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Psst, nicht weitersagen. Aber wir haben ein wunderbares Fleckerl Erde gefunden. Ungefähr 1.300 Kilometer entfernt von unserer Heimat, gerade noch in Europa. Eigentlich dürfte man Geheimtipps ja nicht weitergeben – zumindest nur ganz geheim an ausgewählte Personen. Aber Lemmer ist einfach zu schön, um es für sich zu behalten. Was, ihr wisst nicht, wo Lemmer ist? Also: Lemmer ist eine kleine Stadt im holländischen Friesland und liegt am Ijsselmeer. Das war früher eine Meeresbucht, aber dann haben die Holländer das getan, was sie besonders gut können. Sie haben einen riesigen Damm gebaut und die Zuiderzee von der Nordsee getrennt, sodass aus dem Meer ein See entstand. Das Ijsselmeer. Warum das Meer in Holland früher „Zee“ hieß und der See jetzt „Meer“? Dazu reichen meine Friesischkenntnisse nicht aus. Helaas.

Tatsache ist, wir sind Lemmer-Fans. Vom ersten Tag an. Und wir lieben den Yachthaven Friese Hoek weil hier…

1. …so viele sympatische Leute arbeiten. Die sind so unkompliziert, die Friese Hoeker, das ist fast irritierend, wenn man aus Österreich kommt. Du willst eine Jacht kaufen? Kein Problem, Stunden später besitzt du sie. Du willst sie kranen? Warum nicht jetzt gleich, oder in einer Stunde oder morgen um 9 Uhr? Geht klar, machen wir! Der Mast soll morgen gestellt werden? Okay. Das Schiff soll ins Wasser? Zu Mittag schwimmt es. Der Walter, Inhaber von Lemmer Nautic, Jachtmakler und -Vercharterer ist der Mann unseres Vertrauens, wenns um Papiere, Kaufbestätigung, Schiffspläne und andere Unterlagen geht, die kein Mensch in Holland braucht, für die österreichische Bürokratie aber überlebenswichtig sind. Denn damit das klar ist: In Österreich ist ein Schiff, das keine Registrierungsnummer, von unserer Landeshauptfrau persönlich unterschrieben, hat, nur ein Phantom. Was nicht amtlich ist, existiert de facto nicht. Punkt.

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2. Weil Friese Hoek außerhalb der Lemmer’schen Schleuse liegt. Nicht, dass wir Angst vor Schleusen hätten, aber wir haben in unserem – zugegebenermaßen – recht kurzen Seefahrerleben noch keine befahren. Nicht einmal ein kitzekleines Schleuschen. Nachdem Schiffsbaumeister Willi uns erst vor zwei Tagen versichert hat, dass die Schleuse von Lemmer eine der größten Hürden am Weg über den Atlantik darstellt, lassen wir sie einfach weg und fahren direttissima Richtung Südwesten. Nächstes Jahr dann…

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3. Weil für Werftmeister Martin alles so selbstverständlich ist. Okay, okay. Er ist Friese und am Meer aufgewachsen. Und klar, für uns ist das Renovieren von Maha Nanda zur Zeit die aufregendste Arbeit, die man sich nur vorstellen kann, für ihn ist es das wohl eher nicht. Muss wohl so spannend sein, wie für einen Autohändler die Reparatur eines Peugeot 504. Aber zeig mir mal einen Autohändler, dem du sagst, du würdest gern dein Auto selbst aufpolieren und versiegeln. In seiner Werkstatt. Weil du Kosten sparen willst. Der dir daraufhin verständnisvoll den Schlüssel zu seiner Werkstatt in die Hand drückt, und dir seine Arbeitsgeräte zur Verfügung stellt. Und dir eine Werkbank neben deinem Auto montiert, damit du Platz für deine Utensilien hast. „Vergiss nicht das Licht abdrehen und zusperren, wenn du heimgehst, doei.“

