Schlaflose Nächte, Hafenwandertage und der perfekte Tag

Hat irgendjemand da draußen einen Tipp zu „Schlafen im Tagada“? Wir sind für jeden konstruktiven Vorschlag dankbar, denn – egal was wir versucht haben – bisher sind unsere Bemühungen durchwegs gescheitert.

Der Plan war: Schlafen wie ein Baby in der Wiege. Dafür wählten wir die Ankerbucht Sao Martinho do Porto, denn, so wurden wir von der vertrauenserweckenden Hafenmeisterin in Nazaré informiert, das Wetter sei für eine Übernachtung in der Bucht optimal. Sao Martinho ist ein Meeresbecken, das sich hinter einer schmalen Durchfahrt zwischen der felsigen Küste fast zu einem Kreis ausweitet. Bei starkem Westwind beziehungsweise rauer See wird die Zufahrt gesperrt. Da jedoch für die nächsten Tage schwacher Wind aus Nord und maximal zwei Meter Dünung aus Nordwest angesagt war, schien der Plan perfekt – und war es auch für einige Stunden.

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Einfahrt in die Bucht von Sao Martinho bei perfekten Bedingungen.

Die Dünung schob uns geradewegs in die Bucht hinein, malerisch lag der Fischerort vor Maha Nandas Bug, etliche Fischerboote und nur zwei Segelyachten dümpelten an Muringbojen im flachen Becken. Voll Zuversicht warfen wir den Anker, genossen die Stimmung, düsten mit dem Dinghi ein paar Runden, sprangen in den erfrischenden Atlantik und veranstalteten am Abend ein kleines Barbecue. Gegen Mitternacht verschwanden wir in unsere Kojen, um zehn Minuten später durch den ersten lauten Rums geweckt zu werden. Durch Maha Nanda ging ein Ruck, die Kette rutschte über die Nuss der Ankerwinde, ein kurzes Schaukeln. Ruhe. Nach zwei Minuten begann Maha Nanda erneut mit sanften Schaukelrhythmen, die sich mit jeder Bewegung steigerten, bis wir wie… eben wie in einem Tagada in alle Richtungen tanzten. Dann Ruhe. Zwei Minuten später wurde der Wellenmotor unseres schwimmenden Tagadas erneut angeworfen. So ein Mist! Ein Blick auf die vom Mond beschienene Ausfahrt der Bucht zeigte uns: Die Welle kam jetzt aus West, hatte massiv zugelegt und sorgte bei geringem Wind für Schwell in der Bucht. Extrem unangenehmen Schwell.

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Blick von der Bucht Richtung Atlantik: die Ruhe vor dem Sturm

Während im Salon alles, was nicht sturmfest (wozu auch, wir hatten ja kaum Wind) verstaut war, kreuz und quer flog, sich die Bestecklade samt Besteck am Boden verteilte und das Geschirr in den Schapps bedrohlich klirrte, versuchte die Crew, irgendwie ein klitzekleinches Quäntchen Schlaf zu bekommen. Matrose Johannes flüchtete nach einer Stunde aus der Achterkoje und legte sich im Salon quer zur Flugbahn auf die Eckbank, wo er diverse Kissen als Keile benutzte und die Füße zwecks besserer Stabilität auf den Boden stellte. Der Captain verspreizte sich mit Ellbogen und Knien Im 45-Grad-Winkel in der Bugkoje, während Erster Maat Ulli sich im Zen versuchte. Ich legte mich auf den Rücken, ließ mich einfach unrhythmisch und ruckartig hin- und herrollen und suchte dabei, meine innere Entspannung zu finden. Aber Mediation war noch nie mein Ding. Ich war und blieb die gesamte Nacht so was von unentspannt… wie übler Weise die gesamte Besatzung der Maha Nanda.

In den frühen Morgenstunden suchte unser müder, verquollener Blick als Erstes die Hafenausfahrt. Die Dünung rollte jetzt mit ungefähr drei Metern vom Atlantik kommend Richtung Bucht auf uns zu und brach sich mit lautem Getöse an der schmalsten Stelle. Alles klar: Ausfahrt gesperrt. Den Tag verbrachten wir schlafend am – glücklicherweise völlig unbeweglichen – Strand, die Nacht erneut am allerdings schon gemäßigten Tagada.

Wellenreiten mit zehn Tonnen

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zwar schien sich von den vielen Bootsbesitzern, die in der Bucht lagen, niemand herauszuwagen, aber mit dem Ebbstrom ritten wir schließlich am nächsten Vormittag im 90-Grad-Winkel über die beeindruckende Dünung, die nach einer halben Meile wieder ihre gewohnten Atlantik-Wellen-Ausmaße annahm, sodass wir entspannt bis Peniche segeln konnten.

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Cabo Carvoeiro vor Peniche

Peniche ist ein wunderhübscher kleiner Fischerort – und seit einigen Jahren Surferhotspot – mit einem kleinen Nachteil. Es ist nicht empfehlenswert, in der Hochsaison anzureisen, da der Hafenmeister die Urlaubszeit für seinen Urlaub nutzt. Tatsächlich informierte man uns, dass das Büro wegen Urlaub geschlossen sei, aber: kein Problem. Wir könnten zum Port of Peniche gehen und uns dort anmelden. Quer durch den gesamten Ort, dort drüben bei diesem Turm im Osten der Stadt, nur eine halbe Stunden entfernt…

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Zauberhafter Fischerort Peniche.

