Captain ist derzeit so richtig im Glück. Falls ihr denkt, er steuert gerade bei perfektem Wind seine Maha Nanda, habt ihr falsch gedacht, denn die liegt seit drei Tagen sicher vertäut im Hafen. Captain Christoph ist im Käse-Glück. Klingt ein wenig schräg? Naja, jeder hat so seinen Fetisch und seiner ist eben Käse. Seit Jahren gehört Käsebrot zu seinen bevorzugten Gerichten, womit er auch gar nicht allein dasteht. Ich sage nur „…super sexy Käsebrot“ (Helge Schneider).

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Ein Wagen voll Edamer: Nehmen wir mit!

Als wir also vor ein paar Tagen in Enkhuizen ablegten und die Entscheidung zwischen der Ansteuerung Monnickendam, Volendam oder Edam fallen musste, was denkt ihr, wie Christoph, in Vorfreude die Hände reibend, den Kurs legte? 214° SW Edam selbstverständlich! Und es war die richtige Entscheidung, denn wir wurden nicht enttäuscht; vor allem der historische Ortskern des Städtchens ist sehenswert, auch Käsefeinde fühlen sich hier bestimmt wohl (wogegen Käsefans in ihrem persönlichen Paradies sind). Einziger Wermutstropfen: Da wir bei unserer Ankunft schon arg spät dran waren, konnten wir nicht mehr durch die Schleuse und die Brücken, die für die Fahrt in den Stadthafen zu passieren sind, und legten gleich hinter der Einfahrt am Passantensteg an. Jetzt bläst uns seit drei Tagen der Nordostwind direkt ins Cockpit und bei offenem Schott bis in den Salon, drückt starken Schwell in den Kanal und schüttelt uns ordentlich durch.

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Rathaus in Edam
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Gracht in Edam

Das war’s dann auch wieder mit der Meckerei. Allen, die sich Zeit für Edam nehmen wollen, sei empfohlen, im Stadthafen anzulegen, hier findet ihr Holland-Romantik pur mit allem, was euch spontan dazu einfällt: Grachten, Plattbodenschiffe, Hausboote, Backsteinhäuser, hübsche Klappbrücken und -brückchen und allgemein entspannte Atmosphäre. Edam war – wie könnte es anders sein – Hansestadt und besaß überdies in ihrer Blütezeit 33 (!) Werften, auf Edams Schiffen reisten berühmte Seefahrer und Entdecker. Wir haben die Stadt und außerdem die gleich danebenliegenden Orte Volendam und Monnickendam per Fahrrad besichtigt, was in den Niederlanden echt bequem und praktisch ist, denn ein besser ausgebautes Radwegenetz im Verhältnis zur Staatsfläche gibt’s glaub ich auf der ganzen Welt nicht. Als Niederösterreicher ist uns beim Radeln durch die friesische Landschaft vieles vertraut: weite Ebene, dünn besiedelt, ein endlos langer, von Schafen beweideter Schutzdamm und viel Wind. Fremd ist dagegen: Hinter dem Damm liegt das IJsselmeer und die Bauernhäuser schauen aus, als wären sie von einem riesengroßen Modellbau-Fanatiker perfekt zusammengebastelt worden. Eigentlich nicht nur die Häuser, sondern ebenso die im grünsten Grün gefärbten Wiesen und die im schwärzesten Schwarz und weißesten Weiß gefleckten Kühe wirken wie frisch lackiert. Auch die traditionellen Windmühlen, die seit Jahrhunderten zur Entwässerung des Bauernlandes dienen, vergaß der Modellbauer nicht, an fotostrategisch günstigen Orten zu positionieren.

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Windmühlen zur Entwässerung des Weidelandes, Friesland.

