer wieder froh sind, wenn Maha Nanda und ihre Crew nicht die Hauptdarsteller des Blockbusters sind. Vor einigen Tagen gab’s hier einen italienischen Film mit internationalen Nebendarstellern, einen davon, einen Yachtbesitzer aus Zürich, habe ich kennengelernt. Ein Italiener hatte mit seinem Motorboot aus Puerto Calero auslaufen wollen, hatte dabei am Ende seines Stegs eine Segelyacht gerammt – und zwar mit solcher Wucht, dass der Mast brach. Kein Segler mag sich vorstellen, wie sich dieser Moment, in dem der Mast krachend stürzt, anfühlt und wie man als Skipper reagieren würde. Der Italiener reagierte jedenfalls erstmal gar nicht sondern gab Gas und steuerte weiter Richtung Hafenausfahrt, wobei er zwei weitere Boote demolierte. Schließlich rammte er mit dem Bug noch einen Steg, dieser schob sich unter den Katamaran des oben genannten Schweizers und beschädigte das Unterwasserschiff.

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Frühlingsstimmung auf Lanzarote

Zum Glück erreichten in diesem Moment die in höchster Alarmstufe über den Steg preschenden Marineros das steckengebliebene Motorboot, stoppten den zitternden und unter Schock stehenden Skipper, machten sein Boot längsseits an der Kaimauer fest und verboten ihm rigoros, auch nur einen Meter weiterzufahren. Und die Moral von der Geschicht: Dein Boot ist niemals hundertprozentig geschützt, daher vergiss die Versicherung nicht!

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Jawoll, ich war schwimmen!
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Frank und Christoph bleiben bekleidet und essen lieber Eis am Strand.

Trotz aller Horrorstorys – denn einmal befeuert, kennt jeder Segler eine weitere Geschichte von zerstörten Yachten, von schiefgelaufenen Anlegemanövern und Tornados im Hafenbecken – fühlen wir uns hier in Puerto Calero so sicher wie schon lange nicht mehr. Wie seit der Algarve nicht mehr. Denn rückblickend gesehen haben uns die fast sechs Wochen Marokko eines gelehrt: dieses Segelrevier ist anspruchsvoll. Oder, wie es der Schweizer Segler, der auf der Überfahrt von Rabat nach Lanzarote tagelang mit sechs Meter Welle und 40 Knoten Wind seinen fragwürdigen Spaß hatte, formulierte: „Einmal und nie wieder.“

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Auf zur Silvesterparty!

Während Maha Nanda also friedlich und sanft im Hafenbecken schaukelt, sind wir mit Reparaturarbeiten beschäftigt – allein in einer einzigen unruhigen Nacht in Essaouira waren uns drei Festmacher-Leinen gerissen und eine Klampe abgebrochen – und lassen uns Zeit damit. Denn wir haben plötzlich alle Zeit der Welt, genauer gesagt noch vier Monate, in denen wir erstmals, seit wir gestartet sind, nicht mehr das Gefühl haben, weiterzumüssen. „Wie kann das sein, ihr wollt doch weiter!“, werden jetzt wohl einige von euch rufen, aber leider müssen wir widersprechen, denn wir haben unseren ursprünglichen Plan endgültig aufgegeben. Lange Zeit, als wir noch in Portimao an der Algarve mit defektem Motor festsaßen, selbst als wir mit sieben Wochen Verspätung doch noch die marokkanische Küste erreicht hatten, rechneten wir insgeheim noch nach, ob die Karibik für uns erreichbar wäre. Und ja, theoretische wäre sie es immer noch, denn würden wir Maha Nanda in den nächsten Tagen fit für die Überfahrt machen, könnten wir Mitte Jänner los und wären vier Wochen später auf Barbados. Aber dann? Wäre es Mitte Februar und wir müssten spätestens Ende März überlegen, wie es weitergehen sollte. Vier Woche Überfahrt und sechs Wochen Karibik? Was für ein Stress!

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Zu Silvester werfen wir uns in Schale
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Der Captain einmal nicht in Arbeitsklamotten. Was für ein Anblick!