 

Was soll ich sagen: Der Portier des Ports, nahm unsere Daten freundlich auf, zahlen sollten wir aber bitteschön morgen früh, die Marine Office sei nämlich morgen von sieben bis neun Uhr besetzt. Um Dreiviertel Neun, als der Captain mit der Geldbörse vor der verschlossenen Tür stand, hieß es leider, der Mitarbeiter der Marina sei schon etwas früher gegangen, aber: kein Problem. Christoph können zum Port of Peniche….

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Meinungsverschiedenheit zwischen Steuermann und Captain: backbord oder steuerbord?

Wir steckten die Schlüssel für die Sanitäranlagen sowie 15 Euro in ein Kuvert, schrieben ein kleines Briefchen, in dem wir unter anderem auf fehlenden Stromanschluss und WiFi hinwiesen, warfen das Kuvert in den Postkasten der Marina und verließen fluchtartig Peniche.

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Am westlichsten Punkt des europäischen Festlandes Cabo da Roca bi Sonnenuntergang. 

Unser liebster Gast, Sohn und Leichtmatrose Johannes, kann nicht klagen. Wir boten ihm in den beiden Wochen, die er an Bord war ein breites Spektrum des Seglerlebens. Nicht nur Anlegerbier und Portweinverkostung, schlaflose Nächte und meterhohe Dünung, sondern auch noch eine wirklich feine Nachtansteuerung. Manches Mal gerät ein Segeltag zu einem derart perfekten Erlebnis, dass er, würde man einen Film drehen, nur in die Kategorie Kitsch einzureihen wäre.

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Cascais an einem perfekten Sommertag.

Am Weg nach Cascais hatten wir perfekten Wind, wenig Dünung, genau auf der Höhe von Cobo da Roca, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlandes, einen spektakulären Sonnenuntergang, einen vom Mond beleuchteten Atlantik und eine absolut entspannte Nachtansteuerung in die Marina Cascais, die 24 Stunden besetzt ist. Ein Hafenmitarbeiter lotste uns zu unserem – optimal gelegenen – Liegeplatz, half beim Anlegen und versorgte uns mit Eintrittskarte, WiFi-Code und Infos über Cascais und Estoril.

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In der Marina Cascais.

Kitsch hat leider seinen Preis und am nächsten Nachmittag verließen wir nach einem ausgiebigen Stadtbummel und mehreren Café-Stopps die bisher mit Abstand teuerste Marina unserer Reise. 46 Euro für unsere 36-Fuß-Lady. Da mussten wir dann doch schlucken.

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Jetzt liegen wir in der Marina Doca de Alcantara in Lissabon nahe der Ponte 25 de Abril und dem Torre de Belem zu deutlich moderateren Preisen. Allerdings sind die Sanitäranlagen auch die mit Abstand unappettitlichsten unserer Reise. Aber was soll’s. Die Tramway ist vor der Haustür, bis ins Zentrum sind’s damit nur wenige Minuten und dem Sightseeing steht somit nichts im Wege. Im Moment sind wir allerdings gerade nicht so gut d’rauf. Hängen so rum und sind zu nichts zu gebrauchen. Wir haben heute unseren Johannes verabschiedet und Maha Nanda ist auf einmal so still und leer.

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Torre de Belem und Ponte 25 de Abril.

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Manches Mal denken Menschen irgendwo an einem anderen Fleckchen der Erde gerade im richtigen Moment an uns und diesmal ist es ein deutsches Ehepaar, das wir vor zwei Jahren bei einem Segeltörn am Ionischen Meer kennengelernt haben. Sie haben uns heute einen Link der Webpage blauwasser.de geschickt. Segeln in Marokko. Genau das ist unser Plan. Schauen wir also, wie es weitergeht.

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5 Kommentare

  1. Super tolle Eindrücke und Bilder Uli, ich freue mich soooooo sehr mit und für euch und das Abenteuer „Leben“ – genießt JEDEN Augenblick, hier bei uns versäumt ihr absolut nix … ;O)))

    Virtuelle Umarmung und kraftvolles „Herzen“
    R;O)n

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  2. Hallo liebe Uli und lieber Christoph!
    Wir waren in Kroatien zum 1.Mal gemeinsam segeln und johannes hat es sehr gefallen!!!! Nun bin ich auf Zakynthos mit meiner Tochter und genieße noch 1 Wo Urlaub!Auch wenn ihr momentan etwas traurig wegen des Abschieds eures Sohnes seid, wünsche ich euch weiterhin eine schöne und spannende Reise. Denkt an Arbeit und bereits herbstliches Wetter, es wird euch gleich wieder besser gehen. Ihr habt nun die Freiheit 👍. Im Winter schaffen wir es leider nicht in die Karibik 😪. Aber ich segle ohnedies mit euch mit, lese regelmäßig die Reiseberichte. Ganz liebe Grüße, Anita

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