Lümmelbeschlag, Schandeck, Süll und Cunningham. Kennt ihr die komische Sprache der Segler? Alle, die zum ersten Mal damit konfrontiert werden, wundern sich und jene, die am Beginn dieser wunderbaren Passion stehen, verzweifeln schier an den wundersamen Wortschöpfungen und furiosen, ausschweifenden Redewendungen. Viele Sportarten habe ihre eigenen Ausdrücke, aber Segeln ist ja nicht immer Sport gewesen und präzise Begriffe und klare Kommandos können zur Überlebensfrage werden. Im Moment der Gefahr sind rasche Entscheidungen und deren sofortige Umsetzung gefragt; nicht erwünscht, ist, dass der Captain herumeiert und – was Captain Christoph wenn er nicht gerade in seinem Amt als Captain ist, übrigens ins olympischer Weise beherrscht – weit ausholende, langatmige und blumige Geschichten erzählt.

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Damals, als wir noch blutige Anfänger waren und in der einen oder anderen Situation verzweifelt in unseren hintersten Gehirnwindungen nach Vokabeln gesucht haben, waren unsere Kommandos noch nicht immer klar und deutlich. Da konnte es durchaus passieren, dass mein Captain im Eifer des Gefechts „Zah ån am Schniarl!“ schrie. Für des Österreichischen nicht mächtige Leser: „Zieh an der dünnen Schnur an“. In der Seemannsprache hatte er allerdings gemeint. „Setze das Großsegel“.

Höflichkeit ist möglich, aber sinnlos

Segler, bitte einfach weiterscrollen. Für alle Nichtsegler muss ich ein bissl ausholen. Es ist nämlich tatsächlich so, dass es auf einer Segeljacht (auch auf einer kleinen Jolle) mehr als ein Schniarl – nennen wir es korrekt „Leine“ – gibt. Das obige Kommando ist also insofern für die Crew verwirrend, als sie erstens nicht weiß, von welcher Leine der Befehlsgeber spricht und zweitens keine Ahnung hat welches Manöver dieser eigentlich fahren will. Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass der Captain ja einfach mit knappen Worten in normaler Umgangssprache beschreiben könnte, was er will, aber wird’s damit wirklich einfacher? „Fier auf die Schoten auf halben Wind“ versteht jeder in der Sekunde. „Geh bitte mal nach Backbord – also auf die von mir aus gesehen linke Seite des Schiffes und dann löse die grün-gestreifte dünne Leine aus dieser Klammer mit den schwarzen Kunststoffzähnen, dann lässt du bitte so lange Leine nach, bis das Segel so gut wie möglich einen rechten Winkel zum Schiff bildet ohne dass es zu flattern beginnt,  rollst die Leine zweimal um dieses konische Metallteil auf der linken Seite des Schiffes und steckst einen Teil der Leine in den oberen Ring dieses Metallteils, um diese zu fixieren, damit die Länge der Leine unverändert bleibt.“ Da können wir nur hoffen, dass wir uns gerade nicht auf Kollisionskurs befinden, keine Böen drohen, die die Jolle zum Kentern zum bringen, und auch sonst kein dringend notwendiger Bedarf besteht, dieses „Kommando“ auszuführen.

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Darauf, dass das Ruder kein Paddel ist, haben Christoph und ich uns, wie ich schon mal erzählt habe, bald geeinigt. Nämlich damals, als er die Crew – angesichts akut drohender Schilfinselsteckenbleib-Gefahr – anschrie: „Nimm das Ruder“. Was die Crew – nämlich ich – ohne mit der Wimper zu zucken tat, indem sie dem Captain das Steuerruder aus der Hand nahm. Dass der das Paddel gemeint hatte und nun selbst hektisch nach dem Holzteil griff, um schlammigem Ungemach zu entkommen, war in diesem Moment nicht das Problem der Crew. Was wir erst Tage später, als sich der eheliche Sturm gelegt hatte und die beleidigte Deckhand wieder bereit war, mit dem – zugegebenermaßen noch unerfahrenen Captain – wieder in ein und die selbe Jolle zu steigen, gemeinsam in vernünftigem Ton erörterten. Wie gesagt, erst Tage später.