Stress hatten wir definitiv genug in den vergangenen acht Monaten, denn entspannte Segeltage erlebten wir selten, abenteuerliche Schläge dagegen mehr als genug. Die Wahrheit ist: Die vielen unfreiwilligen Aufenthalte wegen Reparaturarbeiten – vor allem die wochenlange Warterei in Portimao – haben uns zeitlich zu weit zurückgeworfen, um unsere geplante Route entspannt in die Tat umzusetzen. Viel zu lange haben wir versucht, dem nahenden europäischen Spätherbst und Winter ein Schnippchen zu schlagen und wärmere Gefilde zu erreichen, viel zu oft mussten wir geduldig auf die ab Herbst immer knapper werdenden Zeitfenster zwischen den atlantischen Tiefdruckgebieten warten, um voranzukommen, um wieder ein paar Meilen Richtung Südwesten zu machen. Letztendlich ergeht es uns wie dem Großteil aller Langfahrtsegler: Wir werfen unsere Pläne über den Haufen. Es ist die Summe vieler Umstände, die zu unsere Entscheidung führte, aber reduziert auf das Wesentliche ist die Schuldige, die Auslöserin aller Widrigkeiten, rasch gefunden: Die Dieselpumpe war der Anfang vom Ende unserer Karibik-Träume.

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Guten Morgen Lanzarote: Blick vom Cockpit aus um 10 Uhr morgens.

Während ich in Maha Nandas Cockpit sitze und schreibe, blicke ich über den Hafen, sehe die südlichen Vulkankegel von Lanzarote und darüber strahlend blauen Himmel und weiß in diesem Moment: Es gibt Schlimmeres, als in Shorts und T-Shirt in der Sonne zu sitzen, den fleißigsten aller Captains beim Reparieren der Schäden zu beobachten und Kaffee zu trinken. Zum Beispiel bei minus 2 Grad Außentemperatur im Büro zu sitzen und durch den Nebel über die grauen Dächer von Gänserndorf zu blicken.

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Dieser Captain ist wirklich fleißig.
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Nur vier Schrauben: die Klampe ist Christophs heutiges Tagwerk. Wie immer ist der Einbau nicht so einfach wie gedacht…

Wir blicken also frohen Mutes voraus, wollen nun in den nächsten Wochen möglichst viel von möglichst vielen der sieben kanarischen Inseln entdecken und einfach mal das Leben an Bord genießen. An oberster Stelle steht für uns das Ankern, denn das vermissen wir wahrlich schon seit Langem. Weder an Portugals rauer Westküste noch an der Algarve (mit Motorschaden) noch in Marokko hatten wir dazu Gelegenheit und das soll sich hier auf den Kanaren endlich ändern, zumal das Ankern für uns auch zur finanziellen Überlebensfrage wird, denn ehrlich gesagt haben die vielen Reparaturen sowie die zahlreichen unfreiwilligen Aufenthalte in diversen Häfen für ziemliche Ebbe in unserer Bordkasse gesorgt. Eisern Sparen ist daher die Devise und die Herausforderung der nächsten vier Monate lautet: Wie weit kann man seine Ansprüche auf das Minimum reduzieren und dabei das Leben genießen? Wir nehmen die Herausforderung an, es bleibt spannend.

12 Kommentare

  1. Hallo Ihr Lieben,
    gefragt hatte ich mich schon eine lange Zeit, wie es bei Euch weitergehen wuerde. Und nun weiss ich es. Schade, dass Ihr Euren Traum nicht ganz wahrmachen konntet. Aber nach Euren Berichten zu schliessen, habt Ihr das Beste daraus gemacht.
    Da Ihr nun wohl eine Menge Zeit auf den und um die Kanaren verbringen werdet, wollte ich Euch auf eine deutsche Bloggerin dort aufmerksam machen. Auf ihrem Blog „Siebeninseln“ [https://siebeninseln.de/] publiziert Dagmar [urspruenglich aus Bonn] Wandertouren auf den Kanaren, die sie selbe gemacht hat, mit ausfuehrlichen Informationen wie Wegbeschreibung und Karten. Schaut doch mal rein in ihr Blog. Ich denke, es lohnt sich. Und solltet Ihr sie einmal treffen, dann gruesst sie bitte von mir.
    Soweit jetzt nur kurz. Anekdoten ueber Hafenkino werden folgen. Da habe ich so einige!
    Bis denne, und macht’s gut,
    Pit

