Seenotrettung, Wale und die ultimative Langsamkeit: unsere Biscaya-Überquerung

„Mayday, mayday, this is sailing vessel Belle Siréne, we have inrush of water.“ Was machst du, wenn du mitten auf der Biscaya bist – und ich meine GENAU in der Mitte – und einen Mayday-Funkspruch hörst? Aufmerksam zuhören, eh klar. Und wenn du hörst, dass eine Segelyacht am Sinken ist und du begreifst, du bist nur fünf Meilen entfernt? Unglaublich, aber wahr, auf unserem ersten größeren Schlag mit Maha Nanda rückten wir zu einer Seenotrettung aus.

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Biscaya-Überquerung: ruppiger Start in der Bretagne

Binnen zwei Tagen schnell mal von Brest über die Biscaya bis Spanien kann ja bald mal jemand. Maha Nanda und ihre Crew haben sich was Anderes überlegt und ja, es gibt Gründe dafür, warum wir fast doppelt so lange wie die meisten Segler unterwegs waren. Alles begann mit dem ewigen Leid der falschen Wetterprognosen. Vom perfekten Wind mit 4-5 Beaufort, den drei Wetterdienste bei unserer Abfahrt versprachen, blieben gerade mal drei übrig. Wäre ja auch okay, wäre da nicht… der Strom, der Strom. An der allerwestlichsten Ecke des französischen Festlandes, dem Point du Raz, erwischte er uns unbarmherzig,. Wir waren einfach um genau jene zwei zusätzlichen Knoten Geschwindigkeit, die uns der Fünferwind geschenkt hätte, zu langsam.

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Perfektes Hoch: auf Sturm folgt Flaute

Fast hätten wir es zwischen der Huk un der ihr vorgelagerten Insel durchgeschafft, als der Strom während der allerletzten Meile der Durchfahrt, die wir noch unter Aufbietung aller segeltechnisch machbaren Geschwindigkeit-Erreichungs-Möglichkeiten überwinden wollten, kenterte. Da war es exakt 22.30 Uhr, und wir befanden uns genau an jener allerrallereinzigsten Stelle, wo er seine Höchstgeschwindigkeit von fünf Knoten erreicht. Und das Unfassbare geschah. Fünf Stunden lang, also fast die gesamte Nacht, trieben wir zurück. Zurück Richtung Brest, von wo wir ein paar Stunden zuvor losgefahren waren.

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Sonnenaufgang auf der Biscaya und…
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Sonnenuntergang auf der Biscaya

Nach einer gefühlt ewiglangen Nacht, die uns nahe an Felsen treiben und stundenlang über böse Overfalls hoppeln ließ (In der Bugkoje hüpfte ich beim Zubettgehen geschlagene eineinhalb Minuten auf und ab, bevor ich erkannte, dass ich von diesem bequemen aber Seekrank-machenden Platz auf die schmale Liege im etwas stabiler liegenden Salon wechseln musste), beschloss der Strom irgendwann doch noch, nach Süden zu kentern. Maha Nanda wurde durch die Passage in Rekordtempo durchgetrieben, was zu kurzer Freude führte, die wiederum gleich danach durch großen Frust abgelöst wurde. Flaute.

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Flaute und viel Zeit? Zeit zum Bloggen.

Was wir auf diesen knapp 300 Meilen durch harte Erfahrung gelernt haben. Flauten auf senken die Moral auf einem Segelschiff dramatisch. Als die Stimmung am Nullpunkt war und wir kurzfristig überlegten, die Südküste der Bretagne anzulaufen und auf besseren Wind zu warten, setzte dieser ein. In perfekter Stärke aus der perfekten Richtung trieb er uns etliche Stunden konstant Richtung Süden. Jubel an Bord!

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Das Meer ist so unglaublich ruhig wie die Hand des Meisters. Flautesegeln auf der Biscaya.

Aber auch das ist ein Lernprozess. Segeln ist ein Auf und Ab der Gefühle. Auf Windstärke 5 und ausgelassene Stimmung folgten die nächste Flaute und das nächste Stimmungstief. Und dann… als wir stundenlang mit 1,5 Knoten Höchstgeschwindigkeit Richtung Süden getümpelt waren und Captain und Crew, jeder für sich, grummelnd und zwiedernd frustrierende Kopfrechnungen anstellten, die alle das gleiche Ergebnis – Negativgeschwindigkeitsrekord einer Biscaya-Überquerung – brachten, kam der Funkspruch. Mayday.

