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Aus den schrecklichsten Momenten entstehen die wunderbarsten Ideen. Von allen schrecklichen Alltagsmomenten gehört der Zahnarztbesuch zu meinen persönlichen Negativ-Favoriten. Weil ich es nicht allein bis in den Behandlungsraum schaffen würde (ich würde tatsächlich kurz vor der Tür einfach umdrehen und weinend heimfahren), muss mich mein Ehemann, damals schon Captain aber noch nicht Jachteigner, zum Zahnarzt chauffieren und bis zur Tür begleiten. Immerhin schaffe ich die paar Schritte bis zum Folterstuhl des Arztes allein. Am Weg zur Praxis unterstützt mich mein Captain moralisch, indem er über Belanglosigkeiten plaudert, und entgegen seinem zutiefst pessimistischen Naturell erfreuliche, ja fröhliche Themen anschneidet. Manchmal gar, versucht er, mich mit harmlosen Scherzen zum Lachen zu bringen – das aber geht zu weit, es ist vergeblich.

Der Weg ist lang, denn wenn es um den Zahnarzt geht, sind wir ein wandelndes Ostösterreicher-Klischee. Wir fahren nach Ungarn. Würde ich nicht zutiefst verzweifelt zwei Stunden als Häufchen Elend am Beifahrersitz kauern, müsste ich mir eigentlich DEN Song des begnadeten Weinviertler Musikers Jimmy Schlager reinziehen. Mosonmagyarova „neiche Zähn’miassn billig sein und weiß“. Okay, Zahnbehandlungen in Ungarn sind günstiger als in unserem Heimatland, aber ich fahre eigentlich zu meiner Soproner Zahnärztin des Vertrauens, weil sie ehrlich lieb ist (liebevolles Bohren!!) und sich jedesmal entschuldigt, wenn nur der geringste Verdacht der Pein besteht.

Mosonmagyaraova von Jimmy Schlager

Steigen wir aus?

An diesem besonderen Zahnarzttag, am Heimweg, während ich mich fühlte, als hätte ich einen Marathon geschafft – es war nur eine kitzekleine Plombe aber für mich ein 42-Kilometer-Sieg – fiel die Entscheidung. Mein Captain und ich sprachen über wirklich schöne Dinge. Über unseren lang gehegten Wunsch, ein Jahr aus unserem Berufsalltag, unserem Lebensalltag auszusteigen. Mit einem Segelschiff bis in die Karibik zu reisen. Die Idee spukte schon lang in unseren Köpfen, jahrelang. Als verschwommener Wunsch, das Ideal einer fernen Zukunft, ein Gedanke, der immer da war, aber nie konkret gedacht und schon gar nicht zum konkreten Ziel wurde.

Am Weg von Sopron nach Rabensburg, im Mai 2017 haben wir es beschlossen: in zwei Jahren segeln wir los. Was bis dahin alles zu tun war? Aufgabe Nummer eins: Wir brauchten eine hochseetüchtige Jacht – die wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatten. Wir hatten gar keine Jacht, nicht einmal ein Ruderboot. Da traf es sich gut, dass Captain Christoph Vorarbeit geleistet hatte. Der Master of Theory war theoretisch eh schon Jachteigner. Hatte er doch seit locker zwei Jahren sämtliche Online-Bootsmärkte durchforstet. Tatsächlich kannte er – virtuell – jede für unsere Pläne geeignete Segeljacht zwischen Polen und Südengland, die zu diesem Zeitpunkt zu verkaufen war. Entsprechend unserem schmalen Budget, dem Wunsch nach Risikominimierung und dem Bewusstein, stundenlange Autofahrten von jedem erdenklichen Hafen Europas entfernt zu sein, war klar. Eine Stahljacht etwas älteren Modells aber so weit in Schuss, dass sich die Instandsetzungsarbeiten inklusive Eigenleistung binnen zwei Jahren bewerkstelligen ließen, musste her.

Blick Richtung Nordwesten

Im Juli 2017 beschlossen Christoph und ich spontan, also mit drei Tagen Vorlaufzeit: wir fahren in die Niederlanden. Denn in Wahrheit hat man als Österreicher mit nur wenigen Tagen Urlaubsbudget, der nicht mal eben auf einen Sprung an die Küste fahren kann, um die Jacht seiner Träume  zu besichtigen, dann doch etwas eingeschränkten Handlungsspielraum. Die Niederlanden sind flächenmäßig überschaubar, zudem gab’s ein paar Jachten in erreichbarem räumlichen Umfeld, die Christoph ins Auge gefasst hatte. Eine hatte es ihm besonders angetan und der Mailverkehr mit dem Eigner ließ sich vielversprechend an. Sehr sympatisch, sehr entgegenkommend – und Zeit hatte er im Juli auch gerade. Zwei Tage vor unserer Abfahrt kam auf unser Mail keine Antwort mehr. Was tun? Auf gut Glück nach Rotterdam fahren und auf die Anwesenheit von Schiff und Eigner hoffen? Bei einer 1300-Kilometer-Fahrt zu riskant. Wir entschieden uns für die Fahrt nach Lemmer in Friesland – dort lag Wunschboot Nummer zwei – und falls das ein Schlag ins Wasser wäre, könnten wir ja immer noch Richtung Süden…

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Wir waren überzeugt, uns eh nur ein paar mögliche Kandidaten anzuschauen, heimzufahren und vielleicht demnächst eine Entscheidung zu treffen. Wir hatten ja noch zwei Jahre Zeit. Es war Juli, es war stürmisch, regnerisch und saukalt. Nach 16-stündiger Autofahrt durch Stau, Umleitungen und sintflutartige Regenfälle, einer Fahrt, während der wir zwischendurch dachten, nie anzukommen, saßen wir am nächsten Morgen im Büro von Makler Walter Knopper. Dem freundlichsten Friesen, den ich bis dato kennengelernt hatte. Wir tranken Kaffee und erzählten von unseren Ideen, ich glaube innerlich grinste er. Zwei Österreicher kommen extra wegen einer alten Stahljacht nach Lemmer? Schon lustig, diese Österreicher.

