Die armen Irren, die im Urlaub keine Zeit für Cocktails haben

Kennt ihr dieses Gefühl? Dieser mitleidige Ausdruck, dieses resignierende Kopfschütteln, das Tuscheln hinter eurem Rücken, die vielsagenden Blicke, die euer Gegenüber einander zuwirft, wenn ihr von eurem Urlaub erzählt…
Nicht? Dann besitzt ihr offenbar kein Segelboot. Oder ihr gehört zu dem einen Prozent der reichsten Menschen der Welt und könnt euch eine nigelnagelneue Yacht und die Kosten für die laufende Wartung einfach so nebenbei leisten.

Wir gehören zur großen Mehrheit der Yachtbesitzer, die mit wenig finanziellen Mitteln und viel persönlichem, schweißtreibendem und nervenaufreibendem Einsatz auf eben jenem Besitz herumwerkeln. Und um das noch zu toppen, nennen wir ein 42 Jahre altes Stahlboot unser eigen, unsere Maha Nanda. Und tja, die alte Stahllady steht auf intensive Pflege. Wer sein Stahlboot liebt, der schuftet – eine alte Seemannsweisheit. Was tun wir also in unserem Urlaub? Hach, wir gehören zu den glücklichen Menschen, die drei Wochen der österreichischen Winterkälte entfliehen können. Ab nach Gran Canaria, der Insel des ewigen Frühlings. Sonne, Meer und Wärme, 21 Tage lang.
Warum dann diese mitleidigen Blicke? Ich will mich ja nicht beschweren, trage die volle Verantwortung für mein Handeln, aber ich habe in diesen drei Wochen einmal in einer Bar einen Cocktail getrunken und einmal in einer Eisdiele ein Eis gegessen, war an drei Abenden in einem Lokal speisen und kein einziges Mal am Strand. Wozu auch? Es gab Wichtigeres zu tun. Maha Nanda pflegen zum Beispiel.

Stopp, nein! Pflege ist definitiv der falsche Ausdruck. Denn bei unserer Ankunft sah unser Bötchen eindeutig besser als, als jetzt, nachdem wir es uns vorgeknöpft haben. Man soll ja zuerst bei sich selbst suchen und nicht anderen die Schuld zuweisen. Aber dass Maha Nanda in dem Zustand ist, in dem sie gerade ist, haben wir unter anderem Constantin zu verdanken. Er und Jenny sind unsere Stegnachbarn in Puerto de Mogán, sie leben auf ihrem – ähnlich alten – Stahlboot Stella-Ann und sind begnadete Bootsbauer. Welch großes Glück – „Maha Nanda“ eben – dass wir die beiden zur richtigen Zeit am richtigen Ort kennengelernt haben, denn sie haben sich unserer alten Stahllady angenommen und unterstützen uns in unseren Refit-Plänen. Wir müssen allerdings ein bisschen aufpassen, denn die beiden sind in ihrem Engagement, unsere Maha Nanda zu einer Art Kriegsschiff-Arche umzubauen, kaum zu bremsen und wenn es nach Jenny und Constantin ginge, könnten wir nach den abgeschlossenen Umbauarbeiten – die ungefähr 20 Jahre in Anspruch nehmen würden – für den Rest unseres Lebens (der dann halt nicht mehr soooo lang wäre) völlig autark und gewappnet gegen sämtliche Widrigkeiten, ob Tsunami, Vulkanausbruch, Hungersnot, 37. Pandemiewelle oder Atomkrieg, überleben.