Bis Volendam sind’s nur drei Kilometer, ein ehemaliges Fischerdorf mit malerischem Hafen, an dessen Kai sich bunte Holzhäuser aneinanderreihen. Aus dem Fischerdorf ist allerdings mittlerweile ein beliebtes Touristenziel geworden und die Häuser wurden zu Cafés und Souvenirläden umgewandelt. Ich geb’s zu, auch wir haben uns an der Touristen-Promenade einen Kaffee gegönnt, die Souvenirs haben wir uns aber verkniffen. Warum hier jemand nepalesische Sherpa-Mützen als Erinnerung an seinen Besuch erstehen sollte, ist mir schleierhaft…

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Volendam, Friesland

Monnickendam mit einer riesigen – von Mönchen erbauten – Kirche hat wiederum kleinstädtisches Flair und im Hafen eine ganze Armada an Plattbodenschiffen, die für Ausflugsfahrten genutzt werden. Sehr gelacht haben wir über das Glockenspiel, das uns zur vollen Stunde mit seiner ungewöhnlichen Musik beglückt hat. Kaum meinten wir, eine Melodie zu erkennen, entglitten die Töne in ausgesuchter Disharmonie, und die Wahrheit ist: es ist das älteste Glockenspiel der Welt und möglicherweise auch das falscheste.

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Plattbodenschiffe in Monnickendam, Friesland. © Christoph Potmesil
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Monnickendam, Friesland
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Lunch im Hafen von Monnickendam, Friesland

Jetzt kommen wir zum Kern der Sache: dem Edamer. Wir haben im Stadtzentrum ein Geschäft von Henri Willig Kaasmaker besucht, eine der vielen Farmen der Käsemacherei liegt zwischen Volendam und Monnickendam und kann auch besichtigt werden. Am Hof, wo der Käse für den Shop in Edam produziert wird, hält Henri Willig 120 Kühe, erzählte uns die Verkäuferin. Die gesamte Henri Willig Gruppe exportiert allerdings in 30 Länder und erzeugt pro Jahr 5500 Tonnen Käse. Edamer ist übrigens nicht nur die kleine, in rotes Wachs gehüllte, Kugel, die es bei uns in den Supermärkten zu kaufen gibt. Es gibt ihn in vielen verschiedenen Varianten – mit Gewürzen, Pesto oder Knoblauch – und verschiedenen Altersstufen. „Für ein Kilo Edamer braucht man zehn Liter Milch“, informierte uns die Verkäuferin und auch, dass der Käse ausschließlich aus zertifizierter Bio-Milch hergestellt werden.

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Im Käse-Shop: Edamer wohin man blickt.

In früheren Zeiten wurden die ‘Edammertjes’ im Käsewaage-Gebäude im Stadtzentrum gewogen. Im Sommer gibt’s hier einmal pro Woche eine Veranstaltung, bei der „Käseträger“ die schweren, runden Edamer Käse-Köpfe auf Tragen transportieren. Die Käsewaage aus dem Jahr 1778 steht auch heute noch.

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In der alten Käsewaage von Edam, Friesland.

Wir haben uns gestern für ein Kilo jungen Edamer aus nicht pasteurisierter Milch entschieden, entdeckten dann noch in einer Bäckerei „Bauernbrot“ und genossen eine fantastische herzhafte Jause. Jetzt ist schon fast die Hälfte des Laibs weg. So ein Kas!

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Juhu! So schöne Käse-Kugeln: Edam, Friesland.
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Goldene Kugeln: vor der Käsewaage von Edam, Friesland.
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3 Kommentare

  1. Hollaendische Kaeslaeden – was fuer ein Traum! 🙂 Ich bin zwar nicht so fuer Edamer, wohl aber sehr fuer Gouda, und erinnere mich noch so gerne an die Laeden in Holland, wo der in Regalen lag, sortiert nach Monaten der Reife – wie ein guter Wein nach Jahrgaengen. Und nun denke ich an den Reifegrad „oude belegen“, wenn er schon nicht mehr in Scheiben geschnitten werden kann, weil er zu sehr broeckelt. Ach, wie laeuft mir da das Wasser im Munde zusammen. Und ans Probieren, wenn der Mensch hinter der Ladentheke mit seinem grossen Kaesemesser – das mit den zwei Hndgriffen, um ganze Laibe durchzuschneiden – ein Probierstueck“chen“ abgeschnitten hat. 😉
    Liebe Gruesse,
    Pit
    P.S.: die Skizze von den Plattbodenschiffen an der Kaimauer gefaellt mir ganz ausgezeichnet!

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