So far away but still near. Wir werden bald ein Jahr lang weit weg von zu Hause sein. Aber was heißt schon weit weg? Entfernungen sind relativ und mit den Jahren werden sie immer kürzer. Das liegt nicht nur am Alter – sooo alt sind wir ja schließlich auch noch nicht – sondern auch am technischen Fortschritt.

Ausgewandert

Handy, Skype, Satellitentelefon. Für unsere Kinder ist die Kommunikation vor der Zeit von What’s App unvorstellbar. „Wie habt ihr euch damals eigentlich zu Partys verabredet?“ Aber ich denke an die Zeit, als meine Großeltern jung waren. Meine Oma lernte in Wien einen jungen Mann kennen. Er, der Auswanderer, war wegen eines Todesfalls für ein paar Wochen von Buenos Aires nach Hause gekommen. Sie haben sich nur ein paarmal gesehen. War es Liebe auf den ersten Blick? Abenteuerlust? Wahrscheinlich beides, denn meine Oma schrieb an ihre in Kärnten lebende Mutter, sie habe sich entschlossen, ein Schiffsticket zu kaufen, um diesem Mann nach Argentinien zu folgen und ihn zu heiraten. Man stelle sich diese Situation in den 30er-Jahren vor. Eine äußerst attraktive, äußerst halsstarrige junge Frau reist wochenlang ohne Begleitung mit dem Schiff über den Atlantik in ein Land, das man nur – wenn überhaupt – aus Zeitungsberichten oder Büchern kennt. Zu einem fremden Mann, den sie drei-, viermal kurz gesehen hat. Welche Möglichkeiten der Kommunikation gab es damals? Briefe. Das wars.

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Meine Großeltern 1934 in Buenos Aires

Die Unbeschwertheit und das Vertrauen in das Gute haben sich übrigens in diesem Fall ausgezahlt: meine Oma hat meinen Opa am ersten Tag, als sie von Bord des Schiffes ging, im Hafen von Buenos Aires geheiratet, der Rest ist Familiengeschichte.

25 Jahre alte Briefe

Im Jahr 1993 reisten Christoph und ich nach Indien. Ist ja noch nicht so lang her, sagen wir. Vor einer Ewigkeit, sagen unsere Kinder, die sich nicht vorstellen können, wie weit weg Indien damals von Europa war. Telefonieren konnte man nur von öffentlichen Ämtern aus und auch nur dann, wenn eine Verbindung nach Österreich hergestellt werden konnte – was nicht immer der Fall war. Heute sehe ich es als Riesenvorteil, dass ich viele, detailreiche Briefe nach Hause geschrieben habe. Die waren, erzählen mir meine Eltern, der Renner in der Familie und so amüsant, dass sie immer und immer wieder zum Gaudium von Großeltern, Tanten und Onkeln vorgelesen wurden. Jetzt lese ich selbst darin und schmunzle über unsere Erlebnisse vor 25 Jahren.

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Die Ghats von Udaipur 1993

In Udaipur in Rajasthan hatten wir den Plan, ein Fax nach Hause zu schicken. Das war eine unerhört moderne technische Innovation für das damalige Indien. Der Ablauf, so entnehme ich meinem Brief, sah folgendermaßen aus: Das Faxgerät stand in einem mit drei abgesperrten Türen gesicherten Raum, unser Schreiben musste mit einem vom Amt vorgegebenem Stift auf eigens dafür vorgesehenem Papier geschrieben werden. Dann wurden wir genötigt, drei Formulare auszufüllen, die wurden nach dem vier Augen-Prinzip von zwei Beamten unterzeichnet und gestempelt, anschließend mussten wir die Daten unseres Passes auf das Schreiben, das wir an meine Eltern faxen wollten, dazukritzeln.

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Ein weiterer Officer erschien nach dieser Prozedur, um das Fax zu lesen. Er starrte volle zehn Minuten auf den Zettel, um uns dann zu fragen: „Which language is this?“,   unterschrieb schließlich UNSER Fax und drückte es dem vierten Beamten in die Hand, um es zu verschicken. Selbst durften wir natürlich nicht Hand anlegen. Es hieß dann, wir sollten in zwei Stunden wiederkommen, bis dahin sei das Fax verschickt, doch als wir nach der vereinbarten Zeit auftauchten, sahen wir durch die Fensterscheibe das verwaiste Faxgerät, während uns der Officer No. 3 erklärte, No.4 versuche seit Stunden ununterbrochen alles, „to get the line“. Fünf Stunden später – das Faxgerät immer noch in der geheimnisvollen Kammer eingesperrt, eine Verbindung nach Österreich war bis dato nicht hergestellt worden -, gaben wir auf und cancelten unseren Auftrag. Das kostete uns allerdings eine weitere Stunde, in der wir nicht nur drei Formulare ausfüllen sondern auch ein Bittschreiben an den Superintendent persönlich richten mussten. Aber immerhin – so steht’s im Brief – bekamen wir unser im Voraus bezahltes Geld wieder zurück.

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Udaipur ist für seine Puppets berühmt

Laptop? Fehlanzeige in den 90er-Jahren, in indischen Büros standen lediglich vereinzelt russische Computer in verrosteten Blechhüllen herum. Für meine Forschungsarbeit hatte ich jedoch etliche Fragebögen erstellt, die ich für meine empirische Arbeit an etliche Frauen, die in der Tourismusbranche tätig waren, verteilen wollte. (Das Thema meiner Diplomarbeit an der Universität Wien war „Der Einfluss des Tourismus auf indische Frauen“.) Ich hatte die Fragen handschriftlich vorbereitet, in einem Straßenlokal konnte man gegen ein paar Rupien Texte auf einer Schreibmaschine abtippen und kopieren lassen. Weil der Mitarbeiter nicht des Englischen mächtig war, musste ich während seiner Tipp-Arbeit neben ihm sitzen bleiben und in Echtzeit seine Tippfehler korrigieren. Noch umständlicher war die Übersetzung der Fragebögen in Hindi. Die Managerin eines Tourist-Office, mit der ich mich angefreundet hatte, übersetzte die englischen Fragen für mich, mit der Übersetzung ging es wieder zur Copy-Office, wo erneut getippt wurde. Die Devanagari-Schrift war dem Officer offenbar vertrauter, denn er tippte deutlich schneller als die englische Version. Da mein Hindi bei weitem nicht an mein Englisch heranreicht, musste ich seinen Rechtschreibkenntnissen vertrauen…

Und heute? Sitzen wir an fast jeder Ecke der Welt mit WLAN und schicken Fotos und Filme in Sekunden in die Heimat. Und in den wenigen Winkeln ohne WLAN kommt das Iridium-Satellitentelefon zum Einsatz. Die Zeit der wahren Abenteurer, der tollkühnen Männer und Frauen, die ins Unbekannte reisten, sind vorbei. Bin darüber in Anbetracht unserer Pläne aber gar nicht böse 😉

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