Am besten gehen wir das Refit strategisch an. Wir beginnen nicht mit den optischen Verschönerungsarbeiten – obwohl dem künstlerischten aller Captains das Herz blutet, wenn er die brutal entrosteten und mit Epoxyfarbe weiß anghiaslten (Hochdeutsch: nachlässig angestrichenen) Flecken an Maha Nandas ehemals marineblau glänzendem Rumpf sieht. Wir starten mit essentiellen Dingen wie dem Abdichten des undichten Kahns. Zum Glück regnet es verdammt selten im Süden Gran Canarias, aber wenn es regnet, tropft es durch die Luken in Maha Nandas Inneres, was ganz klar bedeutet, die alten Holzrahmen gehören raus. Wer jetzt glaubt, das sei wie Fenstertausch, hat noch nie was von Bootsarbeit gehört. Jeder Bootsbesitzer weiß, dass Arbeit am Schiff zehnmal so lange dauert, wie daheim am Haus. „Ich dreh mal schnell eine Schraube rein“, kann ohne weiteres im Zerlegen des halben Salons enden und dementsprechend führte „ich nehme mal die Luke raus“, zu tagelangen Arbeiten, die da wären:
Die Rahmen sind verrottet, der Stahl darunter verrostet. Der entschlossenste Ehemann von allen griff also voller Überzeugung zur Flex und schnitt eigenhändig Löcher in sein geliebtes Boot. Neue Löcher für neue Luken, deren Rahmen – so überzeugte uns Constantin, Weltmeister im Segel-Surviving – aus Stahl sein mussten. Ein Plan, der weitere Arbeitsschritte nach sich zog, nämlich Decksbelag mühselig abschaben, Deck schleifen, Löcher zuschweißen, Rahmen anschweißen, sämtliche abgeschliffene und neue Stahlteile mit zehn Anstrichen versehen. Arbeit, die wiederum notwendig macht, das Innere Maha Nandas täglich halb auszuräumen, um es abends wieder einzuräumen und so wohnlich wie möglich zu gestalten, denn immerhin wollten wir nicht 21 Abende in einer abgef… Baustelle verbringen. (Allein die Matratzen im Vorschiff habe ich dementsprechend mindestens 42 Mal verräumt). Und wenn an Deck hitzig gearbeitet wurde, musste dann einer in der leergeräumten Koje mit Wasserkübel und Schwamm bereitstehen, um die Flammen des brennenden Lacks im Inneren einzudämmen.

Während also der geduldigste aller Ehemänner in stundenlanger Millimeterarbeit Treadmaster von Deck stemmte (Das sind rutschfeste Kunststoffmatten für Bootsdecks, die vor 42 Jahren mit einem Kleber befestigt wurden, der ursprünglich dafür gedacht war, für die Ewigkeit und darüber hinaus das Plastik am Stahl zu halten.), machte die mit weniger Muskelkraft und noch weniger handwerklichem Geschick ausgestattete Crew Ulli mit Constantin einen kleinen Ausflug nach Las Palmas, um das notwendige Material für Maha Nandas ersten Schritt Richtung Arche zu besorgen.


Bis die neuen Stahlteile in die vom Captain ins Deck geschnittenen Löcher geschweißt werden konnten, vergingen mehrere Tage, verbunden mit weiteren Las-Palmas-Touren, die Besuche sämtlicher Werkstätten neben der Werft von Las Palmas inkludierten, wo mich Constantin von einem Dreher, Schlosser, Tischler, Stahltechniker und Großhandelsbetrieb zum anderen schleppte, technische Details wie doppelte Verstärkung der unglaublich massiven und unglaublich schönen neuen Poller, besprach und schließlich höchstselbst die Rahmen für die neuen Luken – diesmal wirklich für die Ewigkeit – herstellte. Zwischendurch unterstützte ich den Captain eigenhändig mit Hammer, Meißel, Flex und Exzenterschleifer, übte mich probeweise in der Handhabe des Entrosters – einem monströsen Nadelhammer, in Form und Lautstärke ähnlich einem Maschinengewehr, der die Funktion erfüllt, verrosteten Stahl zu zerdreschen.