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      1. Gern geschehen!
        Und jetzt einmal zum unterhaltsamen Teil des Abends: sei langer Zeit wieder einmal eine Segleranekdote, hier zum Thema „Hafenkino“. Es wird Euch ueberaschen, aber durch „Hafenkino“ habe ich Segeln gelernt – zu einem grossen Teil jedenfalls. Aber nicht, ohne zuvor selber „Hafenkino“ angeboten zu haben. Damals, ich glaube es war zu Pfingsten 1972, hatte ich keinen Segelschein und auch keine Segelkenntnisse, ausser dem, was ich mir so angelesen hatte. Freunde haben mich mit nach Holland genommen – da brauchte man ja keinen Segelschein – und dort haben wir auf den Loosdrechtse Plaassen [nahe bei Utrecht] BM-Jollen gemietet. Das sind sehr gutmuetige, etwas ueber 6 Meter lange, gaffelgetakelte Jollen mit Ballastkiel. Am ersten Tag haben meine Freunde – die segeln konnten – mich mitgenommen, und am zweiten Tag meinten ich und ein anderer Freund, auch ohne jede Segelerfahrung, dass wir es schon koennten. Das Wort „Selbstueberschaetzung“ gehoerte damals nicht zu unserem Wortschatz. Also wir zwei ins Boot. Und dass alle anderen die Segel setzten, waehrend das Boot mit der Nase im Wind am Steg festgemacht war, das brauchte uns ja nicht zu kuemmern. Wir konnten das natuerlich, waehrend das Boot schon auf dem Wasser trieb! Nur: als wir das Grosssegel setzen wollten, ging es trotz allen Zerrens am Fall nur bis auf halbe Hoehe, und wir trieben langsam aber sicher auf’s Wasser hinaus. Ein Blick nach oben zeigte uns dann die Ursache: die Schot war ueber der Gaffel. Also runter mit den Pluennen, Schot klariert, und wieder von Neuem „Hoch den Lappen“. Und wieder wollte das Segel nicht ganz hoch. Darauf, dass sich das Ende des Baums unter der Traverse, auf der der Block fuer die Grossschot lief, verhakt hatte, sind wir erst gekommen, als das Boot mit sanftem Bums an die Spundwand auf der anderen Seite des Bootshafens stiess. Die Angler auf dem Kai da hatten schon vorsichtshalber ihre Angelleinen eingezogen und betrachteten uns mit ziemlich missbilligenden Mienen. Von da wegzukommen – der Wind [zum Glueck nur eine ganz leichte Brise] wehte dort dann ja auflandig – war natuerlich unter Segeln unmoeglich, und so mussten wir zum „Holzwind“, sprich zu den an Bord befindlichen Paddeln greifen und mit hochrotem Gesicht und roten Ohren zum Steg zurueckpaddeln, zu den gehaessig grinsenden anderen Freunden.
        Das war der Zeitpunkt, zu dem ich mir geschworen habe, das Segeln richtig und von Grund auf zu lernen!
        Mehr ueber „Hafenkino“ spaeter.
        Liebe Gruesse,
        Pit

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      1. Ich finde es großartig, dass ihr eure Blicke stets auf das Schöne richtet, und davon gibt es wahrlich genug 🙂
        Noch eine entspannte Segelzeit! Liebe Grüße aus dem Weinviertel.

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  2. Eure Entscheidung ist goldrichtig. Viele schlimme Seeunfälle entstanden, weil der Skipper unter Zeitdruck war und bei schlechten Wetter oder Equipment los segelte. Ich empfehle Euch Lanzarote, denn die Kunstwerke von Cesar Manrique sind einzigartig. Oder ankert mal tagsüber vor Los Lobos und schwimmt im hellblauen Atlantik. Viele Grüße von Kerstin

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    1. Du hast Recht, statt einem Plan hinterherzuhetzen ist jetzt Entspannung angesagt. Und auf Lanzarote gibt es echt viel zu sehen. bin zudem überzeugt, dass jede Insel Besonderes zu bieten hat. Liebe Grüße aus Puerto Calero

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  3. Liebe Ulli,
    Ich habe jetzt erst Eure letzten Blogposts gelesen. Huiuiui, vieles hört sich nicht schön an. Schön, dass Ihr positiv in die Zukunft blickt! Wie du schreibst: Man muss immer offen bleiben und je nach der aktuellen Situation Pläne überdenken. Pläne sind da, um geändert zu werden. 😉 Ich drücke Euch die Daumen, dass Ihr gute Ankerspots auf den Kanaren findet, wir hatten Mühe… der Schwell wandert um die Inseln und macht viele vermeintlich gute Buchten super schaukelig. Gut war es bei Pasito Blanko (Gran Canaria) und La Graciosa. Beachtet die Acceleration Zones zwischen den Inseln, die sind heftig! Teilweise doppelt so viel Wind als es sonst gemeldet ist. Ach, die Inseln ganz im Westen lohnen sich besonders. Wir haben es leider nur nach La Gomera geschafft, es war wunderschön!
    Liebe Grüße und fair winds
    Christina

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    1. HI Christina, danke für die Tipps. Wie hoffen halt dass wir zwischendurch auch ruhige Tage ohne allzuviel Schwell haben. Obwohl, bei unserem Pech… Naja, wir müssen nehmen, was kommt und das Beste draus machen. Euch wünschen wir weiter eine tolle Zeit in der Karibik! Wir lesen eifrig euren Blog und träumen uns mit unserer Maha Nanda hin 😜
      Liebe Grüße Ulli und Christoph

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