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Wenig aussagekräftig erwies sich auch das Kommando im Zuge eines der ersten Anlegemanöver, das da lautete. „Foahr a bissl weida ume!“ Hochdeutsch: „Fahr ein bisschen weiter hinüber!“ Was sollte das bedeuten? Backbord? Steuerbord? Man weiß es bis heute nicht, das Anlegemanöver ging schief. Da war auch jener Segellehrer, der Heerscharen an österreichischen Schülern in die Verzweiflung trieb und dessen Namen in diesem Blog nicht genannt werden darf, kein leuchtendes Vorbild für Seemannschaft. Sein Befehl zum Setzen des Großsegels lautete: „Aufe mit’m Fetz’n!“ (Hinauf mit dem Tuch!)

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Das bringt mich zu einem weiteren Argument für die Seefahrt-Sprache, möge sie auch noch so viele lingusitische Absonderheiten aufweisen. Egal ob aus Ostfriesland, Bayern, Tirol oder Niederösterreich: Fachausdrücke versteht jeder Segler, was man wohl vom Rest des Kauderwelsch an Bord nicht behaupten kann. Speziell die niederösterreichischen Richtungsbeschreibungen sind ein Gedicht wert. Umi oder ume kennt ihr ja schon, das heißt „hinüber“. Aber „herüber“ heißt „uma“. Aufe – hinauf, owe – hinunter, eine – hinein, auße – hinaus, hintre – nach hinten, viere – nach vor. Eine große Welle ist ein großer Woscha und die weibliche Crew wird, wenn sie keift, zur Bissguarn. Jetzt kommt noch dazu, dass kleine Regionen, manchmal sogar einzelne Ortschaften, ihre eigenen Ausdrücke haben. „Muida, gib da Kui a Fuida“ heißt „Mutter, gib der Kuh Futter“, hört man nur in wenigen Ortschaften des Weinviertles, und der beste Ehemann von allen hat noch von seinen Großeltern ein paar Hohenauer Spezialausdrücke parat, so eine Mischung aus Slowakisch, Tschechisch und Deutsch. Wenn er „schetzkojedno“ sagt, ist ihm alles einerlei und sein Anblick in der „Bodli“ ist nur seiner treuen Ehecrew vorbehalten, dann trägt er nämlich Unterhose.

Nach diesem kleine Exkurs in die unendlichen Weiten des Niederösterreichischen, nun unser Fazit. Es lohnt sich, als Segelnovize jene eigentümlichen Wörter der Präzision zu studieren. Bald wird einem klar, dass Hundsfott keine Beleidigung, das Kielschwein nicht das Haustier des Captain und der gebundene Holländer keine spezielle Strafform für meuternde niederländische Seefahrer ist.

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8 Kommentare

  1. Köstlicher Beitrag und erst noch wahr! Niederösterreichisch bietet ähnlich Amüsantes wie unser Schwyzertütsch: „Taar da da? Da taar da! Da da da taar!!! Übersetzt aus dem Schaffhausischen: Darf es (sie oder er) das? Das darf es! Dass es das darf!
    Mast- und Schotbruch und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel oder: „setz mal die Jakobsleine durch!“ Sergio

    Gefällt 1 Person

  2. Klasse, grosse Klasse! Ich schmunzele immer noch! 😀
    „Aufe mit’m Fetz’n!“ – Das hiess bei uns an Bord oft „Hoch den Lappen!“
    Und wie war noch da Kommando des koelschen Seglers zur Wende [offiziell „Klar zur Wende! – Ist klar. – Re!“]? Der Koelner hat dafuer: „Solle m’r? – Solle m’r nit? – Erömm! [= herum]“.
    Und da faellt mir noch aus „The Art of Coarse Sailing“ die Definition des „Coarse Sailor“ ein: das ist jemand, der in der Notsituation jegliches nautisches Vokabular vergisst und schreit, „Verdammt nochmal, links rum!“

    Gefällt 1 Person

  3. Apropos zum „coarse sailor“ werden: ich habe als Skippr bem Kommando „backbord“ bzw. „steuerbord“ immer in die Richtung gezeigt, in die der Rudergaenger steuern sollte, und mir oft die Rueckfrage eingehandelt, „Wohin denn nun? Dahin, wo du hinzeigst, oder dahin, wohin du gesagt hast?“ Und meine Antwort war, wie sollte es auch anders sein, „Immer dahin, wo ich hinzeige.“

    😀

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