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Gestern mussten Christoph und ich den Tatsachen ins Auge sehen. So schön unsere Maha Nanda aus unserer Sicht ist, es gibt noch schönere Jachten. Ja, die harte Realität hat uns eingeholt. In Form eines Schiffsbauers. Willi aus Lemmer. Seitdem wir hier in der Werft arbeiten, sehen wir ihn ein- und ausgehen, denn er zimmert in der Halle nebenan ein Teak-Deck für eine Jacht, was uns natürlich schon aufgefallen ist, denn dass der Mann ein Profi ist, ist nicht zu übersehen.

Gestern sind wir ins Gespräch gekommen und er hat uns gleich mit seinem Fachwissen in Staunen versetzt. Dass unsere Van de Stadt eine Wibo ist, sehen natürlich die meisten Arbeiter und Eigner hier vor Ort auf einen Blick, aber Willi ergänzte gleich: „Ich kenne den Mann, der vor über 30 Jahren die Pläne für dieses Schiff gezeichnet hat, ein Österreicher: Hans Körner.“ Da schau her! Unsere niederländische Jacht ist österreicherischer als gedacht.

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Willi hat damals in der Werft Van Wijk Maritiem gearbeitet, jene Werft, in der unser Schiff gebaut wurde. Aber danach – und jetzt kommt das mit der Realität – war er bei Royal Huisman. Royal Huisman! Hier werden die teuersten Segeljachten der Welt gebaut, pro Meter darfst du 1,5 Millionen Euro hinlegen, dafür stimmt JEDES Detail auf den Millimeter genau, Luxus auf allerhöchstem Niveau und du kannst alles, was dein Herz begehrt, einbauen lassen, du darfst Interieur und Design selbst entwerfen und natürlich segelt kein Mensch selbst diese Wahnsinnsdinger, daher kriegst du die Crew gleich mit dazu. Die ist übrigens während der gesamten Bauzeit eines solchen Exklusiv-Schiffchens vorort, um jedes Detail von Beginn an kennenzulernen. „Wenn der Eigner während des Baus die Decksfugen nachmisst und da ist eine um drei Millimeter zu breit, wird der Teil entsorgt und neu gebaut“, sagte Willi, als wir ihm unseren wunderschönen neuen Cockpit-Boden zeigen…

Graf-von-Monte-Christo-Job

So viel also zu den schönsten Jachten der Welt, aber wir trösten uns damit, dass solche Reichtümer einfach nur obszön sind. Unsere Maha Nanda ist nämlich einzigartig. „Vor kurzem waren wir Österreicher die fünftgrößte Seemacht der Welt, uns macht keiner was vor“, tönt mein Papa in diesem Moment zu mir rüber. „Ins ganz Holland gibt es kein Mahagoni-Esche-Cockpit mit indischer Beschriftung!“ Ein Schiff mit Seele. Das ist wahrer Individualismus, und ob die weißen Streifen am Rumpf irgendwo eine Mikrometer breiter sind, ist uns wurscht. Die weißen Streifen – einer an der Oberkante, einer an der Wasserkante, sind übrigens meine Arbeitsleitung der letzten drei Tage, das und das Abschaben des alten Namens. Bevor aus Azzurro Maha Nanda wird, musste ich nämlich stundenlang fuzerlweise die alten Klebebuchstaben abschaben und mit Nitroverdünnung bearbeiten. In unserem Familien-Wording nennt man das Graf-von-Monte-Christo-Arbeit. Denn immer wenn endlose Geduldsarbeit ansteht, müssen wir uns in die Situation des Romanhelden von Alexandre Dumas hineinversetzen und sofort werden wir von Zuversicht erfüllt, dass unser Leid in in nicht allzu ferner Zukunft ein Ende hat. Denn der Graf von Monte Christo hat jahrelang mit einem Blechhäferl von seiner Gefängniszelle aus einen unterirdischen Gang in die Freiheit gebuddelt. Was sind dagegen schon ein paar Stunden Lebenszeit, die mit Pickerlabkratzen vertan werden?

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Aber Willi hat uns letztendlich auch Zuversicht gegeben. Er selbst – mittlerweile ist er pensioniert und arbeitet nur mehr zum Vergnügen – hat acht Jahre lang die Welt umsegelt und versichtert uns, dass die Atlantiküberquerung überhaupt kein Problem ist. „Die größte Hürde ist die Schleuse von Lemmer. Wenn du die hinter dich gebracht hast, kommen noch der Ärmelkanal und die Biscaya.“ Danach brauchst du eh nur das Segel auf Am-Wind-Kurs einstellen und rübersegeln. „Wenn du zwischendurch dennoch am Segel zupfst, denkst du dir garantiert hinterher: Hätt‘ ich eigentlich bleiben lassen sollen.“ So viel zu den Tipps vom Profi. Was soll also mit einer Wibo Van de Stadt noch schiefgehen? Eben.

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Apropos schief: Am Nachmittag haben wir eine Pfingstausflug gemacht und Leeuwarden, Kulturhauptstadt 2018 und Geburtststadt von Mata Hari, besucht. Selbstverständlich haben wir nicht nur an einer Gracht Kaffee getrunken, sondern auch den schiefen Turm bestaunt. Wieder was gelernt: Nicht nur Pisa hat so was, De Odehofe ist ein mittelalterlicher Kirchturm, nie fertiggestellt und er neigt sich kontinuierlich. Echt schräg.

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