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4. Weil das Ijsselmeer der ideale Platz zum Aufwärmen ist. Wir haben nicht viel, aber doch schon einiges an Segelerfahrung vorzuweisen, etliche Meilen haben wir schon am Mittelmeer und an der Ostsee gesammelt. Aber Maha Nanda ist noch ganz fremd für uns. Eigentlich kennen wir die alte Lady noch gar nicht.  Wobei, stimmt nicht so ganz: Wir kennen sie in- und auswendig. Jeden Millimeter Lack auf ihrem Rumpf haben wir poliert, ihre gesamte Länge mit weißen Streifen versehen. Wir kennen jedes Winkerl in ihrem Inneren, durch teils leidvolle Erfahrung. Denn um in die allerunterste Ecke des Bugs zu krabbeln, und dort gammeliges Sperrholz zu entfernen, in den hintersten Winkel des Kastens zu klettern, um ein Fach zu montieren und die Achterkojen bis zu deren bitteren Ende mit unberschreiblich chemisch stinkendem Teppichreiniger zu bearbeiten, muss man entweder ein Schlangenmensch oder sehr enthusiastisch sein. (In zweiteren Fall sind Muskelkater, Rückenschmerzen und Schulterverspannungen bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit in den späteren Abenstunden die Folge des zweifelhaften Urlaubsvergügens.)

Auch den Mast und seine Fallen durften wir aus nächster Nähe im Detail kennenlernen, denn er liegt in der Halle nebenan und wird gerade saniert. Somit kennen wir das Masttopp ohne 16 Meter raufklettern zu müssen. Auch kein Nachteil. Und trotzdem ist es besser, wir tasten uns vorsichtig übers Ijsselmeer an unsere Reisepläne heran. Denn wir kennen Maha Nandas Segeleigenschaften noch gar nicht. Was nicht ganz unwichtig für eine Atlantiküberquerung ist, aber ich bin überzeugt, wir werden uns, bis es nächstes Jahr so weit ist, bestens verstehen…

5. Weil der Atlantik so nah ist. Hinter dem Ijsellmeer liegt die Nordsee, dann trennt uns nur mehr ein bissl Ärmelkanal vom Atlantik. Also ein Katzensprung. Manchmal kann man in Lemmer die Atlantikluft geradezu riechen. Sie riecht anders als das Mittelmeer, weniger nach Badesegeln und Zwei-Wochen-Charterurlaub, fast nach Ozean mit Dünung und endlosem Horizonth. Weil wir bald dorthin unterwegs sein werden, strecken wir unsere Nasen immer wieder Richtung Südwesten und stellen uns vor, wie es sein wird, wenn wir losefahren. Dann geht’s aber schnell wieder zurück in die Realität. Schleifen, streichen, Ventile reinigen… Listen schreiben, abarbeiten, weiterschreiben.

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6. Weil wir jederzeit, wenn wir Pause brauchen, ein paar Schritte ins Zentrum von Lemmer gehen und im Café neben der Schleuse Kaffee trinken können. Und dann sitzen wir, schreiben ein bissl Listen und schauen… schauen und schauen. Eigentlich könnte man stundenlang beobachten, was da alles so durch die Schleuse, in den Kanal und unter der Hebebrücke in den Stadthafen und wieder herausfährt. Von Plattbodenschiffen über protzige Motorjacht-Klötze bis zu kleinen, liebevoll in Schuss gehaltenen alten Mini-Jachten. Auch richtige Seebären – zumindest Männer, die so aussehen als wären sie welche – sieht man, Familien beim Wochenendausflug, Männer am klassischen Männertörn, das Cockpit voll Bierdosen oder wahlweise Bacardiflaschen, dazu auch geglegentlich Skurillitäten wie einen bei voller Fahrt am Bug schuhsplattelnden Bayern, der jedoch nicht ganz aussah wie man sich einen waschechten Bayern vortellt. Schwarz gefärbtes Haupthaar, solariumgebräunter muskelbepackter Körper – allerdings, ein bissl Speckringerlansatz war dann nicht zu übersehen, gell. Der bayrische Adonis tanzte übrigens im schwarzen Tangaslip…

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