Unglaublicherweise haben sich irgendwo in den allerletzten meiner hintersten Gehirnwindungen Bruchstücke meines ehemals gar nicht so schlechten Schulfranzösisch verborgen, die in Form von Zahlenerinnerung in jenem dramatischen Moment auftauchten. Die Yacht befand sich auf N 45°42’ W 5°06’, fast exakt dem gleichen Längengrad wie Maha Nandas Position und nur fünf Meilen nördlich von uns. Christoph gab über Funk bekannt, dass wir in einer guten Stunde vorort sein würden. „We are waiting for you, merci, merci“, hörten wir den Skipper.

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5 Meilen voraus: ein winziges Pünktchen im unendlichen Blau.

Also: Motor an, 180° Wende und Kurs auf die angegebene Position. Wir brauchten nicht lange zu suchen. Durch das Fernglas entdeckten wir sofort die Yacht exakt voraus. Welch surreale Situation. Zwei Tage hatten wir gezählte zwei Fischerboote gesehen, sonst… nur Wasser und Himmel. Und nun, hier in dieser Wasserwüste befanden wir uns in nächster Nähe dieses Schiffes! Was würde uns erwarten?

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Seenotrettung: längsseits an der Unglücksyacht festgemacht.

 

Zwei Männer befanden sich an Bord der sinkenden Yacht. Der Eigner schweißgebadet. Er hatte seit zwei Sunden versucht, den Wassereinbruch zu stoppen. Offenbar war der Antrieb des Bootes durch ein Stahlseil eines Fischerboots, das sie kurz zuvor passiert hatten, beschädigt worden und über die Welle drang das Wasser ein. Noch lief die Bilgepumpe, doch das Wasser stieg.

Wir hatten längsseits festgemacht, bereit die wichtigsten Habseligkeiten der Männer zu übernehmen, als über Funk die Meldung der Seenotrettung kam: Ein Helikopter würde in eineinhalb Stunden vorort sein und die Männer abbergen. Der Skipper bat uns, zu bleiben, falls er bevor der Hubschrauber eintraf, das Schiff verlassen müsste. Während das Dinghi klargemacht wurde und die Männer die wichtigsten persönlichen Gegenstände in wasserdichten Beuteln verstauten, versuchte der mittlerweile völlig aufgelöste Eigner weiterhin,  den Schaden notdürftig zu reparieren. Vergeblich. Die Männer mussten die Yacht aufgeben.

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Die Männer wurden von der sinkenden Yacht abgeborgen.

Inzwischen war ein zweites Schiff zur Unglücksstelle gekommen, ein Fischerboot unter französischer Flagge drehte in einiger Entfernung bei. Dann hörten wir ein entferntes Brummen, das rasch in Dröhnen überging. Der Helikopter war im Anflug. Wir entfernten uns um einige Meter und beobachteten, wie sich einer der Seenotretter abseilte und zur Yacht hinschwamm, wo er den ersten der beiden Männer ins Schlauchboot bugsierte. Ein paar Meter von der Yacht entfernt ließen sich beide ins Wasser gleiten, der Seenotretter fixierte die Leine und der Mann wurde emporgehievt. Das Schlauchboot mit den Habseligkeiten der Männer wurde allerdings bei dem Manöver vom Luftdruck der Rotorblätter erfasst, hob ab und flog – ebenso wie sämtliche Beutel – durch die Luft und landete etliche Meter entfernt im Wasser. Inzwischen schwamm der Erstretter zurück zur Yacht, um den Schiffseigner auf gleiche Weise von seiner sinkenden Yacht abzubergen, er selbst wurde schließlich als letzter zurück in den Helikopter gehievt, der daraufhin sofort abdrehte, während der Pilot über Funk durchgab, dass die Männer in Sicherheit wären.

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An diesem Abend waren wir dankbar für die Flaute, die uns zwar Kriechtempo, dafür aber Sicherheit eingebracht hatte. Zum einen hätte die Seenotrettung bei sechs Meter Welle und Sturm wohl ganz anders ausgesehen, zum anderen hatten wir mit diesem Einsatz genug Aufregung für den gesamten Schlag. Danke Biscaya, wir freuen uns über dein überaus freundliches, wind- und wellenarmes Gesicht!

