1xDeckschrubben

Urlaub, der in unserer Familie verpönt ist? All-Inclusive Magic Life Club in Antalia. Zwei Wochen am Pool liegen, das Buffet leerräumen und Cocktails bis zur höchsten Peinlichkeitsstufe trinken. Wir mögen lieber Reisen statt Urlauben, fantastische Orte kennenlernen, besondere Plätze entdecken, in versteckten Lokalen regionale Küche genießen.

Hier in Lemmer gibt es Tage, da könnte ich ein bissl weniger Action ganz gut vertragen. Aber Halt! Das hier ist ja gar kein Urlaub, das ist harte Arbeit, auch wenn sie in der Urlaubszeit unseres Brotberufes getan wird. Daher rief mein Captain auch nach – zugegebenermaßen spätem, ausgiebigen und auch lang andauerndem – Frühstück: „Antreten zum Deckschrubben.“ Da die Crew aus einer Person besteht, war klar, dass ich in der Sekunde mit Bürste, Kübel und Gummihandschuhen bewaffnet an Deck zu erscheinen hatte. Na gut, ganz so war‘s dann doch nicht, denn Captain Christoph ist in Wahrheit kein Mann der Befehlsgewalt, schon gar nicht, wenn sich diese an sein Eheweib (das nämlich bei Befehlen grundsätzlich zu Widerspenstigkeit neigt) richtet. Tatsächlich schrubbten Captain und Crew einträchtig einen Vormittag lang nebeneinander, polierten die Reling und das Deckshaus – wobei die Crew ungebeten einen detaillierten Vortrag über das richtige Auftragen von Autolackpolitur und das korrekte Hochglanzpolieren von Metalloberflächen erhielt. Sowas können nur Männer.

Wer ist der Zwei-Meter-Typ?

Während wir so mehr oder weniger begeistert mit Schrubbarbeit beschäftigt waren, tauchte am Steg ein bärtiger Zwei-Meter-Mann auf. Jetzt muss man wissen, ich habe ein ganz schlechtes Personengedächtnis. Ich merke mir einfach keine Gesichter, was in meinem Beruf als Lokaljournalistin leicht peinlich werden kann. Aber wer will es mir verdenken, wenn ich mich einem graumelierten Mann in dunklem Anzug am Vormittag als neue Redaktionsleiterin des Bezirks vorstelle und am Nachmittag demselben noch einmal? Schließlich sehen alle Politiker in schwarzem Anzug irgendwie ähnlich aus. Naja, viele halt. Und auch dass man einem Bürgermeister wortreich erklärt, warum man die Story aus seiner Gemeinde, in der er blöderweise ziemlich ungünstig wegkommt, unbedingt bringen musste und der der arme Mann ziemlich verdattert schaut, weil er weder aus dieser Gemeinde noch Bürgermeister ist, kann schon mal passieren.

Mein Ehemann dagegen, mit vielen Talenten gesegnet, hat ein unheimliches Personengedächtnis. Nicht nur sieht er, wenn wir durch Wien gehen, alle A- bis F-Promis schon von weitem und beeindruckt mich blindes Hendl mit seiner Gedächtnis-Brillanz, er erkennt auch auf der Straße Patienten wieder, die durch seine Röntgen-Strahlung gegangen sind. Also eigentlich jeden Menschen, den er jemals getroffen oder irgendwo – vielleicht in einem Film – gesehen hat.

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Jetzt also zurück zum Zwei-Meter-Mann. Während ich noch überlegte, dass der mir irgenwie bekannt vorkommt, sagte der Captain neben mir: „Guido Dwersteg?“ Und tatsächlich, er war‘s! Guido ist vor einigen Jahren einhand über den Atlantik bis in die Karibik und dann über die Azoren wieder zurück nach Europa gesegelt und hat einen Video-Blog gedreht aus dem später Filme produziert wurden. Christoph, der sich seit Jahren als Segelfilm-Junkie alles reinzieht, das er nur irgendwie online finden kann, hat die Filme etliche Male gesehen, wir haben Guidos Buch gelesen und erst am Abend vor unserem Treffen, hatten wir einen neuen Film von ihm gesehen, ein Törn rund um den Tiger über die Ostsee bis Murmansk und entlang Norwegens Küste. Wir kennen Guido sozusagen und jetzt hat er uns – ein bissl – kennengelernt. Cool! Übrigens hat er in Lemmer seine ersten seglerischen Erfahrungen gemacht, was nicht ohne kleinere Blessuren vonstatten ging, wie er selbstironisch in seinem Buch „Einhand über den Atlantik“ schreibt.

Durchhalten bis zum Schluss

Kaum zu glauben, aber trotz Jachtrenovierungs-Enthusiasmus inklusive zehn Tagen in vollem Arbeitseinsatz beschlossen der Eigner und das Eignerweib am Nachmittag nach getanem Schrubb-Werk und mit Blick auf die sich im Sonnenlicht spiegelnde Maha Nanda: Wir fahren zum Boogie-Festival nach Hoorn. Es ist nämlich so: Wenn wir nicht gerade segeln (oder arbeiten, Haus instandhalten, die liebe Familie versorgen…), tanzen wir. Ziemlich leidenschaftlich mit viel Begeisterung. Wir haben vor Jahrzehnten in der Wiener Traditions-Tanzschule Mühlsiegel begonnen, sind dann zum Boogie gewechselt und tanzen seit einigen Jahren in einem Club. Was wir lieben: klassischen Boogie-Sound, der so mitreißt, dass man die Füße nicht stillhalten kann, Spaß beim Tanzen und keeping rules to a minimum. Was wir nicht so brauchen: bierernst Schrittfolgen einstudieren, strenge Tanzmeister, die drohend den imaginären Taktstock schwingen und jede um Millimeter falsche Fußstellung mit indigniertem Blick und sofortiger Korrekturanweisung ahnden.

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Also ab nach Hoorn – auf der anderen Seite des Ijsselmeers – über den großen Damm bei Zurich. So eine sehenswerte Stadt! Die schönen Backsteinhäuser, die schiefen Mauern, der Hafen mit den Plattbodenschiffen, das alles bot die perfekte Kulisse für das Festival. Aus den Lokalen tönte Live-Musik, und dazu das Publikum durchgestylt im Rockabilly-Look!

Ein bissl Petticoat und Schiebermütze zum Boogie-Tanzen ist ja auch für uns okay – solang wir uns nicht verkleidet fühlen…, aber in Hoorn trafen sich offenbar am Sonntag alle James Dean- und Gina-Lollobrigida-Look-Alikes der Niederlanden. Dazu gab‘s eine Oldtimer-Parade mit Original-Chevrolets und Buiks aus den 50er-Jahren. Eigentlich hätten wir den ganzen Abend nur mitten am Hauptplatz bei Cappuccino sitzen und schauen können…

Aber wir waren ja zum Tanzen da – was wir natürlich gemacht haben, bis die letzte Band die letzte Nummer gespielt hat. Swing Supply waren unsere Favoriten des Abends, eine Truppe in klassischer Besetzung, inklusive Saxophon und Kontrabass. Der einzige Haken: Der klebrige Fliesenboden in dem Lokal war ein Albtraum für leidgeprüfte Werftarbeiter-Schiffsbauer-Tänzer-Füße. Egal! So einen Tag erlebt man nur einmal, es gibt schließlich wesentlich schlimmere Dinge im Leben, die man ertragen muss, oder? Eben.

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