Ein Jahr unterwegs: die sieben absurdesten Gründe, die dagegen sprechen

Es ist ja nicht so, dass wir sorglos in das kommende Jahr hineinhüpfen und vor nichts Angst haben. Uns ist klar, dass wir vor den ersten richtigen Wellenbergen zittern werden, dass wir seekrank darniederliegen können oder mein Weisheitszahn zu qualvollem Leben erwachen könnte. Es ist auch durchaus im Bereich des Vorstellbaren, dass der eine oder andere Teil von Maha Nanda an Materialermüdung einen allzu frühen Tod inklusive Abgang ins Seemannsgrab erleidet, was in Momenten der Überforderung zu etwas raueren Umgangsformen zwischen Captain und Crew führen könnte. Statt lieblichen Liebesschwüren wird der Captain in Zeiten des Unbills wütende Worte des Zorns über die Captainsgattin ergießen, welche dann leider nicht, wie zu Hause in solchen Fällen üblich, mit Türen knallen kann. Auch kann sich der erboste Gatte nicht schmollend für Tage oder Wochen in sein Atelier zurückziehen, wo er meisterhaft schweigend im eigenen Zornessaft schmort. Nein, wir werden ganz schnell gemeinsam Lösungen finden und ganz gegen unsere bisherigen Gewohnheiten vernunftorientiert Stresssituationen meistern müssen.

Je mehr Leute von unseren Plänen erfahren – Leute, die mit Segeln wenig bis gar nichts am Hut haben – umso mehr Befürchtungen tauchen auf. Ich meine nicht unsere sondern die Befürchtungen unserer Gesprächspartner, denn da tun sich manchmal Sorgen auf, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Hier ein best of, gerankt nach meiner persönlichen Absurditätsskala:

Nummer 7: Habt ihr keine Angst, wenn ihr kein Land mehr seht?

Das ist doch das Um und Auf einer Ozeanüberquerung: die Freiheit in alle Richtungen und die scheinbare Einsamkeit auf dem Planeten, der bald 8 Milliarden Menschen tragen wird, zu erleben.

Nummer 6: Wird euch nicht langweilig, wenn ihr ein Jahr lang nur segelt?

Ich weiß nicht genau, wie sich Nicht-Segler segeln vorstellen, aber so ist es nicht: Wir sitzen tagein tagaus im Cockpit, starren aufs Meer und tun nichts. 365 Tage lang. Tatsächlich werden wir lauter Orte ansteuern, die wir noch nie zuvor gesehen haben, werden Häfen, Städte, Fischerdörfer und einsame Buchten für uns entdecken, werden wandern, Rad fahren, Leute kennenlernen, Partys feiern, Logbuch und Blog schreiben, lesen und faulenzen. Notgedrungen werden wir auch Wäsche waschen, putzen, einkaufen, kochen und ganz oft Dinge reparieren. Und manches Mal werden wir nur aufs Meer schauen…

Nummer 5: Wie könnt ihr ein Jahr ohne Dusche leben?

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Erstens gibt es ja die Salzwasser-Kübeldusche und zweitens: Wir haben schon vor, an Land zu gehen. Und in Häfen gibt es bekanntermaßen Duschen, wir werden uns also sicher im Laufe des Jahres, das eine oder andere Mal reinigen.

Nummer 4: Was macht ihr, wenn euch das Wasser/Essen ausgeht?

Liebe Leute: Wir segeln nicht ein Jahr nonstop sondern ganz lange, eigentlich meistens, in Küstennähe und mir sind wenige Fälle von Atlantikseglern seit Christoph Columbus bekannt, die ihre Vorräte so schlecht planten, dass sie bereits nach zwei Tagen ohne Wasser oder Essen kurz vor der völligen Austrocknung gestanden wären.

Nummer 3: Was macht ihr, wenn mitten am Atlantik der Motor ausfällt?

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Naja, Maha Nanda ist eine Segelyacht. Manches Mal ist der gute alte Bukh Motor sehr wichtig – bei Manövern, in Kanälen, bei Hafeneinfahrten, bei einem Mann-über-Bord-Manöver… Aber über den Atlantik? Werden wir nicht motoren!

Nummer 2: Wie haltet ihr in der Nacht an? Ankert ihr?

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Jetzt kommt meine Stunde der Belehrung: Die Mathematikniete Ulli gibt euch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung vor. Die Ankerkette sollte vier- bis fünfmal so lang wie das Boot sein. Der Atlantik ist bis zu 5000 Meter tief, unser Boot ist 11 Meter lang und unsere Kette 50 Meter lang. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass unser Anker den Grund des Atlantik erreicht? Übrigens ist unsere Kette ungefähr hundert Kilo schwer. Eine 5000 Meter lange Ankerkette mag ich mir gar nicht vorstellen… Zusammengefasst. Wir können in der Nacht – und auch bei Tag – nicht stehenbleiben. Da müssen wir einfach durch. Punkt.

Nummer 1: Wie werdet ihr es miteinander ein Jahr zu zweit auf engstem Raum aushalten?

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Das häufigste Gegenargument, das wir hören ist: „Ich würde es mit meinem Mann/meiner Frau keine Woche auf dem Boot aushalten.“ Diesen Satz hören wir auch von den glücklichsten und harmonischten Ehepaaren. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass so viele Menschen so sehr auf ihren Freiraum bedacht sind. Nämlich auf ihren räumlichen Freiraum. Gemeinsam Spazierengehen, ja. Aber dann möchte sich jeder in seine vier Wände zurückziehen, Wohnzimmer und Hobbykeller. Gemeinsam eine Woche Urlaub – geht gerade noch. Aber zu Hause geht jeder seinem Hobby nach, der eine sitzt stundenlang alleine am Ufer der March und fischt, die andere geht walken oder in einen Yogakurs.

Wir können dazu nur sagen: Wir gehen uns nur im Streitfall ganz gerne aus dem Weg (siehe oben) und unsere geringste Sorge ist zu viel Nähe für ein Jahr. Abgesehen davon: Wir werden sicher das eine oder andere Mal an Land gehen, besser gesagt ganz ganz viele Male. Und das werden wir nicht permanent händchenhaltend tun. Es könnte durchaus sein, dass wir uns an Land so weit voneinander entfernen, dass wir uns für Stunden aus den Augen verlieren. Feel free for some hours!

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6 Kommentare

  1. Köstlich, was sich da für Abgründe auftun. Bei mir ist es ähnlich, bis auf die Frage der (konfliktbehafteten) Zweisamkeit. Als Einhandsegler – ok, ich habe immerhin den Hund dabei – ist das grösste Konfliktpotential der eigene Skipper bzw. der eigene Schweinehund (nicht der Hund). Allein segeln geht ja noch, aber abends alleine in einem Hafen zu liegen oder in einer lauschigen Ankerbucht alleine vor sich hinzuschaukeln ist sicher mindestens so eine Herausforderung wie zu zweit auf knapp 20 Quadratmetern. Darauf freue ich mich und bin gespannt, wie das gehen soll.

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