Wie viele Enden hat unsere Erde? Zumindest zwei können wir empirisch bestätigen, denn zwei Enden der Welt haben wir erreicht. Allerdings sind wir beide Male darüber hinaus gesegelt, was mich in meiner Theorie bestätigt, dass die Erde doch einen Kugel ist und somit gar kein Ende hat…

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Finisterra, das galizische Ende der Welt, dahinter Monte Pinto

Wie dem auch sei, nach dem bretonischen Finistère, haben wir jetzt das spanische Finisterre umschifft, vor dessen Küste sogar ein Teil österreichische Geschichte geschrieben wurde. Im Zuge des österreichischen Erbfolgekriege im 18. Jahrhundert fanden hier zwei Seeschlachten statt. Als wir an diesem Stück Habsburger-Geschichte ankamen, zeigte es sich jedoch friedlich. Absolut friedlich sogar, denn aus Muxia waren wir bei ungemütlichem Südwind und noch ungemütlicherer Kreuzsee mit ziemlich welligen Wellen aus allen Richtungen gestartet, beim Kap jedoch beruhigte sich das Meer und die Atlantikdünung schob uns im zweieinhalb Meter und zehn Sekunden Auf- und Ab-Rhythmus Richtung Muros.

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Der Ponte Pinto querab.

Hinter dem Kap Finisterre liegt ein weiterer historisch bemerkenswerter Ort, der Monte Pinto. Dieser 627 Meter hohe Berg, der keltische Olymp, ist der Sitz der keltischen Götter und war Jahrtausende lang Ort von Fruchtbarkeitsritualen. Damals wie heute baden in seinen von der Natur ausgeschwemmten Steinwannen jene Frauen, deren Ehe kinderlos geblieben und die die Götter um Nachwuchs bitten, ebenso steigen Paare mit Kinderwunsch auf seinen Gipfel, den A Moa, um Kinder zu zeugen. Es heißt auch, dass die Gräser und Kräuter hier über Nacht ungewöhnlich schnell wachsen. Und auch, dass Seefahrer Respektabstand vor diesem Kap wahren sollen. „Hier passiert immer irgendetwas“,raunte uns ein Segler etwas kryptisch zu. Die keltischen Götter waren Maha Nanda und ihrer Crew wohlgesonnen, denn wie gesagt. Genau an dieser mythischen Stelle beruhigte sich die See, der Wind drehte ein wenig auf Nordwest… alles friedlich, den Göttern sei Dank.

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Ansteuerung von Muros

Am letzten Stück nach Muros gab uns der Wind noch eine richtige Watsch’n. Fünf Beaufort sind mit Maha Nanda bei Raumwindkurs ziemlich entspannt zu segeln, Muros liegt aber in einer Ria, einer Bucht, sodass wir den Hafen Richtung Norden ansteuern mussten. Und da machte unsere bisher so zahme Alte einfach nicht mit. Captain Christoph versuchte mit allen Tricks, einen halbwegs akzeptablen Am-Wind-Kurs zu fahren, um aufkreuzen zu können, aber da verwandelte sich Maha Nanda urplötzlich in eine bockige Alte und legte sich in einer Böe so richtig quer. Nach dem zweiten Sonnenschuss gab der klügere – der Captain – nach und wir motorten die letzten beiden Meilen gegen den Wind in den Hafen von Muros.

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Muros, Galizien

Ein Hinweisschild zum Funkkanal für den Hafenmeister suchten wir vergeblich, also legten wir in einer der zahlreichen leeren Boxen neben etwa gleich großen Segelyachten an. Gerade war die letzte Leine belegt, tauchte auch schon Pedro auf. Ein spanischer Hafenmeister wie er im Buche steht. Mit dramatischer Geste eilte er auf uns zu: Warum wir ihn nicht angerufen hätten! Niemand rufe ihn an! Dann teilte er uns wort- und gestenreich mit, dass wir hier nicht liegen bleiben dürften. „You should have asked me before!“, rief er verzweifelt und fragte dann, ob wir eh nur eine Nacht bleiben wollen. Als wir meinten, vielleicht zwei Nächte, hielt sich Pedro verzweifelt die Hand vor Stirn und Augen. Madre Mia! Dos noches! Aber dieser Steg sei doch für 15-Meter-Yachten. Wir sahen uns um. Neben uns lag eine 34-Fuß-Hanse, auf der anderen Seite eine Motoryacht, geschätzte 36 Fuß, drei Viertel der Boxen war leer.

Aber Pedros Schauspielkunst war einfach zu dramatisch-schön, um nicht mitzuspielen. Wir versicherten ihm, uns seiner Bedeutung als Hafenmeister durchaus bewusst zu sein, sahen in jeder Hinsicht ein, wie schwer er es mit all diesen ignoraten Yachties hatte. „Look“ The next one is coming inside without calling me!!“ Wieder die Geste der Verzweiflung… Wir baten um Nachsicht. Ausnahmsweise, nur für zwei Nächte. Es würde auch nie wieder vorkommen, dass wir ihn zu kontaktieren vergessen. Auch würden wir überall, wohin wir auch kämen, erzählen, was für ein fähiger, kompetenter Hafenmeister Pedro sei. Unser Flehen erreichte den tapferen Pedro, gequält nickte er. „Exceptionalmente“. Nur für zwei Nächte. Dann schüttelte uns Pedro die Hand, hieß uns in Muros willkommen und eilte zum nächsten unglückseligen Skipper.

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Die kleine Hafenstadt ist für uns ein weiteres Highlight an der galizischen Küste. An der Hafeneinfahrt liegt eine lange Reihe an Fischerbooten; immerhin, so erfahren wir, ist Muros Sitz der größten galizischen Fischereigemeinschaft. Die Altstadt selbst ist bezaubernd. Steinhäuser, die sich in den engen Gassen beinahe zu berühren scheinen, verborgene kleine Plätze und blühende Bougainville in den Gärten. Cafés und Lokale gibt’s hier auch an jeder Ecke. Da muss man einfach ein Plätzchen finden, um zu pausieren, zu schauen und zu genießen. Nebenbei: So billig wie in Spanien war das Bier bisher noch nirgends. Beim ersten Mal Bezahlen dachten wir, wir hätten uns verhört. Wahrlich kein schlechter Ort, um hier zu leben.

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