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Es lebe die Langsamkeit! Die restliche Strecke bis Spanien bewältigten wir äußerst friedlich und… da war noch etwas. Etwas, das nur an Flautetagen zu hören ist. Das Atmen der Wale. Ganz still ist es auf der Biscaya, nur das Plätschern des Wasser ist leise zu vernehmen und dann: Ein lautes Schnaufen, danach ein vernehmliches Prusten. Da taucht etwas Großes, Schwarzes aus dem Wasser auf. Das schwarze Gebilde immer länger und bevor es wieder im Wasser verschwindet, taucht die Rückenflosse auf, dann der Schwanz, und mit einem weiteren Platsch verschwindet der Wal gemächlich, um ein paar Meter erneut aufzutauchen und zu blasen. Wir tippen auf Finnwale, haben gelesen, dass die hier relativ häufig zu sehen sind. Über 20 Meter und bis zu 70 Tonnen schwer werden die Viecher. Ganz schön beeindruckend.

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Wale in der Biscaya
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Biscaya-Erlebnis Whale-Watching: der Bursche kam unserem Heck ganz schön nahe

Unseren ersten Wal sahen wir genau an jener Stelle, wo der Meeresgrund unvermittelt von 100 auf 4000 Meter absinkt. An jener Kante, die für die berüchtigten Biscaya-Wellen sorgt, weil hier die lange Dünung des Atlantik unvermittelt auf eine unterirdische Wand stößt, scheinen sich die Meeressäuger besonders wohl zu fühlen. Gezählte sieben Wal-Sichtungen haben wir auf diesen 280 Seemeilen erlebt und dabei einen meines Wissens völlig neuen Aspekt für die Wissenschaft erforscht: Wale sind mit Käse anzulocken. Nach dem Frühstück warf der Captain die Käserinde mit den Worten „Futter für die Wale“ über Bord. Keine zwei Minuten später hörten wir das vertraute Atmen. 30 Meter hinter unserem Heck zog der Bursche vorüber und wahrscheinlich dachte er sich: „Der Krill hier ist geschmacklich auch nicht das, was es mal war.“

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Für Nicht-Segler, die jetzt wissen wollen, wie wir uns außer mit Whale-Watsching noch so die Zeit vertrieben haben: Bloggen, Lesen, Kochen, Essen, Zeichnen, Delphine beobachten und stundenlang aufs Wasser Schauen.

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Delphine ohne Ende. Sie lieben es, Sprungübungen neben Maha Nanda durchzuführen.

Dass die Biscaya Dünungs-los und spiegelglatt sein kann, war uns bisher unvorstellbar. Aber in Wahrheit ändert sie alle paar Stunden, manches Mal sogar Minuten, ihr Gesicht. Mal ist die Dünung zwei Meter hoch, dann kommt kabbellige Welle dazu, dann kräuselt sich das Wasser nur leicht, und wenig später ändert sich die Richtung der Welle. Und die Farben: Wusstet ihr, dass der Atlantik bei Sonnenuntergang die Farbe von flüssigem Silber annehmen kann, aber auch eine Mischung aus babyblau und babyrosa. Manches Mal ist er strahlend blau und man meint, auf 4000 Meter Grund zu sehen, dann wird der dunkelgrau und erzeugt weiße Gischt, die er über Maha Nanda spült.

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Segeln macht hungrig. Der Captain bei der Nahrungsaufnahme.

 

In der Nacht, wenn sich die Sterne widerspiegeln, wirkt es, als würde das Wasser Funken sprühen oder sind es schwimmende Glühwürmchen? Dann erzeugt Maha Nandas Rumpf streifenförmige Muster im Wasser, die so leuchten, als würden König Trtions Töchter ihre Untewasser-Diskokugel in Betrieb genommen haben.

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Segeln macht faul: der Captain beim Nichtstun.

