Es fühlt sich gerade wie Sommerurlaub an und das irritiert mich. Seit April sind wir nun unterwegs und nur wenige Tage haben sich explizit so angefühlt. So faul, sonnig und heiß. Ob ihr es glaubt, oder nicht: Mich plagt fast das schlechte Gewissen. Darf man überhaupt zwei Tage lang so wenig tun?

Zum Glück fällt mir gerade ein, dass wir ja heuer noch keinen Urlaub hatten. Abgesehen davon, dass wir seit über fünf Monaten nicht arbeiten. Also nur unbezahlt arbeiten. Denn Arbeit hatten wir mehr als genug, teilweise Knochenarbeit wie schleifen und polieren. Dass wir so entspannt wie schon lange nicht mehr sind, liegt nicht nur an unserem perfekten Ankerplatz sondern hat auch einen technischen Hintergrund: unser Windgenerator läuft! Unglaublich aber wahr: er läuft!

Der Einfachheit halber sprechen wir ihn ab sofort mit seinem Vornamen an. Sebastian. Benannt nach seinem Erretter. In Lagos lernten wir zwei Langzeitsegler aus Deutschland kennen. Sebastian und Franka sind seit zwei Jahren mit ihrer Peace Arrow, einer 35-Fuß-Reinke, unterwegs, waren in der Karibik und sind heuer über die Azoren wieder nach Europa gesegelt. Sebastian ist Elektroingenieur und nahm sich unseres Problemfalles geduldig an. Freiwillig und mit Begeisterung, was wir angesichts unserer vielen Monate des Windgenerator-Frustes, der sich zu einer bodenlos tiefen Abneigung ebenjenem gegenüber entwickelt hat, überhaupt nicht nachvollziehen können, aber er fand es  – O-Ton  – „spannend, denn mit jedem Problem, das du löst, lernst du dazu“. Wir alle lernten dazu, sogar ich Technik-Rebellin. In einem Satz zusammengefasst: Unsere Batterien waren zu gut für den Windgenerator. Denn tatsächlich sah der Generator keine Notwendigkeit zu laden, weil die Spannung in den fünf Batterien überdurchschnittlich hoch war, was wir aber nicht wussten, weil unser an Bord montiertes Voltmeter falsch anzeigte.

Strömender Strom strömt

Um den widerspenstigen Windgenerator in Schwung zu bringen, wandte Sebastian eine einfache Methode an. Einen ganzen Tag lang durften wir ohne Solar- und Landstrom alle Verbraucher, die irgendwie auffindbar waren (wir leben so bescheiden, dass deren Zahl überschaubar ist) aktivieren. Maha Nandas Kühlschrank lief auf Hochtouren und an Deck leuchtete sie wie ein Christbaum, bis die Spannung endlich nach Stunden unter 12,3 V sank, was unseren scheintoten Generator zum Leben erweckte. Er entsann sich seiner Bestimmung, begann Strom zu liefern – und hat bis heute nicht damit aufgehört.

Das Wunder von Lagos feierten Sebastian, Franka und Maha Nandas Crew mit einem gemeinsamen Abendessen: Dal, Alu Gobhi und reichlich Vinho Verde, einem portugiesischen Rosé. Die beiden Deutschen sind unglaublich entspannte Segler. Egal ob Einhand-Segeln, Trockenfallen, Motorschaden oder Mayday am ersten Weihnachtsfeiertag – nichts ist problematisch, alles easy. Franka und Sebastian gaben uns auch den Tipp, in der Ria de Alvor zu ankern. Ist nur drei Meilen von Lagos entfernt und doch völlig abseits vom Trubel. Hinter der Einfahrt erstreckt sich eine kleine Lagune von wo aus es weiter bis in das Hafenbecken von Alvor geht, das an der Mündung des gleichnamigen Flusses liegt. Mit viel Tiefgang und wenig Ortskenntnis ist die Einfahrt allerdings nicht zu empfehlen, schon gar nicht bei Niedrigwasser, denn wenn nicht ausgebaggert ist, beträgt die Fahrrinne nur um die 1,2 Meter.

Wir liegen lieber außerhalb des Hafens, haben hier in der Nacht die ganze Lagune für uns allein, bei Tag schauen wir den waghalsigen Manövern der Kite-Surfer zu, die hier ihre akrobatischen Sprünge trainieren.

