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An der obere Adria bis zu den Kornaten fühlen sich österreichische Segler wie zu Hause, und dazu müssen sie keine Nostalgiker mit Sehnsucht nach der Monarchie sein. Es ist einfach das beliebteste Segelrevier des Alpenlandes – so nah und so vertraut.

Keine Weicheier

Wenn aber Kurse und Knoten auf Brückenöffnungszeiten abgestimmt werden, Skipper im Hafenbüro um fünf Uhr abends mit Moin Moin begrüßt werden und beherzte Anlegemanöver im Schlick enden, ist es aus mit Vertrautheit. 2014 betraten wir als Segler Neuland – an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern, wo der Österreicher Exote ist. Was uns waghalsigen Seebären und -bärinnen trotzdem nicht abschreckte, und Badesegeln kann ja jeder…

Die Crew, die sich im Juni zum einwöchigen Törn von Wien Richtung Swinemünde an der polnischen Ostsee aufmacht, war selbstverständlich bestens vorbereitet. Das war zum Einen Skipper Christoph,  Bezwinger der oberen Adria, ein echter Kenner sämtlicher Segeltheorien – nun sollte das gelernte und abrufbereite Wissen in der Praxis den Tauglichkeitsbeweis antreten.

Co-Skipper E. (Name der Blog-Redaktion bekannt), ein Mann der Ruhe und des Schweigens, ein Minimalist der Gestik und meisterlicher Vermeider jeglicher Anstrengung, war der Praktiker der Runde. Nennt er doch eine Segeljacht am Neusiedlersee sein eigen, hatte eine Jacht jahrelang in Grado liegen und besegelte sogar den Atlantik bis Madeira.

Ist Weibsvolk anwesend?

Zur Crew gehörten auch die Frauen von Skipper und Co-Skipper, Ulli und I. Erstere ziemlich unerschrocken und voll Erwartung auf des Abenteuer Ostsee, aber auch ziemlich ahnungslos was Segelpraxis und -theorie betrifft – doch zumindest erwiesenermaßen seefest bei Wellengang bis zu drei Metern Höhe. Zweitere eher skeptischer Natur, noch viel ahnungsloser in sämtlichen nautischen Belangen und obendrein seit ihrem ersten und bisher einzigen Kurz-Törn als ganz und gar nicht seefest ausgewiesen.

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Was soll ich sagen? Was mit der ersten Hitzewelle des Jahres, Windstille und Temperaturen bis 40 Grad begann (Wetterbeschreibung des Anreisetages, zwölf Autostunden vom niederösterreichischen Rabensburg bis Swinemünde) endete in Sturmsegeln und Temperaturen knapp über dem Nullpunkt. Damit haben wir nicht gerechnet, wir Mittelmeer-Sommersegler. Aber getaugt hat es uns doch auch irgendwie, also dreien von uns. I. hat sich meines Wissens seitdem geweigert, einen längeren Törn als fünf Meilen am Neusiedlersee und wieder retour anzutreten…

Unsere Pläne, Bornholm anzusteuern, änderten wir relativ schnell. Genauer gesagt noch am ersten Tag in der Marina, als der heiße Junitag grauslichen tiefen Regenwolken und einem Lüfterl, das sich binnen weniger Stunden zur steifen Brise auswuchs, wich. Spätestens als I. in voller Ölzeug-Montur, mit Lifebelt gesichtert, ziemlich farblos und apathisch an der Reling lag, war klar: die Entscheidung war richtig. Unser Beschluss lautete daher: So lange das Wetter nicht besser wird, bleiben wir in Küstennähe.

Styling-Tipp: Layering

Wir sahen Kröslin bei Windstärke sechs und Regenschauern, Stralsund mit Windstärke fünf und bewölkt, gab uns Hoffnung, in Greifswald, bei 35 Knoten Wind und Regen, war klar, das mit dem Sommersegeln wird nix mehr, also „flüchteten“ wir, um I. nicht allzusehr den kurzen steilen Wellen auszusetzen, über Wolgast und Uckermünde in das Stettiner Haff, windgeschützt, was immer noch Böen bis zu 35 Knoten bedeutete, und etwas gemütlicher. Wobei das mit Gemütlich so eine Sache war. Klar, wer Ostsee-segelt, ist mit Ölzeug, warmer Wäsche, Mütze und Handschuhen gut beraten. Hatten wir eh alles mit; womit wir aber nicht gerechnet hatten: Wir zogen zwangsläufig so ziemlich alle mitgebrachten Kleidungsstücke gleich am ersten Tag (übereinander) an – und zogen sie bis zum letzten Tag nicht mehr aus. Erst bei der Heimfahrt kam der Sommer zurück. Da hatte es wieder über 30 Grad, ein leichtes Lüfterl wehte dazu.

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Das Stettiner Haff ist eigentlich eine Flussmündung und ziemlich flach, das Fahrwasser ist betonnt, einen Abschneider zu fahren ist eine ganz blöde Idee. Aber andere machen das doch auch! Während Skipper Christoph schwer vertieft in Seekarte und Berechnungen im Salon sitzt, darf Leichtmatrosin Ulli – eh unter Motor – steuern. Deppensicher, immerhin fahren vor uns etliche andere Yachten, also einfach hinterher, grüne Tonne steuerbord, rote Tonne backbord. Co-Skipper E. steht am Bug, lehnt an der Reling und tut, was er am besten kann: schweigend, E-Zigarette dampfend, Löcher in die Luft starren.

Ich bin ja total wachsam und weiß worauf es ankommnt, deshalb beobachte ich zwischendurch auch brav den Tiefenmesser. Das ist mir nicht geheuer: ein Meter, ein halber Meter. „Du, E., ist das eh okay?“ Keine Reaktion, nur intensives Dampfen und In-die-Luft-Starren. „Du E., jetzt zeigt er nur mehr…“ Ein leichter Rums, ein kurzes Stocken. „Ich glaub wir stecken.“ Christoph steckt den Kopf beim Niedergang raus. „Was passiert hier gerade?“ Wir sind auf Grund gelaufen… Jetzt kommt doch noch Bewegung in E. Für seine Verhältnisse wird er beinahe hektisch. Christoph übernimmt das Steuer, legt den Retourgang ein, wir drehen uns ein Stück am Stand, wirbeln ziemlich viel Schlick auf, kommen frei. Ja, nachher hab ich auch gewusst, dass die Jacht, der ich nachgefahren bin, weniger Tiefgang hat als unsere. Aber E. hätte ja auch früher reagieren können!

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Abgesehen von kleinen Pannen, Kälte und einer etwas schrulligen Crew – wie gesagt: Christoph und mir hat‘s getaugt. Die Hansestadt Stralsund ist faszinierend, die Fachwerkhäuser in den Hafenorten sind echt sehenswert, die Leute in Vorpommern wie das Wetter, rauh aber liebenswürdig 😉 Und erst der Fisch! Die bisher beste Fischplatte meines Lebens habe ich tatsächlich in einer Kneipe in Wolgast genossen. Lag es an der Atmosphäre oder am phantastischen Koch? Wenn ich so drüber nachdenke: Da will ich wieder hin!

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