Und dazu die Geräusche des Meeres. Der Atlantik kann plätschern und gluckern, platschen und rauschen. Er kann aber auch schmatzen, gurgeln, klatschen, schlürfen, klopfen und manches Mal so laut an den Rumpf Maha Nandas poltern, dass man meinen könnte, ein Stück Treibholz gerammt zu haben. Donnern und brüllen kann er schließlich auch noch, aber das hat er uns zum Glück erspart.

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Spanisches Hoheitsgebiet erreicht.

Apropos Geräusche, der Captain, der dazu neigt, ein bisschen zu intensiv in Maha Nandas innere Stimme zu hören, meint manches Mal seltsame Geräusche zu hören. Also solche, die möglicherweise ein herandräuendes Problem darstellen könnten, was ihn dazu bringt, auf Fehlersuche zu gehen. Da Maha Nanda im Meisterin im Geräusche-Produzieren ist, ist der Captain also gut beschäftig, um seine Freizeitgestaltung muss ich mir keine Sorgen machen. Zudem liebt er es, am Segel herumzuzupfen. Ich wusste gar nicht, dass so was wie eine Regattaseele im coolsten aller Ehemänner steckt, aber tatsächlich werden Schote um Millimeter dichtgeholt und gefiert, die Holepunkte der Vorschot alle paar Minuten optimiert und um ein, zwei Grad angeluvt, um gleich darauf wieder abzufallen. Man kann ja immer noch 0,2 Knoten Fahrt mehr rausholen, wenn man sich nur ein bisschen anstrengt.

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Einfahrt von Gijón: da strahlt die Steuerfrau.

Auf 280 Meilen bis Gijòn an der spanischen Nordküste haben wir mit des Captain Regatta-Allüren  mindestens fünf Minuten rausgeholt. Na also, geht doch: Buenos diaz, Espagna!

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Im Hafenbecken von Gijón. Wo sind hier der Gastliegeplätze?
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8 Kommentare

  1. So sid Ihr also (fast) zu Seenotrettern geworden! Ich muss sagen, ich fuehle mit dem Eigner der anderen Yacht. Es muss schlimm sein, sein Boot untergehen zu sehen. Ueber die Schraubenwelle eindringendes Wasser? Und das in solchen Mengen, dass die Lenzpumpe es nicht schafft?! Ist aber auch eine ganz bloede Stelle zum Abdichten.

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      1. Solche Gedanken [was Alles passieren kann] habe ich auf meinen Segeltoerns immer verdraengt. Aber im Nachhinein sehr oft daruber nachgedacht.
        Was mir zu dem Vorfall noch eingefallen ist: Du hast geschrieben, dass die Bilgepumpe lief, aber mit dem Wassereinbruch nicht fertig wurde. Gab es da auch noch eine zusaetzliche Handlenzpumpe? Und was den Fischer angeht, der zu Hilfe kam: konnte der nicht etwas tun? Wie weit war es eigentlich vom Land weg? Habt Ihr mitbekommen, ob der Fischer weg ist und die Yacht hat untergehen lassen, nachdem der Hubschrauber die Besatzung abgeborgen hatte? Oder hat der Fischer moeglicherweise versucht, die Yacht zu retten und in den Hafen zu bringen. Nach Seerecht haette ihm naemlich eine fette Belohnung, bis hin zum Gesamtwert der Yacht, zugestanden.
        In meinen Segelkursen habe ich meine Segelschueler immer wieder vor hilfsbereiten – daenischen – Fischern gewarnt, weil die naemlich, nachdem die Fische selten gewoden waren, angefangen haben, auf Yachten in Not zu „fischen“. 😀 Hoffentlich liest jetzt kein daenischer Fischer mit. 😀
        Weiterhin guenstige Winde und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel,
        Pit

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      2. Das war genau in der Mitte der Biscaya, also Richtung Norden Süden und Osten über 100 Meilen vom Land entfernt. Der Eigner hat gemeint, er hofft, dass die Batterie die Pumpe länger als 48 Stunden am Leben hält, dann hat er noch eine Chance, seine Yacht zu retten, aber der konnte sehr schlecht Englisch und war auch sehr aufgeregt. Ich habe nicht herausgefunden, wie er das bewerkstelligen wollte. Der Fischer hat abgedreht, als die Mannschaft geborgen war, ich nehme an, 100 Meilen zu schleppen war dann doch zu weit. Echt schräg, dieses Erlebnis.

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