Falls ihr euch fragt, was es mit diesem Zelt an Deck von Maha Nanda auf sich hat: Nein, wir haben nicht an Deck campiert. Der gefinkeltste Captain von allen hat eine Schwitzhütte – ähäm Schweißhütte – gebastelt. Nicht dass ihr denkt, wir hätten in der Marina die Luken geschweißt … das ist strikt verboten. Was genau darunter gearbeitet wurde, bleibt unser Geheimnis, denn keiner hat’s gesehen. Und an alle Yachties auf unserem Steg: Vielen Dank für eure Geduld und euer Verständnis. Ich weiß, manches Mal wird’s beim Arbeiten laut und ja, wir vermeiden eh stundenlange enervierende Kreischgeräusche, wenn die Flex sich durch Stahl schneidet, und monotones Treadmaster-Weghämmern versuchen wir auf wenige Stunden am Tag zu beschränken. Aber was muss, das muss. Zum Glück kennen die allermeisten diese wunderbare Baustellen-Atmosphäre an Bord und sind trotz aller die heilige Ruhe durchdringenden, von Bord unserer Maha Nanda herübergewehten Arbeitsgeräusche insgeheim froh, gerade nicht am eigenen Boot mit schwerem Gerät zugange sein zu müssen.

In einem anderen Leben in einem anderen Land steht der kunstsinnigste Ehemann von allen tagelang in seinem Atelier und zaubert prächtige Gemälde auf die Leinwand während seine wortgewandte Journalisten-Gattin ihre Fingerchen mit manikürten und lackierten Nägeln über die Tastatur gleiten lasst. So sieht der Urlaub von diesem ästhetisch-musisch-kreativen Alltag aus: In der Früh geht’s rein ins labbrige T-Shirt und die fleckige, zerrissene Jeansshorts, Arbeitshandschuhe übergestreift und Exzenterschleifer in Position gebracht. Bei Sonnenuntergang werden die verkrampften, zu doppelter Größe angeschwollenen und definitiv nicht mehr gepflegten Hände mühevoll ihrer Werkzeuge entledigt, duschen, kochen, bissl mit anderen Bootsleuten zusammensitzen und tratschen und dann ab in die Koje.

Noch nicht schön … aber hundertprozentig dicht. Das neue Deck von Maha Nanda.

„Arme Irre“, denken alle, die kein altes Boot besitzen, also der Großteil der Menschheit – und dennoch: Wir genießen die Zeit am Wasser: Wenn du morgens aufstehst, geht gerade die Sonne über dem roten Felsen am Ostende der Bucht auf, die Fischerboote kehren in den Hafen zurück, du hörst Fallen schlagen und Möwen kreischen und trinkst deinen Kaffee im Cockpit, während langsam der Hafen erwacht. Wenn DAS nicht Genuss ist!

5 Kommentare

  1. Schoen, Ihr Lieben, wieder von Euch zu hoeren/lesen und zu wissen, dass es Euch gut geht. Zu dem Bericht hier kann ich nur sagen: „Wer nicht genug Arbeit hat, der schafft sich ein Stahlboot an!“ Bin ich doch froh, dass ich hier im Sessel sitzen kann und darueber lesen. 😀
    Zum Bild des Hafens von Puerto de Mogan wollte ich eigentlich direkt kommentieren, ging aber nicht. Also dann hier:
    Kommt mir bekannt vor. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir da bei unserem Ueberfuehringstoern von Gran Canaria nach Mallorca auch mal gelegen, zum Einkaufen und Abendessen, und dann noch einen Zwangsaufenthalt, weil unser Anlasser nicht mehr wollte. Ersatz haben wir nicht finden koenne, und so war ich froh, dass ich zwei gute Techniker and Bord hatte, die mit einem Schraubenzieher die Kontakte ueberbruecken und so den Motor starten konnten. Das bedeutete dann aber, dass der Mitsegler in der Steuerbord Hundekoje raus musste, weil nur von da aus der Zugang zum Motor moeglich war.
    Liebe Gruesse, macht’s gut, und bleibt gesund,
    Pit

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      1. Hi Monika, hab mir gerade deine Website angesehen, bin beeindruckt. Es gibt nur wenige Frauen, die so wie du unter Segeln unterwegs sind. Ist schon sehr Männer-dominiert 😉 vielleicht treffen wir uns ja mal irgendwo – würd mich freuen. Liebe Grüße Ulli

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