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Mit unseren Söhnen zum ersten Mal unter Segeln am Mittelmeer

Ich weiß, in Österreich zählt Segeln nicht gerade zu den Massensportarten. Gut, wir haben Tanja Frank und Thomas Zajac, die Olympia-Bronze holten, Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher haben sogar zwei Goldene, ist aber schon ein paar Jährchen her, und Norbert Sedlacek ist ein Fanatiker von nur elf, die die Vendeé Globe 2009 schafften. Aber seien wir ehrlich: Wir haben Berge, wir sind eine Schifahrer-Nation. Wir haben kein Meer und sind definitiv seit 100 Jahren keine Seemacht mehr.

Der Mangel an eigenen Küsten hindert uns Österreicher aber nicht daran, im Juli und August in Scharen an die kroatische Küste zu pilgern. Beim Segelverband sind 16.000 registriert, wir haben aber nur acht Millionen Einwohner! Familie Potmesil – also Mutter Vater und zwei Kinder – wurde vor zehn Jahren auch zu Seglern, aber eigentlich begann alles vor noch viel längerer Zeit.

Kapitän in den Alpen

Beginnen wir in den 40er-Jahren. Mein Papa trägt das Fernweh von klein auf in sich, wie auch schon seine Eltern, meine Großeltern, die in den 30er-Jahren nach Argentinien ausgewandert waren. Er träumte davon, Kapitän auf einem Ozeandampfer zu werden. Eine denkbar ungünstige Ausgangslage für einen Schulbuben in der Nachkriegszeit: der Vater Tischler, die Mutter Schneiderin, die Familie lebte in Kärnten und – eben kein Meer weit und breit. Also verschob er seine Pläne auf später, genauer gesagt auf’s Jahr 1982, in dem er den ersten Segelschein am Neusiedler See machte, den Grundschein, und gleich darauf den Schein für Binnengewässer. Mit diesen „Kenntnissen“ ausgestattet und mit der Praxis von einer Woche Adria-Törn, charterte er im Sommer 1983 für zwei Wochen eine kleine Jacht und nahm seine Familie, meine Mama, meinen 16-jährigen Bruder und mich, damals 14 Jahre alt, mit auf einen Törn von San Giorgio bei Grado Richtung Istrien.

Okay, es waren andere Zeiten. Weniger reglementiert, weniger bürokratische Hürden und vor allem viel weniger Segler in Kroatien. Es war die Zeit vor der politischen Wende, Kroatien war Ostblock. GPS, Handy, Kartenplotter? Es ging auch ohne. Allerdings…

Ziemlich katastrophal

Jeder Segler, der Karl Vettermans Bücher rund um seinen Anti-Helden, den Wiener Kapitän Barawitzka, nicht kennt, müsste das schleunigst nachholen. Meine Familie hatte die Romane des leidenschaftlichen Seglers verschlungen und dabei Tränen gelacht. Nicht immer gelacht hatten wir in besagtem Urlaub in Kroatien, denn mindestens die Hälfte aller Pannen, die Barawitzkas Crew von einem Chaos ins nächste stürzte, wiederholte sich auf wundersame Weise im echten Leben, nämlich bei unserem Törn. Der Wassertank war leck, der Umsicht meiner Mama ist es zu verdanken, dass sie die Spiritusüberschwemmung kurz vor dem geplanten Entzünden des Herds entdeckte und somit eine Explosion abwenden konnte. Das Dingi hatte so viele Löcher wie der Hut des alten Stanislaus aus dem Kinderbuch von Vera Ferra Mikura und musste jedesmal nach zehnminütiger Fahrt neu aufgepumpt werden, der Motor war defekt und funktionierte nur mit Vollgas, was dazu führte, dass wir das Highlight jedes Hafenkinos wurden, wenn wir beim Anlegemanöver die beschauliche Abendruhe mit dröhnendem Motor und wildem Gebrüll des Captain in ungeahnte Dezibel-Höhen schraubten.