Trotz des Nordwindes haben wir hier keinen Schwell, was uns nicht nur in den Nächten, die wir friedlich schlafend wie Babys verbringen, freut, sondern auch beim Fahren mit unserem Mini-Dinghi. Die unfreiwillige Salzwasser-Dusche bleibt uns nämlich bei ruhiger See erspart und die Besichtigung des hübschen Städtchens Alvor gelang trockenen Fußes und Hauptes.

Für alle Daheimgebliebenen, die sich einen faulen Tag an Bord eines kleinen Segelbootes nicht vorstellen können, gebe ich hier eine kurze Zusammenfassung:

  • Aufstehen, wenn die Sonne zu wärmen beginnt. Derzeit haben wir Sonnenauf- und Untergang um halb acht, die Nächte sind relativ kühl, so um die 16 Grad, mit hoher Luftfeuchtigkeit. Also lassen wir die Tage gemütlich angehen, denn eine Stunde nach Sonnenaufgang lässt es sich schon entspannt im Freien frühstücken.
  • Wetterdienste checken. Egal ob wir weiterwollen oder nicht, die Wind-Apps ziehen uns in der Früh magisch an. Danach werden unsere Tage geplant, danach reisen wir.
  • Schwimmen: Ich ja, Christoph nein. Darüber brauchen wir keine weiteren Worte verlieren, ich sage nur: Atlantik-Temperaturen.
  • Dinghi startklar machen: Arbeiten an Bord dauern zehnmal so lange wie daheim. „Ich hole schnell mal beim Billa Milch“ wird zu Hause mit einem Zeitrahmen von 20 Minuten kalkuliert, unsere Einkaufstouren für die Bordverpflegung entsprechen dagegen einem Halbtagesprogramm inklusive Rucksack-Wandertour durch die halbe Ortschaft. Dementsprechend dauern das Aufpumpen des Dinghis und das Befestigen des Außenborders etwas länger, als den Zündschlüssel des vor der Haustür geparkten Autos zu drehen.
  • Fahrt zur Promenade von Alvor, Spaziergang inklusive Besuch einer Cocktail-Bar
  • Rückfahrt, Sonnenbaden an Deck
  • Essen. Es gab gestern Pizza, was in meinem Behelfsbackofen Omnia inklusive Belegen des Teiges nur 30 Minuten dauert. In Maha Nandas Pantry wird mit einem Spiritusherd mit zwei Flammen – absolut unkompliziert zu bedienen – gekocht. Zwar ist der Brennwert relativ niedrig, große Hitze erzeugen die Flammen nicht, aber mittlerweile haben wir das Ding schon gut im Griff und bis auf eine misslungene Lasagne – der liebevollste aller Ehemänner fand sie gar nicht so schlecht und aß tapfer zwei Portionen – ist die Bordküche eine echte Erfolgsgeschichte.
  • Pantry reinigen: Einer kocht, einer wäscht ab – so lautet unsere Arbeitseinteilung an Bord und sie funktioniert reibungslos. Wenn wir auf See sind, waschen wir mit Meerwasser ab, denn wir haben nur 100 Liter Süßwasser im Tank, also ist Sparen angesagt. Liegen wir im Hafen, dürfen wir pritscheln so viel wir wollen, da stehen dann auch mal Deckschrubben, Handwäschewaschen oder Rumpfreinigen am Programm.
  • Sonnenbaden
  • Kaffeetrinken
  • Lesen
  • Zeichnen/Bloggen
  • Aperoltrinken
  • Netflix-Schauen
  • Aperoltrinken
  • Zähneputzen. Für die Katzenwäsche zapfen wir unser Süßwasserreservoir an, für die große Wäsche haben wir ja die riesige Badewanne vor der Haustür… Pardon, ich meine: vor der Badeleiter
  • Ab in die Koje und in den Schlaf schaukeln lassen. Durch die Luke sehen wir die Sterne leuchten. Heller als zu Hause. Aber nirgendwo sind sie so hell wie am Wasser, weit außerhalb von Landnähe, wenn ringsherum völlig Finsternis herrscht und nicht einmal Maha Nandas Decklicht eingeschaltet ist.
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