Die alte Lady ist charmant

Er begleitete uns zu Azzurro, einer Wibo Van de Stadt, Baujahr 1980. Christophs erster Satz: „Seit einem Jahr schau ich mir dieses Schiff online an und jetzt steh ich davor.“ Sie lag schon lange da im Hafen, die Azzurro. Grünspaniges Holz, das Tauwerk voll Algen, der Salon roch ein bissl muffig. Aber insgesamt gepflegt, so alt und dabei gar nicht gammelig. Trocken, kein Rost in der Bilge. Sie war uns auf Anhieb sympathisch. Walter ließ uns allein mit ihr und Christoph durchforstete jeden Winkel, hob alle Bretter, kontrollierte den Motor, linste in jede finstere Ecke, öffnete die Luken, überprüfte die Ausrüstung. Grinste. Es gefiel ihm, was er sah. Mir gefiel’s auch, aber hält das Schiffchen unseren Plänen stand?

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Am Nachmittag fuhren wir nach Sneek, dort wartete eine weitere Jacht von Christophs Wunschliste. Eine herbe Enttäuschung. Das GFK-Schiff war nicht nur feucht, sondern richtig nass – innen. Es stank, das Plastik warf Blasen, die Ausrüstung war mangelhaft bis gar nicht vorhanden, ich konnte keinen einzigen Vorteil gegenüber der Azzurro sehen, nicht einmal der Preis war akzeptabel. Wir flüchteten.

Und fanden uns am Abend in Walters Büro ein. Wir wollten das Unterwasserschiff von Azzurro sehen. Kein Problem in Friesland. Innerlich schon auf Neusiedler-See-Modus gepolt, rechneten wir damit, erst in einigen Wochen einen Termin fürs Kranen zu bekommen. Im Geiste überlegten wir: Wann kriegen wir wieder Urlaub, wie können wir die Autofahrt im Sommer ein zweites Mal bewältigen? Welch wunderbare Überraschung! Wann wollt ihr kranen? In einer Stunde, oder morgen? Sagen wir 10 Uhr? Jachtkaufen kann so einfach sein! Azzurros Unterwasserschiff war muschelbewachsen, aber darunter leuchtete es nach der Hochdruckreinigung grün und fast rostfrei. Richtig, richtig gut schaute sie aus, die Van de Stadt!

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„Wir haben sie schon“

Wieder saßen wir in Walters Büro. Er fragte: Warum wir noch überlegen? Wir waren mit dieser Frage überfordert, wollten doch eigentlich mit unserer Familie besprechen… Ja was eigentlich? Ich verschickte ein Foto von Azzurro und rief unsere Söhne an. Matthias, 20 Jahre alt, leistete gerade seinen Präsenzdienst beim Bundesheer, ging nicht ans Telefon. Wahrscheinlich gerade beim Lkw-Reifenwechsel oder so. Johannes, 22, Philosophie-Student mit Nebenjob in einem Callcenter, hob ab. „Ist sie das, was ihr wolltet? Dann nehmt sie“, riet unser Großer.  Wir drehten uns zu Walter um: „Wir kaufen sie.“ Wie einfach ein Jachtkauf ist! Als Matthias zwei Stunden später zurückschrieb: „Sieht schmuck aus. Wollt ihr sie kaufen?“, antworteten wir: „Wir haben sie schon.“

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6 Kommentare

  1. So geil und so lässig was ihr euch da als einen Teil eures „Lebens.Traum“ erfüllt – danke für die Möglichkeit, mit euch – emotional verbunden und begeistert von eurem Mut und eurer (Lebens)Freude – mit aufbrechen zu dürfen!!!

    Ich werde treu an eurer Seite sein – mit großer und geteilter (vor)Freude … ;O)
    Ron

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      1. Auf einmal. Ab 1.9.2019 habe ich mir 4 Monate Auszeit genommen. Das ist ein Sonntag und gleich der erste Tag. Nun geht es an die „Ausrüstung“, welche sorgsam ausgesucht werden sollte. Rucksack, Zelt, Schlafsack… Mal schauen was sich findet.

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  2. So geil! Damit meinen wir in der Schweiz so viel wie „super, das gefällt mir total!“ Ich war völlig überrascht, als ich sah, dass Ihr meinem Blog folgt, der ja erst ein Probeblog ist. Die Alternative ist: https://sailinglacabane.jimdofree.com. Anyway, Einige Eurer Berichte habe ich mit sehr grossem Interesse gelesen! Bei mir geht’s nächstes Jahr im Mai los. Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, Sergio

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