Seemannschaft

Mit Hilfe eines Kapfenberger Seglers, der mit einer winzigen Eigenbau-Jacht und seiner Familie in Istrien herumschipperte, uns seine Hilfe anbot, uns vor dem Schlimmsten bewahrte, mit nötigen Tipps und unschätzbarem handwerklichen Geschick unterstützte, umschifften wir alle technischen Mängel, ließen uns die gute Laune, den Optimismus und die Riesenportion Leichtgläubigkeit nicht nehmen und segelten zwei Wochen gemeinsam die istrische Küste entlang. „Es war unser schönster Familienurlaub“, sind wir vier uns bis heute einig.

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Meinem Ehemann und Maha Nanda-Captain, blieb die Schwärmerei vom schönsten Urlaub ever schon in jungen Jahren nicht erspart. Mit jung meine ich sehr jung, wir kennen uns schon seit – also heuer werden es 33 Jahre. Zum Glück ist er erstens sehr begeisterungsfähig – was ich an ihm übrigens sehr schätze und zweitens kann ich in meiner Argumentation sehr überzeugend sein – was er hoffentlich an mir schätzt.

Krisenbewältigung

2008, als unsere Söhne elf und 13 Jahre alt waren, machten wir alle vier am Ossiachersee den Grundschein. Bei Flaute. Auch die Prüfung: bei Flaute. Aber Segeln ohne Wind ist kein Hindernis, Christoph hatte Blut geleckt, es folgte der erste Schein in Breitenbrunn am Neusiedler See bei der Segelschule Kempf, wir machten unsere ersten praktischen, nicht immer freudvollen Erfahrungen. (Es kann sich zu einer ernsthaften Ehekrise auswachsen, wenn der Jollen-Captain die Ausdrücke Ruder und Paddel verwechselt.)

Der Horror-Prüfer

Den FB2-Schein machte Christoph auf die harte Tour. Er entschied sich gemeinsam mit einem Kollegen für eine Wiener Segelschule – der Name derselben bleibe hier ungenannt. Eine folgenschwere Entscheidung, die sich bis heute in den Alpträumen des Captain zu Buche schlägt. Schon der Übungstörn erwies sich bei Sturm und Temperaturen knapp über 0 Grad als harter Tobak. Die Prüfungswoche mit dem Segelschulbesitzer himself an Bord entwickelte sich zur mentalen Prüfung für acht Männer an Bord des Schulschiffs.

Es soll ja Skipper geben, die gänzlich ohne Worte, nur mit wenigen Zeichen die Crew dirigieren, die mit Feingefühl und persönlicher Stärke Schiff und Mannschaft im Griff haben, die perfekte Seemannschaft eben. Der dessen Name hier nicht genannnt werden soll, ist von Feingefühl und persönlicher Stärke seemeilenweit entfernt.  Bringen wir es auf den Punkt: Er ist das Gegenteil davon. Ein Wahnsinniger, ein Berserker. Seine Flüche sind legendär, angeblich exisiert ein Wörterbuch derselben, verfasst von jenen wenigen, die nach dem Prüfungstörn noch in der Lage waren, ohne Schweißausbruch und unkontrolliertem Zittern am ganzen Körper an ihren Peiniger zu denken. Jedes Manöver der verzweifelten Prüflinge wurde von unflätigen Beschimpfungen und Drohungen begleitet, Landgänge so gut es ging verhindert, ebenso Duschen, regelmäßiges Essen oder gar Schlafen. Die Vermutung, dass der Mann als verhinderter Guantanamo-Wärter seine heimliche Berufung an Bord des Schulschiffes auslebte, und in befriedigtem Sadismus alle jene Wünsche wahr werden ließ, die auszuleben seine strenge Ehegattin zu Hause ihm verbot, ließ die Häftlinge – Verzeihung Prüflinge – in dieser unvergesslichen Woche nicht mehr los. Dass sie alle bestanden, grenzt an ein Wunder, dass Christoph nach diesem traumatischen Erlebnis wenig später wieder einen Fuß an Bord einer Jacht setzte, ebenfalls.

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Sein schönster Moment beim ersten Törn nach der Prüfung: Als er ein Manöver fuhr, ohne von irgendeinem Menschen als Oa… beschimpft zu werden. Und heute? An mangelnder persönlichen Stärke liegt es nicht, dass die Manöver wortlos ablaufen. Ehrlicherweise ist die Begriffsstutzigkeit der Crew ein kleines Manko – an dem aber selbstverständlich in den nächsten Monaten hart gearbeitet wird.

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